Kultur Fotografie

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Evan Baden fotografierte Emily, die sich fotografiert - eines von vielen Ego Updates im NRW-Forum Düsseldorf

Düsseldorfs „Ego Update: Die Zukunft der digitalen Identität“ – oder: Ich pose, also bin ich

Wir haben schon Selfies gemacht, als die noch nicht so hießen. Wir haben uns in fremden Ländern geknipst oder daheim, Fratzen geschnitten, uns in Szene gesetzt, sind mit dem Selbstauslöser um die Wette gerannt oder haben die Kamera vor unsere Gesichter gehalten, so dicht, dass sicher einer blöd aussah. Ein paar Jahre später gibt’s dafür Stative, und die Sache hat einen Namen…

…soziale Netzwerke wie Instagram veredelten das Selbstporträt zum öffentlichen Statement: Ich pose, also bin ich. 25 Millionen Deutsche sollen Selbstaufnahmen auf Armeslänge machen, 2013 wurde „Selfie“ englisches Wort des Jahres. Im NRW-Form treibt man den Hype jetzt unter der neuen künstlerischen Leitung von Alain Bieber auf die Spitze. „Ego Update. Die Zukunft der digitalen Identität“ spürt mit 23 internationalen Internet-Künstlern der Frage nach, in wie weit das Selfie das öffentliche Bewusstsein verändert. Wir sind da mal hingegangen.

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Menschenaffen stahlen David Slater die Kamera und knippsten - sich

Bunt ist es hier und voll. Das Thema Selfie lockt viele an. Gleich am Eingang blickt man in eine Reihe Spiegel, dahinter ein Text zur Ausstellung. Zusatz: „Lesbar in zwei Minuten“. Kurz, es geht ums Internet-Zeitalter, das Netz als eigene Welt, mit ihren Regeln und Stars. Aber es soll noch um mehr gehen, um nichts Geringeres als um die menschliche Grundfrage  „Wer bin ich“.

Cosplayer haben die Identitätsfrage für sich beantwortet

Man läuft man an einer Wand Cosplayer vorbei, die Oliver Sieber in den USA, Kanada und Deutschland fotografiert hat. Hier ist die Identitätsfrage klar: Diese Menschen wollen Figuren aus Mangas, Animes, Computerspielen oder Filmen sein. Dem Alter Ego des Normalbürgers ist auch der Brite Robbie Cooper mit Foto und Film auf der Spur. Er bildete weltweit Online-Spieler neben ihren Avataren ab, den Figuren, hinter denen sie sich in der virtuellen Welt verbergen. Der Blick fällt auf einen muskulösen blonden Grafik-Kerl, daneben sitzt ein Dickerchen. Der wär wohl gern ein Krieger.

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Der vollbärtige Mc Fitti ist ein moderner Poser - beobachtet von Andreas Kuschner

Gegenüber begegnet man mit MC Fitti einem Star der Internet-Szene. In einem Häuschen mit viel WWW und Werbung thront eine Skulptur des Rappers MCFitti. Ein Bronze-MCFitti mit ausgestrecktem Handy-Arm, aber ohne Handy, ein merkwürdiges Ding. MC. Fitti, überlegt man, weiß, wer er ist. Er sieht sich als Star. Machen wir ihn dazu, auch dadurch, dass wir hier sind?

Von der Frau, die ihre Hände eincremt

Man passiert eine Filmbox, in der sich eine Frau die Hände eincremt und über die Kraft des Visuellen spricht („Gehört zu Stimmen ein Charakter?“), es geht rein (1. Kammer: nur Stimme, kein Bild, 2. Kammer: Stimme mit Bild) und wieder raus. Vorbei an Bildern von Menschenaffen, von denen man erfährt, dass sie dem Fotografen David Slater die Kamera stahlen und sich selbst porträtierten. Schopfaffenweibchen-Selfies also, die zu einem gerichtlichen Urheberverfahren zwischen Slater und Wikipedia führten, dessen Ausgang ungewiss ist, was die Affen jedoch kaum berühren dürfte.

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"Crowdworker" klingt besser als "mies bezahltes Fußvolk, das digitale Kleinstarbeit verrichtet" - darauf gibt es laut Guido Segni nur eins: "The Middle Finger Response"

Dahinter entdeckt man eine Fotowand voller erhobener Mittelfinger (Guido Segni, „The Middle Finger Response“). Das sind sogenannte Crowdworker, Leute, die digitale Kleinstarbeiten verrichten, mies bezahltes Fußvolk, das seinen Unmut zum Ausdruck bringt: Segni zahlte ihnen jeweils einen halben Dollar pro Selbstporträt. Danach eine Reihe Promis, die vor dem Selfie-Hype mit der analogen Kamera Selbstauslöserbilder schossen: Jogi Löw, Grönemeyer, Lagerfeld, die üblichen Verdächtigen, angestiftet von Jonas Unger. Außerdem weitere Serien: Pin-up, viel rosa Kram. Futuristische Bauten. Und Füße, so viele Füße. Sie bebildern eine ganze Skater-Rampe.

Selfie aus dem Haifischmaul

Vieles ist witzig, manches interessant. So kann man über die Bilder des Magnum-Fotografen Martin Parr durchaus lachen. Er ließ sich weltweit in lokalen Fotostudios in Szene setzen – im Walfischmaul, als Gipfelstürmer, Soldat und mit dem FC Barcelona. Auch lustig: Alison Jacksons  gefakte Promifotos. Da liegen Merkel und Hollande mit Croissants im Bett („C'est l'Amour“), und Kanye West, der Mann von Kim Kardashian, müht sich mit dem Zurechtrücken ihres Hinterns in der Miederhose ab. Spektakulär sind die Selfies, die Vitaliy Raskalov und Vadim Makhorov auf den höchsten Gebäuden in den USA, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten schossen.  Leichtes Gruseln rufen auch die Arbeiten der US-Amerikanerin Heather Dewey-Hagborg hervor.  Das sind echte Visionen, ein Highlight. Sie schuf mittels gefundener DNA wie Kaugummis und Zigarettenkippen computergenerierte 3-D-Porträts. Schöne neue Cyberwelt.

Und dann ist es vorbei...

Am Ende sind wir so schlau wie vorher. Das World Wide Web als Mega-Markt taugt zur Klärung der Sinnesfrage kaum, die Positionen sind vereinzelt, beliebig, unerheblich. So bleibt eine Reihe im Gedächtnis, die Kurt Caviezel von weltweiten Webcam-Usern schuf. Viele gähnen herzhaft. Vermutlich sind sie müde.
 

NRW-Forum, Ehrenhof 2. Bis 17. Januar 2016, Di – So 11-20 Uhr, Freitag 11-22 Uhr. Infos auch zum Begleitprogramm: www.nrw-forum.de, Tel. 0211/8926690.

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