Kunstkritik

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Die Kunst mag ja munter aus dem Augenblick entstehen, ein Museumsbetrieb hat nichts Spontanes. Ausstellungen werden Jahre im Voraus geplant. Auch das Konzept der neuen Schau „Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns“ entstand, als die Welt noch nichts wusste vom Kampf gegen ein Virus. Es geht um Themen wie Frauenrechte, Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit. „Eine herausfordernde Ausstellung in einer politisch verdichteten Zeit“, sagt Ehrenhof-Direktor Felix Krämer. Leider wird man sie nur noch bis zum Wochenende sehen können. Dann ist mal wieder Lock-Down.

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Der Zeitgeist kann gemein sein. Ständig ändert sich sein Geschmack, und was vordem als wertvoll galt, wird verachtet. Auch Caspar David Friedrich (1774-1840), Sohn eines frommen Seifensieders aus Greifswald und der Inbegriff der deutschen Romantik, musste nach anfänglichen Erfolgen erleben, dass er vom Kunst-Blatt kritisiert wurde, weil er immer tiefer „in den dicken Nebel der Mystik“ geriet. Viel beliebter als seine melancholischen Kleinformate waren die spektakulären Landschaften und Seestücke der Düsseldorfer Malerschule. Beides kann man jetzt im Kunstpalast auf sich wirken lassen. Eine wunderbare Ausstellung, die der bedrückten Seele in diesem Corona-Winter nur Gutes tut!

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Dieser Künstler ist anders. Ihn interessiert nicht, was die Kuratoren der Biennalen für avanciert halten oder was der Zeitgeist gerade am höchsten handelt. Der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim folgte nur den eigenen Visionen. Sein Brot verdiente er lange als Lehrer am Lessing-Gymnasium, das machte ihn unabhängig. Als die Kollegen die Kunst von der erkennbaren Form befreiten, zeichnete und modellierte er seine Figuren umso wahrhaftiger. Liebe und Verdammnis sind seine Themen. Nur Gott und der Menschlichkeit fühlt er sich verpflichtet. Das Stadtmuseum würdigt den Meister jetzt zum 85. Geburtstag.

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Nun erzählen Sie mir bloß nicht, Sie täten das nie! Wir alle können es doch nicht lassen und klicken gern mal auf eins dieser putzigen Videos, von denen es im Netz nur so wimmelt: tollpatschige Welpen, freche Babys, schmusende Raubtiere. So süß! Und ehrlich gesagt, habe ich mir bei Snapchat auch schon digitale Hasenohren aufgesetzt. Unser inneres Kind ist ja leicht irre. Und die Welt ist völlig verrückt nach allem, was cute (niedlich) aussieht. Die Frankfurter Medienwissenschaftlerin Birgit Richard bezeichnet die „Cuteness“ allen Ernstes als „zentrale Ästhetik der Gegenwart“. Sie hat dazu im Düsseldorfer NRW-Forum eine schaurig süße Show inszeniert: „#cute: Inseln der Glückseligkeit?“

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Das Schöne ist nicht oft zu finden in der aktuellen akademischen Kunst des Westens. Zu groß ist die Angst vor Kitsch. Als wäre die Schönheit immer ein bisschen blöd. Dabei kann sie eine so kluge, raffinierte Zauberin sein. Das beweist die Bildhauerin Alicja Kwade mit ihrer Ausstellung „Kausalkonsequenz“ in der Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen Nato-Raketenstation bei Neuss. In diesem Herbst und Winter ist krisengenervten Düsseldorfern ein Ausflug zu dieser becircenden Kunst nur zu empfehlen.

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Aufgepasst! Wer diese Ausstellung voll erfassen möchte, braucht Zeit, Nerven und eine akademische Entschlossenheit. Denn es dauert ungefähr acht Stunden, hat eine Journalistenkollegin ausgerechnet, um alle 17 Video-Installationen der Deutschjapanerin Hito Steyerl (54) im Souterrain des K21 gebührend zu würdigen. Die in München geborene und in Berlin lehrende Professorin für Experimentalfilm arbeitet, so Institutsleiterin Susanne Gaensheimer, „einfach konsequent und kompromisslos“. Immerhin hat der von einem alten Disco-Hit ausgeliehene Titel der Schau etwas Tröstliches: „I will survive“ – ich werd’s überleben.

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Als die Schriftstellerin Herta Müller Ende der 1980er-Jahre dem rumänischen Regime entronnen war, reiste sie viel durch die freie Welt. Und weil ihr spießige Postkarten nicht gefielen, fing sie an, mit der Nagelschere Wörter aus Zeitungen auszuschneiden und auf weiße Karten zu kleben. Ein bisschen wie altmodische Erpresserbriefe – nur erfüllt von Lust, Poesie und Zwanglosigkeit. Herta Müller entwickelte solch eine Begeisterung für diese Kleinkunst, dass ihre Lyrik inzwischen aus dem Geist der Papierschnipsel entsteht. Im Heine-Institut sieht man jetzt 120 Originalcollagen: „Der Himmel fällt vom Pferd herab“.

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Er war ein braver Student, versichert Thomas Ruff (62). In der Akademie-Klasse des legendären Professoren-Paars Bernd und Hilla Becher folgte er vor über 40 Jahren dem, was er „das Dogma“ nennt, und produzierte dokumentarische Schwarz-Weiß-Fotografie nach dem Geschmack der Meister. Innenräume waren sein Thema. Doch dann knipste er nebenbei für 50 Mark Honorar die Objekte von Bildhauerkollegen, wunschgemäß in Farbe. Das gefiel ihm. Er traute sich, auch für die Interieurs einen Colorfilm zu nutzen. Bernd Becher gab ihm den Segen, und Ruff entwickelte seine eigenen, eigenwilligen Konzepte, die jetzt im K20 präsentiert werden.

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Jovita Majewski lebt nicht im Wolkenkuckucksheim der Kunst. Die 33-jährige Meisterschülerin von Weltstar Katharina Fritsch bezieht sich immer wieder auf die Realitäten dieses Planeten, sie übernimmt wie selbstverständlich auch Verantwortung für Umweltfragen. Vor einem Jahr schuf sie mit Schülern fantastische Skulpturen aus Müll, der am Rheinufer gefunden wurde. Im KIT war das verblüffende Ergebnis zu sehen. Jetzt kuratierte die Malerin anlässlich des RhineCleanUp eine Ausstellung mit fünf Kollegen. Die „Zyklen“ sind in der Oberkasseler Galerie OK25 zu sehen – ganz nah am Ufer des Stroms.

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So ist das in dieser Zeit. Manchmal fühlt man sich selbst als Teil einer rätselhaften Performance – zum Beispiel, wenn man auch in einem luftig-leeren Ausstellungssaal die Maske tragen muss. Anders als in den Amüsier-Gassen der Altstadt kann ja in der Kunsthalle am Grabbeplatz von Gedränge keine Rede sein. Nur vereinzelte Freunde junger Kunst interessieren sich für die Werke von Akademie-Absolventen, denen die mit Versicherungen handelnde Firma BEST in den letzten zehn Jahren ein Stipendium gegeben hat: „Surprize“ ist der Titel, so wie Überraschung (englisch: surprise) und Preis (prize).

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Während die Kunstsammlung NRW und die städtische Kunsthalle vorwiegend spröde Konzepte verfolgen, macht uns das kleine, vernachlässigte Goethe-Museum wieder einmal glücklich mit einer lyrisch-malerischen Ausstellung von einem der wirklich großen Düsseldorfer Künstler. Nach Heinz Mack 2018 huldigt nun Günther Uecker im Schloss Jägerhof dem Geist der Poesie und zeigt Werke, die der Schönheit des Wortes gewidmet sind. Wie einst Goethe liebt Uecker besonders die Verse des altpersischen Dichters Hafis (auch Hãfez, 1315-1319), ihm widmete er ein farbenglühendes Mappenwerk. Man kann davon nur schwärmen.

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Als Kurator Carl Friedrich Schröer den Plan fasste, den jungen Leuten in der Shabby-Chic-Location „Weltkunstzimmer“ mal zu zeigen, wer eigentlich Anatol Herzfeld ist, lebte der markante Künstler noch. Er verbrachte die schönen Tage vor seinem Holzatelier in der Auenlandschaft des Museums Insel Hombroich, zeichnete oder setzte Figuren aus rostigem Eisen in den Garten. Jeder durfte ihm zusehen. Doch dann stürzte Anatol und starb im Mai 2019, 88-jährig, nach einem verrückten, erfüllten Leben. Die von Schröer und Sabine Hegel arrangierte Schau an der Ronsdorfer Straße spielt nun mit der Erinnerung.

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Wir wollen ja alle artig sein, unsere Schutzmasken tragen und die Hygieneregeln beachten in dieser atemberaubenden Zeit. Aber je anstrengender der Alltag im Corona-Modus ist, umso dringender brauchen wir Erholung für Körper und Geist. Was kann jetzt angenehmer sein als ein Spaziergang zur Kunst, unter freiem Himmel, ganz zwanglos? Im Malkastenpark, der sich im Herbst besonders romantisch verfärben wird, hat der freie Düsseldorfer Kurator Wilko Austermann (30) eine witzig-poetische Skulpturenausstellung inszeniert.

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Alles fließt dahin – sogar die Angst vor Corona. Als der Düsseldorfer Allroundkünstler Stephan Kaluza im April sein Rhein-Fotobanner an der Fassade des Düsseldorfer Andreas Quartiers präsentierte, durften die Medienmenschen nur einzeln und draußen vortreten. Jetzt, im August, kann von virologischer Entwarnung keine Rede sein, aber man saß entspannt in der Lounge beim Kaffee. Die Show muss weitergehen, das Leben braucht Kultur und Abwechslung. „Kommt r(h)ein“ heißt deshalb die Indoor-Fortsetzung von Kaluzas Fotoprojekt.

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Nur die Mutigen wagen sich ja nachts noch auf den Burgplatz, wo sich das Partyvolk gern allzu heftig amüsiert. Zur Premiere von Jan Isings Videospektakel „Faces of Düsseldorf“ drohte zum Glück ein Unwetter. Es hielt die Massen fern – und zog dann doch vorbei. Hinter den Topfpalmen der Schlüssel-Terrasse ging karibisch die Sonne unter, friedliche Erwartung machte sich breit, und das acht Meter hohe, weiße 3-D-Gesicht, das über Tag still mit einer riesigen roten Atemschutzmaske an seinem Gerüst hängt, wurde virtuell lebendig. Und macht seine Show allabendlich bis Anfang Oktober.

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