Kunstkritik

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Zugenagelte Läden, verrottete Fassaden, Müll auf der Straße, kaum Menschen am Beuys-Platz und kein Café weit und breit: Die Krefelder Innenstadt, keine 20 Kilometer entfernt vom Shopping- und Party-Paradies Düsseldorf, ist nicht gerade the place to go. Nach dem Zusammenbruch der Textilwirtschaft lässt der Strukturwandel zu wünschen übrig. Dafür kann man in aller Ruhe richtig gute Kunst erleben. Im altehrwürdigen Kaiser Wilhelm Museum gibt es eine fabelhafte Bauhaus-Ausstellung: „Von Albers bis Zukunft“.

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Wir haben es eigentlich alle kapiert. Es geht nicht so weiter mit unserem blinden Konsum. Das gilt auch und gerade für Kleidung, die in der Masse immer billiger wird. Wie „Harper’s Bazaar“ berichtet, kommen 53 Millionen Tonnen Klamotten jährlich auf den Markt, wovon 87 Prozent auf dem Müll landen. Selbst die Branche schämt sich schon und propagiert „conscious luxury“, bewussten Luxus. 20 große Marken haben zugesagt, bis 2020 giftfrei zu produzieren. In dem Zusammenhang ist „Textile Pop“ im NRW-Forum, eine kleine Schau von Designstudenten der Hochschule Niederrhein, recht wichtig.

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Okay, Ai Weiwei hat die größere Show. Zur Vernissage im K20 stand die Warteschlange quer über den Grabbeplatz. Aber vielleicht machte der eine oder andere Ungeduldige doch auf dem Absatz kehrt und ging stattdessen lieber in die niemals überlaufene Kunsthalle. Direktor Gregor Jansen freut sich jedenfalls über „Synergien“. Und er präsentiert unbeirrbar, was jenseits des Massenandrangs neue Perspektiven eröffnet. „Fire On The Mountain“ heißt eine leidenschaftliche Schau von Bildern und Objekten der jungen Kanadierin Megan Rooney. Strenger, aber nicht minder interessant: die Fotokunst der New Yorkerin Eileen Quinlan im Kunstverein.

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Die westliche Kunst verschanzt sich oft in einem Gedankengebäude, zu dem nur wenige einen Zugang haben. Dort hütet sie ihre Geheimnisse und schert sich nicht um die ratlose Außenwelt. Der Chinese Ai Weiwei (61) geht mitten hinein in das Drama des Lebens. Er schafft Filme, Objekte und Installationen, die jeder versteht, verstehen soll. Und obgleich sie strengen Konzepten folgen, haben sie eine emotionale Wucht, die das Publikum überwältigt. Einfach atemberaubend ist Ai Weiweis Doppelausstellung in den beiden Häusern der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Und für ihn „the most important show“ seines bisherigen Lebens.

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Zero ist Teil der Kunstgeschichte. Längst hat sich die Wissenschaft mit ihrem Ordnungssinn und ihrer ungerührten Fachsprache dieser himmelsstürmenden Düsseldorfer Bewegung bemächtigt. In der Erinnerung des Künstlers Christian Megert (83) fühlt sich das anders an: „Wir waren Verrückte damals“, bemerkt er schmunzelnd in der Zero-Foundation an der Hüttenstraße, wo es in einer zeitlich und räumlich streng begrenzten Ausstellung um „structura“ geht.

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Kunst aus Glas, wie leicht bricht das ... Wer sich ausgerechnet das fragilste Material aussucht, um Objekte zu schaffen, die keinem anderen Zweck dienen als der Schönheit, muss mit äußerster Geduld und Behutsamkeit vorgehen. So wie die drei Preisträgerinnen der Jutta-Cuny-Franz-Foundation, deren Arbeiten einen Sommer lang in der Glasabteilung des Kunstpalastes vorgestellt werden. Es ist nur eine winzige Schau für Liebhaber, die links neben der großen, leuchtend blauen Bleiglasarbeit „Ago Wan II“ von Ludwig Schaffrath den Eingang finden.

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Es gibt Frühlingstage, da möchte der Düsseldorfer hinaus aus der Stadt laufen, durch die Felder, durch die Auen. Aber nicht ohne Kunstprogramm! Dann zieht es uns hinaus ins grüne Nirgendwo bei Neuss zum Kulturraum Hombroich. Nachdem der Immobilien-Tycoon und Sammler Karl-Heinrich Müller 1987 mit dem Bildhauer-Architekten Erwin Heerich die magische „Insel Hombroich“ schuf, verwandelten sich auch die benachbarte Ex-Raketenstation und brachliegende Wiesen in eine einmalige Kunstlandschaft. Die Langen Foundation zeigt jetzt 80 erlesene Stücke aus ihrer Japan-Sammlung.

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Ach, der Name Pia Fries ist Ihnen kein Begriff? Kein Grund, sich zu genieren. Auch in gewöhnlich gut informierten Kreisen kennt nicht jeder die Schweizer Malerin, die jetzt überraschend groß im Kunstpalast präsentiert wird. Ex-Direktor Beat Wismer, selbst Schweizer, hat die Verbindung noch geknüpft. Und sein Nachfolger Felix Krämer beteuert, er sei „ausgesprochen dankbar“, denn er möchte das Museum am Ehrenhof auch zu einem „Ort für die Künstler der Stadt machen“. Pia Fries war in den 1980er-Jahren eine Meisterschülerin von Gerhard Richter an der hiesigen Akademie, und sie lebt, obgleich Professorin in München, die meiste Zeit in Düsseldorf.

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Sophia hat keinen Unterleib. Aber Köpfchen. Und ein Gesicht – wie aus Männerfantasien: glänzende Augen mit Klimperwimpern, ein gerades Näschen und diese leicht geschwollenen Lippen, die dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen. Sophia kann verblüffend echt gucken und mit den Brauen zucken, lächeln wie eine unermüdliche Empfangsdame und sogar sprechen: „I’m happy to be in Düsseldorf, it is beautiful“. Thank you, sehr nett! Sophia ist auf Höflichkeit programmiert – ein Wunderwerk des Hongkonger Unternehmens Hanson Robotics und Star des internationalen Festivals „Meta Marathon“ im NRW-Forum.

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So was nennt man wohl Waffenstillstand. Alain Bieber, Direktor des NRW-Forums, und Clara Sels, bewährte Meisterin des „Duesseldorf Photo Weekend“, saßen nach vorjähriger Entzweiung zur Pressekonferenz an einem Tisch und versicherten, dass sie sich „sehr freuen, wieder gemeinsame Sache zu machen“. Dabei ist nichts geklärt. Die Galeristin Sels will, wie sie sagt, nach „sehr viel Hürdenspringen“ künftig nur noch „im Hintergrund aktiv sein“ und sucht „nach Unterstützung“. Der Oberbürgermeister wird leider alles neu sortieren. Wie es auch kommen mag, das Publikum möchte einfach Fotos sehen.

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Noch ist die Stimmung kornblumenblau, aber bald wird der Spaß vorbei sein, und spätestens dann geht der verkaterte Mensch wieder auf Sinnsuche. Eine Begegnung mit neuer Kunst ist da gerade das Richtige. Im K21 zum Beispiel kann man sich mit dem britischen Künstler Ed Atkins und seinen Videos mal so richtig ausweinen, und die Kunsthalle am Grabbeplatz präsentiert eine überraschend witzige Schau von 13 in und um Düsseldorf arbeitenden Frauen und Männer, deren Namen noch keinen Hype auf dem Kunstmarkt ausgelöst haben.

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Wie, Sie waren nicht beim Rundgang in der Akademie? Wohl keine Lust? Hier kommt die gute Nachricht für alle, die den hippen Parcours durch die Klassen am Eiskellerberg insgeheim immer zu chaotisch fanden und vielleicht sogar ein bisschen enervierend. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen will alle Jahre wieder ausgesuchte Arbeiten der Absolventen im musealen Rahmen ausstellen. Architekturprofessor Karl-Heinz Petzinka, der elegante und eloquente neue Rektor, pflegt segensreiche Verbindungen zur Außenwelt. Er hat den Plan mit Kunstsammlungs-Direktorin Susanne Gaensheimer ausgeheckt. Zusammen präsentieren sie im K21 nun zum ersten Mal die „Absolvent_innen“ (so wird das politisch korrekt geschrieben) des Vorjahres 2018.

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Der Name klingt ja ein bisschen fad: „Das junge Rheinland“. Und, sorry, ein richtig berühmter Begriff ist auch nicht daraus geworden. Schon nach der Gründung dieser Düsseldorfer Künstlerorganisation 1919 wurde ziemlich viel gemeckert. Der Galerist und Sammler Hans Koch, dem der Maler Otto Dix bald darauf die Ehefrau ausspannen sollte, fand die erste Ausstellung „fromm, fröhlich, ..., ein wenig verlogen, selbstgefällig und voll dunkler Tradition“, er schrieb vom „Arrangement des Zufalls“ zwischen verschämtem Naturalismus und einer Avantgarde, die er „Schakale auf expressionistischem Gefild“ nannte. Das war gemein, aber es zeigt, dass es eine leidenschaftliche Diskussion gab. 100 Jahre später im Kunstpalast blicken wir mit Rührung und viel größerer Wertschätzung auf dieses Stück Kulturgeschichte.

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Die Chinesen kommen. Der wirtschaftliche Aufbruch des Riesenreichs ist nicht aufzuhalten. Das wird allenthalben konstatiert und diskutiert – halb bang, halb fasziniert. Während die einen das große Geschäft wittern, fürchten die anderen den Ausverkauf der europäischen Zivilisation. Umso wichtiger ist es, auch weichere Aspekte der neuen Öffnung nach Fernost zu beachten. Was können wir entdecken, was voneinander lernen? Jian Guo, ein Chinese in Düsseldorf, Vorsitzender des Vereins für Deutsch-Chinesischen Kulturaustausch (DCKD), macht die Neue Seidenstraße zwischen Düsseldorf und Peking mit seinem Projekt „Blue Container“ zu einer Trasse der Kunstbegegnung. 15 Künstler(innen) aus Deutschland und Usbekistan zeigen jetzt im Schloss Elbroich, wie spannend das sein kann: „Interlocal“, zwischen den Orten.

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Bauhaus! Das ist zweifellos einer der coolsten Begriffe in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts – auch wenn im gefühllosen Internet erst mal die gleichnamige Baumarktkette erscheint. Die 1919 von den Architekten Walter Gropius und Henry van de Velde in Weimar gegründete Gestaltungsschule steht für alles, was wir bis heute an der Moderne vergöttern: Klarheit, Geradlinigkeit, die kühnen 20er-Jahre, die Idee des Gesamtkunstwerks in einer demokratischen Gesellschaft. Irgendwie will jeder ein bisschen Bauhaus sein. Das gilt besonders für Künstler und Kuratoren. Eine ganze Schar Kreativer präsentiert jetzt im NRW-Forum „Bauhaus und die Fotografie – Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst“.

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