Kunstkritik

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Hoffen kann man ja mal. Dass die Düsseldorfer „Kunst im Tunnel“ (KIT) am Mannesmannsufer bald wieder zugänglich sein wird und die Filme von Silke Schönfeld nicht ungesehen bleiben. Denn sie haben Zeit und Aufmerksamkeit verdient – „Über alles vernünftige Maß hinaus“, wie der Ausstellungstitel aus einer 1956 gehaltenen Rede des Düsseldorfer Kunstvereinsdirektors Hildebrand Gurlitt zitiert. Eigentlich möchte man stundenlang da unten bleiben, im Dunklen und Stillen unter der Rheinpromenade, wo bewegte Bilder besondere Geschichten vom Menschen erzählen.

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Gewöhnlich gucken Spaziergänger am Altstadtufer lieber auf die Fluten des Rheins als auf die Ufermauer, in deren Nischen nicht viel zu sehen ist außer Müll und Kritzeleien. Jetzt ist das anders. Denn die GEDOK Regionalgruppe A 46 sorgt für eine Kunstschau, die der Pandemie, dem Lockdown und der Verzagtheit trotzt. Fünf Frauen des kreativen Vereins zeigen Lieblingswerke, die auf wetterfeste Planen gedruckt und in fünf Kasematten-Nischen befestigt wurden: „Künstlerinnen für die Zukunft – Eigenwillig im Verbund“.

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Ach, Beuys, was hätte er wohl dazu gesagt? Zu Abstandsregeln, Maskenpflicht, Zeitfenstern und Zoom-Konferenzen? Hätte er das ausgehalten, der große Narr, der unermüdliche Kämpfer für eine befreite, verrückte Kunst, die sich seiner Ansicht nach im Leben selbst manifestieren sollte – als „Soziale Plastik“? Womöglich wäre der Kerl ja mit den Corona-Rebellen marschiert. Joseph Beuys (1921-1986) suchte und brauchte die Nähe der Menschen, trug seine esoterisch bewegten Botschaften unbeirrt in die Menge, pfiff auf den Segen der Obrigkeit. Der akademische Diskurs, der jetzt, im Jahr seines 100. Geburtstags, pflichtgemäß anschwillt, war für ihn viel weniger wichtig als der schlichte Satz: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, der zum Titel für eine erstaunlich frische Schau im Düsseldorfer K20 wurde.

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Ein bisschen spooky ist es schon, wie diese ganze Zeit. Das schicke Café Lennarz der Sammlung Philara im Flingerner Hinterhof bleibt geschlossen, geselliges Verweilen gehört ja zu den aktuellen Todsünden. Die Aufseherinnen schweigen hinter ihren Masken und verfolgen die Besucher/innen wie diskrete Gespenster. Nicht gerade ein Riesenspaß – und trotzdem eine Inspiration, die das Lebensgefühl hebt. Gil Bronners private Kunsthalle, ohnehin ein Ort der Entdeckungen, präsentiert in einer Sonderausstellung den ewig jungen „Totalkünstler“ Timm Ulrichs.

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Der Körper ist in dieser Krise ja ausreichend gefüttert worden. Aber auch der vom Dauerfernsehen erschlaffte Geist braucht seine Nahrung. Mit Begeisterung nutzen die Düsseldorfer die vorsichtigen Öffnungen der Ausstellungshäuser. Die Julia Stoschek Collection (JSC) an der Schanzenstraße hat die mediale Kunst wieder eingeschaltet – und obgleich nichts Populäres dort gezeigt wird, waren die Zeitfenster für dieses erste Wochenende sofort ausgebucht. Filme und Sound von zwölf Künstler/innen der Collection („JSC on View“) sowie die anspruchsvollen Konzepte des Kanadiers Jeremy Shaw fordern die intelligente Aufmerksamkeit des Publikums. Nur Mut!

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Es ist ja nicht leicht, in diesen verkrampften Zeiten hinter der Maske seine Stimme zu erheben, eine Identität zu entwickeln, sich zu profilieren. „Coming To Voice“ heißt, mit einem gewissen Trotz, die diesjährige Ausstellung der Düsseldorfer Akademie-Absolvent/inn/en des Corona-Jahres 2020. Dank der neuerlichen Museumsöffnung kann man die Leistungsschau von 69 jungen Künstler/inne/n noch ein paar Tage in Wirklichkeit besuchen.

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Der Schönheit zu huldigen, ist leider unmodern. Wie man nicht nur in der Düsseldorfer Aufregerschau „Empört Euch!“ sehen konnte, quält sich die neue Kunst in ihren politisch korrekten Konzepten mit gesellschaftlichen Problemen ab. Dabei sehnt sich der Mensch gerade jetzt, nach einem Jahr der Seuche, der Ängste und des Gezänks, nach geistiger Erholung. Stille, Licht, Abstraktion – das braucht die Welt wie vor über 60 Jahren, als ein paar junge Künstler in Düsseldorf zum Nullpunkt zurückgingen und den Schrecken der Vergangenheit sowie dem Chaos der Gegenwart die Idee von ZERO entgegensetzten. Führender Kopf war Heinz Mack, der am 8. März seinen 90. Geburtstag feiert – mit einer wunderbaren, befreienden Ausstellung im Kunstpalast.

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In der Kunst ist derzeit alles nur Fassade. Man sieht wehmütig von außen, was man drinnen so verpasst. An der linken Seite der immer noch geschlossenen Düsseldorfer Kunsthalle zieht ein ungewöhnliches Plakat die Blicke auf sich: die Vergrößerung einer aquarellierten Zeichnung, sehr zart, auf der sich einige Frauen um eine Art Rahmen mit kreisförmiger Öffnung versammeln. Das ist das „Reflection Paper“ von Evelyn Taocheng Wang. Die 40-jährige Chinesin mit Wohnsitz in Rotterdam hat im Kunstverein eine subtile Ausstellung installiert, die sie gestern digital den Medien präsentierte.

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Klar, die Videos aus unseren Kulturinstituten sind keine smarten Sendungen mit Profi-Moderatoren. Es wirkt alles ein bisschen unbeholfen und steif, jede Unvollkommenheit wird gnadenlos festgehalten. Aber, ganz im Ernst: Das ist besser, viel besser als nichts. In einer Video-Reihe auf der Website des Düsseldorfer Museums spricht Maria Zinser, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin des Generaldirektors im Kunstpalast, mit dem Autor und Kunsthistoriker Florian Illies über die Wolken in der Malerei: „Der geteilte Himmel“. Eine Erinnerung an die derzeit verschlossene Ausstellung über „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“.

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Die Kunst mag ja munter aus dem Augenblick entstehen, ein Museumsbetrieb hat nichts Spontanes. Ausstellungen werden Jahre im Voraus geplant. Auch das Konzept der neuen Schau „Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns“ entstand, als die Welt noch nichts wusste vom Kampf gegen ein Virus. Es geht um Themen wie Frauenrechte, Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit. „Eine herausfordernde Ausstellung in einer politisch verdichteten Zeit“, sagt Ehrenhof-Direktor Felix Krämer.

Ab sofort steht ein virtuellen 360 Grad-Rundgang kostenfrei zur Verfügung. „Das durch die Corona-Pandemie geprägte Zeitgeschehen und die Ereignisse am Capitol Hill hat die Aktualität vieler in der Ausstellung thematisierter Problematiken verschärft“, betont Felix Krämer, Generaldirektor Kunstpalast. „Es war für alle Beteiligten und das Team im Museum sehr schmerzhaft, dass die Ausstellung kurze Zeit nach der Eröffnung wegen des Lockdowns geschlossen werden musste. Ich freue mich, dass wir die Ausstellung nun in einem virtuellen 3D-Rundgang präsentieren können“.

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Der Zeitgeist kann gemein sein. Ständig ändert sich sein Geschmack, und was vordem als wertvoll galt, wird verachtet. Auch Caspar David Friedrich (1774-1840), Sohn eines frommen Seifensieders aus Greifswald und der Inbegriff der deutschen Romantik, musste nach anfänglichen Erfolgen erleben, dass er vom Kunst-Blatt kritisiert wurde, weil er immer tiefer „in den dicken Nebel der Mystik“ geriet. Viel beliebter als seine melancholischen Kleinformate waren die spektakulären Landschaften und Seestücke der Düsseldorfer Malerschule. Beides kann man jetzt im Kunstpalast auf sich wirken lassen. Eine wunderbare Ausstellung, die der bedrückten Seele in diesem Corona-Winter nur Gutes tut!

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Dieser Künstler ist anders. Ihn interessiert nicht, was die Kuratoren der Biennalen für avanciert halten oder was der Zeitgeist gerade am höchsten handelt. Der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim folgte nur den eigenen Visionen. Sein Brot verdiente er lange als Lehrer am Lessing-Gymnasium, das machte ihn unabhängig. Als die Kollegen die Kunst von der erkennbaren Form befreiten, zeichnete und modellierte er seine Figuren umso wahrhaftiger. Liebe und Verdammnis sind seine Themen. Nur Gott und der Menschlichkeit fühlt er sich verpflichtet. Das Stadtmuseum würdigt den Meister jetzt zum 85. Geburtstag.

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Nun erzählen Sie mir bloß nicht, Sie täten das nie! Wir alle können es doch nicht lassen und klicken gern mal auf eins dieser putzigen Videos, von denen es im Netz nur so wimmelt: tollpatschige Welpen, freche Babys, schmusende Raubtiere. So süß! Und ehrlich gesagt, habe ich mir bei Snapchat auch schon digitale Hasenohren aufgesetzt. Unser inneres Kind ist ja leicht irre. Und die Welt ist völlig verrückt nach allem, was cute (niedlich) aussieht. Die Frankfurter Medienwissenschaftlerin Birgit Richard bezeichnet die „Cuteness“ allen Ernstes als „zentrale Ästhetik der Gegenwart“. Sie hat dazu im Düsseldorfer NRW-Forum eine schaurig süße Show inszeniert: „#cute: Inseln der Glückseligkeit?“

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Das Schöne ist nicht oft zu finden in der aktuellen akademischen Kunst des Westens. Zu groß ist die Angst vor Kitsch. Als wäre die Schönheit immer ein bisschen blöd. Dabei kann sie eine so kluge, raffinierte Zauberin sein. Das beweist die Bildhauerin Alicja Kwade mit ihrer Ausstellung „Kausalkonsequenz“ in der Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen Nato-Raketenstation bei Neuss. In diesem Herbst und Winter ist krisengenervten Düsseldorfern ein Ausflug zu dieser becircenden Kunst nur zu empfehlen.

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Aufgepasst! Wer diese Ausstellung voll erfassen möchte, braucht Zeit, Nerven und eine akademische Entschlossenheit. Denn es dauert ungefähr acht Stunden, hat eine Journalistenkollegin ausgerechnet, um alle 17 Video-Installationen der Deutschjapanerin Hito Steyerl (54) im Souterrain des K21 gebührend zu würdigen. Die in München geborene und in Berlin lehrende Professorin für Experimentalfilm arbeitet, so Institutsleiterin Susanne Gaensheimer, „einfach konsequent und kompromisslos“. Immerhin hat der von einem alten Disco-Hit ausgeliehene Titel der Schau etwas Tröstliches: „I will survive“ – ich werd’s überleben.

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