Kunstkritik

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Bauhaus! Das ist zweifellos einer der coolsten Begriffe in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts – auch wenn im gefühllosen Internet erst mal die gleichnamige Baumarktkette erscheint. Die 1919 von den Architekten Walter Gropius und Henry van de Velde in Weimar gegründete Gestaltungsschule steht für alles, was wir bis heute an der Moderne vergöttern: Klarheit, Geradlinigkeit, die kühnen 20er-Jahre, die Idee des Gesamtkunstwerks in einer demokratischen Gesellschaft. Irgendwie will jeder ein bisschen Bauhaus sein. Das gilt besonders für Künstler und Kuratoren. Eine ganze Schar Kreativer präsentiert jetzt im NRW-Forum „Bauhaus und die Fotografie – Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst“.

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Distanz kann ein guter Lehrmeister sein. Lena Brüning kennt ihren Großvater Alfred Schmela nur aus Erzählungen. Sie wurde 1980 geboren, im Todesjahr des legendären Düsseldorfer Galeristen. Umso besser kann die Wahl-Berlinerin jetzt die Position einer unabhängigen Wissenschaftlerin einnehmen und zugleich persönliche Beziehungen nutzen. Sie arbeitet an einer Doktorarbeit über die Galerie Schmela – und sie hat im Auftrag der Kunstsammlung NRW im historischen Domizil an der Mutter-Ey-Straße die Ausstellung zum 100. Geburtstag von Alfred Schmela eingerichtet. Das war, sagt sie, „wie eine Zeitreise“.

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Die Verunsicherung war deutlich bei der Pressekonferenz zur Art Düsseldorf 2018. Nach einem glanzvollen Start im vorigen Jahr stand Gründungsdirektor Walter Gehlen nun allein auf der Bühne im Böhler Areal und musste nach Worten suchen. Sein langjähriger Partner auf dem Kunstmarkt, Marketing-Experte Andreas Lohaus, schied im Spätsommer überraschend aus der Geschäftsführung aus, um sich, so Gehlen, „mit anderen Themen zu beschäftigen“. Und, ganz heikel: Auch die Schweizer Messegesellschaft MCH, Betreiberin der Weltmesse Art Basel und zu 25 Prozent an der Art Düsseldorf beteiligt, zieht sich zurück. Sie will sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und verkauft ihre Anteile an den Meistbietenden. Da kann man nur sagen: Don’t give up!

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Der alte Chef interessierte sich nicht für die politische Korrektheit von Kunstgeschichte. Werner Schmalenbach (1920-2010), bis 1990 amtierender Gründungsdirektor der Kunstsammlung NRW, hatte nur einen Antrieb: „Die Lust auf das Bild“. So nannte er ein Buch über sein leidenschaftliches Leben mit der Kunst. Und so, mit den Augen und dem Herzen eines Liebhabers, trug er eine der schönsten Sammlungen der klassischen Moderne zusammen: Picasso, Matisse, Miró, Max Ernst und die anderen Großen. Alles nur westliche Ansichten, findet Schmalenbachs heutige Nachfolgerin Susanne Gaensheimer. Sie hat das Haus umräumen lassen und präsentiert nun mit einem Team von Kuratorinnen ihr „museum global – Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne“.

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Die alten Zero-Fans sind ergraut und haben ihre eigenen Erinnerungen an eine Zeit, als die Kreativität noch nicht im Business verankert war. Die neuen Zero-Manager sind jung, international vernetzt und wissen, wie man das Thema Kunst heutzutage verkauft. Im sanierten Atelierhaus wurde ein Souvenir-Shop eingerichtet. Es gibt Zero-T-Shirts für 25 Euro, Zero-Beutel für vier Euro, dazu Notizbücher, Plakate, Literatur mit Nostalgiefaktor, runde Mousepads mit Aufschrift: „Zero ist der Mond“. Very nice! Parallel zu einer englischsprachigen Konferenz in der Akademie, wo Wissenschaftler aus New York oder Amsterdam ihre Thesen in smarten Vorträgen vertreten, durfte der gemeine Kunstfreund das „Open House“ an der Hüttenstr. 104 besuchen.

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Yes, wir haben verstanden. Susanne Gaensheimer, regierende Chefin der Kunstsammlung NRW, ist ein Global Player der Kuratorenszene. Sie will und wird dem hiesigen Kulturbürger immer wieder außereuropäische Gegenwartskunst vorführen, auch wenn er zuckt, der westliche Geschmack. Nach Akram Zaataris arabischer Rätselflut und den Konzepten des indischen Raqs Media Collective präsentiert sie im K21 nun, was auch in New York und Paris als cool gilt: die Videos und Installationen der Chinesin Cao Fei. 1978 in der Millionen-Stadt Guangzhou geboren, erlebte die Tochter eines staatlich anerkannten Bildhauers das chinesische Wirtschaftswunder und die von Geschäftsinteressen geleitete Öffnung des Systems. Erfolgreich macht sie nun ihr eigenes Business mit dem, was der Katalog „Die Kunst der überschwänglichen Mehrdeutigkeit“ nennt.

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Ein wenig Jokus muss schon sein. Sonst gucken wieder nur ein paar Stammgäste und die Medien bringen kreuzbrave Vorberichte, wenn überhaupt. Deshalb versucht es Generaldirektor Felix Krämer im Kunstpalast nun mit Lack und Leder. „PS: Ich liebe Dich“ hat das ehrwürdige Haus im Ehrenhof schon vor der Eröffnung eine Mauerecke gekostet. Denn anders wäre der Lamborghini Countach 5000 GV, Baujahr 1986, 12 Zylinder, 455 PS, Höchstgeschwindigkeit: 295 Stundenkilometer, gar nicht erst aus dem Lastenaufzug gekommen. 29 blitzende, blinkende Sportwagen ruhen bis zum 10. Februar 2019 auf aluminiumgrauen, mal 25, mal 45 Zentimeter hohen Sockeln in zwei Ausstellungssälen. Der Kunstpalast zeigt Chrom-Juwelen.

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Zweifel sind angebracht. Schon immer war der Sprache nicht zu trauen. Was in der Menschheitsgeschichte als Tatsache verstanden wurde, konnte genauso gut ein Märchen sein oder eine Metapher, getragen von Glauben, Liebe, Hoffnung, Hass. Heute, im Zeitalter des digitalen Zaubers, lügen auch vermeintlich eindeutige Abbilder. Fotografien und Filme lassen sich so perfekt verändern, dass niemand die Schnitte bemerkt. Zugleich können sie sich ungehemmt im Netz verbreiten – genau wie Behauptungen aller Art. Den Verschwörungstheorien sind keine Grenzen mehr gesetzt. Im NRW-Forum kann man mal darüber nachdenken, an der Welt verzweifeln und sich doch auch ein bisschen amüsieren: „Im Zweifel für den Zweifel“ heißt eine schön maliziöse Kunstausstellung zum Thema Weltverschwörung.

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Am Wochenende gab es wieder mal ein China-Fest vor dem Düsseldorfer Rathaus: so rot, so golden, so kitschig-populär, der Himmel hing voller Troddeln und Lampions. Auch Chinas Porzellan gilt im Westen als verspielt. Man erwartet üppig bemalte Bodenvasen, reichlich Drachen, Blüten, Figuren. Dabei waren solche Dekors eher für den ordinären Hausgebrauch gedacht – und für den Export in den chinaverliebten Westen des 19. Jahrhunderts. Die feine chinesische Art hingegen ist zurückhaltend. Der Kaiser trank seinen Tee aus zarten eintönigen Schalen, die eine besondere Bedeutung hatten. Das kann man jetzt im Hetjens-Museum lernen.

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Das Düsseldorfer Museum heißt jetzt nur noch Kunstpalast. Das klingt frischer, cooler, moderner. Und so ist auch der Stil des neuen Generaldirektors Felix Krämer. Er hat das Haus geöffnet, Trennwände entfernt, Hemmschwellen beseitigt, den Shop und die Kassen ins Foyer geholt. Vier der kraftvoll geschichteten Skulpturen von Tony Cragg markieren bis Februar den Ehrenhof. Und bevor ab Ende September das Design legendärer Sportwagen in einer frechen Schau gefeiert wird („PS: Ich liebe Dich“), präsentiert Krämer nun einen Klassiker der rheinischen Moderne: den Maler Walter Ophey (1882-1930) und seine betörenden Bilder.

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Türen neu, Parkett saniert, Technik repariert: Die Handwerker waren fleißig im K21, dem zeitgenössischen Teil der Kunstsammlung NRW. Auch die beliebte Kletterinstallation „in orbit“ von Tomás Saraceno – unser Abenteuerspielplatz für Schöngeister – musste gewartet werden. Drei Wochen blieb das Haus hinterm Schwanenspiegel geschlossen. Direktorin Susanne Gaensheimer nutzte die Zeit, um ein festes Team zu installieren und die Kunst frisch aufzumischen. Die Sammlungsräume sehen mal wieder anders aus, ein Besuch lohnt sich.

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Ach, Sie sind ein Freund der Künste und kennen Giovanni Battista Beinaschi (um 1634-1688) nicht? Das ist keine Schande. Sogar Felix Krämer, der Direktor des Museums Kunstpalast, hatte vor seinem Antritt in Düsseldorf noch nie von dem Spätbarockmeister gehört. Da sieht man, sagt er, „wie ungerecht die Kunstgeschichte ist“. Obgleich Beinaschi zu Lebzeiten erfolgreich war wie zuvor Caravaggio oder nach ihm Tiepolo, wurde sein Name außerhalb Italiens weitgehend vergessen. Wie gut, dass in der von Lambert Krahe im späten 18. Jahrhundert angelegten Sammlung der Düsseldorfer Akademie 250 Zeichnungen Beinaschis erhalten blieben – mehr als in den Archiven des Louvre oder sonstwo auf der Welt. 70 dieser kostbaren Blätter sind jetzt im Museum am Ehrenhof zu sehen.

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Der Grabbeplatz ist der Sammelpunkt für das Amüsierviertel Altstadt – übersät mit eingetretenen Zigarettenkippen, Kronkorken, Flaschenscherben, Plastikbechern. Die Tiefgarage stinkt nach Urin. Man könnte hier an der Zivilisation verzweifeln, wenn nicht zwei Kulturinstitute beharrlich das menschliche Streben nach Schönheit und Erkenntnis repräsentierten. Die Landesgalerie K20 zeigt in diesem Sommer die gewebten Bilder der Bauhaus-Meisterin Anni Albers, und die Kunsthalle feiert, in Zusammenarbeit mit dem NRW-Forum, das stürmische Werk des chinesischen Malers, Filmers und Fotografen Liu Xiaodong.

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Es gibt ja immer noch ein paar Menschen, die meinen, sie könnten sich der teuflischen Technik durch Verweigerung entziehen. Träumt weiter, meine Herrschaften! Die Wahrheit ist: Auch wenn wir Facebook boykottieren und keine Selfies bei Instagram posten, sind wir alle längst gefangen im weltweiten Netz. Jeder, der online eine Erklärung gesucht, ein Ticket gebucht, sein Geld oder Fotos verwaltet oder die richtige Route gefunden hat, hinterlässt Datenspuren und wird von digitalen Ordnungssystemen erfasst. „Algorithmen dominieren unser Denken“, stellt der smarte Startup-Berater und Zukunftsexperte („Futurist“) Christopher Peterka fest. Im NRW-Forum leitet er das Technologie-Festival META Marathon – Vorspiel für eine Kunstausstellung zum Thema Künstliche Intelligenz: „Pendoran Vinci“.

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Die Frau ist verrückt. Das steht fest für uns, die wir im Leben nach Wohlbefinden streben. Marina Abramović setzt sich körperlichen Schmerzen und seelischen Qualen aus und nennt das Kunst. Sie zelebriert ihren Masochismus in aller Öffentlichkeit. Dafür wird sie von Kuratoren und Vernissage-Plauderern in den renommiertesten Galerien der Welt vergöttert. Warum nur? Vielleicht, weil es ihr gelingt, das Dunkle und Wilde, das Gefühl von Wut, Angst und Gefahr vor unseren Augen in ein Gezähmtes zu verwandeln, es gewissermaßen unschädlich zu machen. Das versteht, wer sich auf die Retrospektive in der Bonner Bundeskunsthalle einlässt: „The Cleaner“ (Tatortreiniger) heißt die furiose Schau und ist kein Familienprogramm.

Düsseldorf, Helau!

Karnevalssession 2018/19

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