Kunstkritik

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Fotografieren? Ist keine Kunst. Jeder kann mit seinem Smartphone verblüffend gute Effekte in die Welt setzen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wird die Kunst der Fotografie nach wie vor hochgeschätzt. Man will genau hinsehen. Den Unterschied verstehen. Wo steckt das Geheimnis? Warum gehen die Profis nicht unter in der ordinären Bildersintflut? Okay, sie arbeiten oft mit aufwändiger, zum Teil altmodischer Technik. Aber entscheidend ist nicht das Handwerk, sondern die Idee, die Konsequenz. In der Nachbarschaft der Lindbergh-Schau und der historischen „Sichtweisen“ im Kunstpalast betört nun der quicklebendige Martin Schoeller im NRW-Forum das Publikum mit seinen Menschenbildern.

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Über Fotografie wird viel geschnattert in der Stadt Düsseldorf. Schließlich gab es hier die legendäre Becher-Klasse, aus der Superstars wie Andreas Gursky und Candida Höfer hervorgingen. Schließlich flirten Mode und Werbung heftig mit der Kunst. Schließlich zankt man sich gern um Photo-Weekends und andere Events. Eine museumsreife Sammlung zur Geschichte der Fotokunst besaß die Stadt bisher jedoch nicht – bis Felix Krämer, gewitzter Direktor des Kunstpalasts, das Rathaus überzeugen konnte, über 3000 Lichtbilder aus den Beständen der Berliner Galerie Kicken zu erwerben. Erste „Sichtweisen“ mit einer Auswahl von 200 Fotografien aus dem 19. und 20. Jahrhundert werden jetzt dem Publikum präsentiert.

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Name ist Schall und Rauch? Ach was! Der strapazierte, aus Goethe-Zusammenhängen gerissene Spruch gilt keinesfalls für das Kunstgeschäft. Name ist alles. Während Munch noch bis zum 1. März für erfreulichen Rummel im Düsseldorfer K20 sorgt, lockt nun auch Picasso das Publikum an den Grabbeplatz. Beide Ausstellungen sind zwar von anderswo übernommen worden (Munch aus Oslo und Picasso aus Grenoble), aber Susanne Gaensheimer, die spröderen Konzepten zugeneigte Direktorin der Kunstsammlung NRW, würdigt so immerhin die Klassische Moderne, für die das Haus ursprünglich gebaut wurde.

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Irgendetwas muss es ja sein, was die Düsseldorfer Bürgerschaft am alljährlichen Rundgang der Akademie so unwiderstehlich anzieht. Geduldig steht man in der Warteschlange vor dem Eingang, um in komfortfreien Klassenräumen die Kunstübungen von über 600 Studierenden anzusehen – mit Neugier, mit Geduld. Vielleicht ist es ja das Gefühl, noch zum Neuen zu gehören, nah dran zu sein, forever young. Und es ist die Erwartung des Großen, denn die ehrwürdige Schule hat ja noch das Flair der Berühmtheiten, die sie hervorbrachte – von Schadows Malerschule bis zu den Topstars des 20. Jahrhunderts wie Beuys, Richter, Uecker. Allerdings sind die legendären Zeiten vorbei. Die aktuelle Kunst möchte vor allem eins: ins Geschäft kommen. Das merkt man an der Hochschule und im K21, wo die Absolventen von 2019 ihren Auftritt haben.

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Manchmal kann etwas Schönes zugleich etwas sehr Trauriges sein. Das gilt in hohem Maße für die betörende Ausstellung des Fotografen Peter Lindbergh im Düsseldorfer Kunstpalast. Zwei Jahre lang hatte er sie persönlich vorbereitet und die Bilder mit Hilfe eines Raummodells immer wieder neu arrangiert. Endlich wollte er seine „Untold Stories“, seine nicht erzählten Geschichten, ganz frei in einem Kulturinstitut zeigen – ohne den geringsten Einfluss der Modebranche, mit der er reich und berühmt geworden war. Ende August 2019 schickte er eine SMS aus den Sommerferien, die Schau sei jetzt fertig. Wenige Tage später, am 3. September, starb er plötzlich in Paris. Und wir sehen jetzt sein unabsichtliches Vermächtnis.

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Sollten Sie noch nie etwas gehört haben von der Rokoko-Malerin Angelika Kauffmann (1741-1807), so ist das kein Zufall. Die auf männliche Meister konzentrierten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts haben ihren Namen nur beiläufig erwähnt. Dabei war sie, wie die Kauffmann-Forscherin Bettina Baumgärtel versichert, „der Liebling ihrer Epoche, ein Superstar, eine Stilikone“. In den europäischen Metropolen huldigten ihr die höchsten Herrschaften, man feierte und kopierte sie begeistert. „The whole world is angelicamad“, erzählte man in London, die ganze Welt war verrückt nach Angelika. Dank einer großen und liebevoll arrangierten Schau im Düsseldorfer Kunstpalast wird sich der Glanz dieser fabelhaften Frau erneuern.

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Damit Sie’s wissen: Dies ist, wie Direktorin Susanne Gaensheimer versichert, „eine hochinteressante, kunsthistorisch wichtige Ausstellung“. Nun gut. Die Konsequenz, mit der die Amerikanerinnen Lee Lozano (1930-1999), Eleanor Antin (heute 84), Mierle Laderman Ukeles (81) und Adrian Piper (71) in den wilden Zeiten zwischen 1968 und 1980 ihre Konzepte in eine männlich geprägte Kunstwelt gesetzt haben, verdient durchaus Beachtung. Leider ist keine der drei noch lebenden und aktiven Ladys nach Düsseldorf gekommen, und die Schau entstand aus den trockenen Kartons des Konrad-Fischer-Archivs: „I’m not a nice girl“.

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Was ist die große Kraft der Fotografie? Dass sie keine Worte braucht. Dass sie uns ohne Geschwätz und Gezappel ein Bild der Welt, der Natur, des menschlichen Lebens schenkt. Ob schön, zart, hart oder schockierend – ein Foto hat seinen eigenen stillen Ausdruck. So war es zumindest, bevor die Konzeptkunst das Medium erobert hat. Beispiele für die neue Art, Fotografie als Mittel anstrengender Planspiele einzusetzen, sieht man jetzt im NRW-Forum. „Gute Aussichten“ werden da versprochen, leider vernebelt von Absichten und Erklärungen.

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Mag ja sein, dass in der Nachbarstadt mit dem Dom manches größer und bedeutender ausfällt – so wie die weltberühmte Kunstmesse namens Art Cologne. Aber hey, liebe Kölner, dafür ist es bei uns viel schöner! Die dritte Art Düsseldorf in den schimmernden Shabby-Schick-Hallen der einstigen Böhlerwerke inspiriert wieder ihre Besucher. Direktor Walter Gehlen, im letzten Jahr von der Baseler Messegesellschaft jäh im Stich gelassen, hat mit den neuen Teilhabern Sandy Angus und Tim Etchells zwei Experten für den asiatischen Markt hinzugewonnen und eröffnete gestern eine „internationale Messe mit starker regionaler Verankerung“.

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Prominenten-Alarm! Das norwegische Kronprinzenpaar Haakon und Mette-Marit erschien zur Vernissage im Düsseldorfer K20. Dort wird eine Ausstellung mit Bildern von Edvard Munch (1863-1944) gezeigt, kuratiert von Norwegens derzeit renommiertestem Schriftsteller Karl Ove Knausgårde, einem markant-melancholischem Mann, der in der Literaturszene seine ergebenen Fans hat und bei der Pressekonferenz von Kameraleuten nur so umschwirrt wurde. Wenn Ruhe eingekehrt ist, wird man sehen, was eigentlich an den Wänden hängt: viel Munch von der weniger berühmten Sorte, beschaulich präsentiert.

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Irgendetwas stimmt nicht: Während der 1898 gegründete Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen alljährlich am Ehrenhof den Glanz der „Großen“ zelebriert, spricht man kaum noch von dem viel älteren Mutter-Verein der Düsseldorfer Künstler. Das ist gemein. Und es soll sich ändern durch eine Ausstellung im Stadtmuseum und ein Buch zum 175-jährigen Bestehen der Gemeinschaft, die heute um ihr Überleben kämpft.

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Nur ein kleines goldenes Kreuz an seinem Revers deutet es an: Dieser lebhafte Kenner moderner Kunst ist ein Mann der Kirche. Wolfgang Hanck, katholischer Pfarrer im Ruhestand, hat der Heimatstadt Düsseldorf bereits 2008 rund 1800 Werke aus seiner privaten Sammlung geschenkt und reicht jetzt, anlässlich seines 80. Geburtstages (dabei wirkt er, ohne Schmus, glatt 20 Jahre jünger), weitere 80 Stücke nachgereicht. Dieser Segen wird jetzt mit einer Kabinettausstellung in der Sammlung des Kunstpalastes gefeiert: „Kosmos Hanck“.

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Die Puristen unter den Kulturbürgern sind sicher not amused. Doch Felix Krämer denkt anders. Ein Ausstellungshaus voller Kontraste – das ist für ihn „der perfekte Kunstpalast“. Nachdem der Generaldirektor im letzten Jahr hochglanzpolierte Autos am Düsseldorfer Ehrenhof würdigte, als wären es Skulpturen, präsentiert der Direktor nun, gleich neben der furchtbar ernsten und politisch gewichtigen Kunst der DDR, den Pariser Modeschöpfer Pierre Cardin: „Fashion Futurist“. Muss das sein? Nein. Aber es macht ungeheuren Spaß, lockt ganz neue Leute und vertreibt den letzten Rest von Langeweile aus dem Museum. Mit Spiegeln, Filmen und funkelnder Beleuchtung wurde der Kunstpalast in eine glamouröse Bühne verwandelt. Man kommt sich gleich ganz plump und underdressed vor.

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Dieses Faltblatt kann einen ganz kirre machen. Alle Jahre wieder verwirrt das Düsseldorfer Kulturamt seine Bürger mit einer winzig bedruckten Liste von Kunstpunkten, die beim besten Willen kein Mensch abarbeiten kann. 484 Maler und Bildhauer (natürlich beiderlei Geschlechts) präsentieren in diesem Jahr ihre Werke in offenen Ateliers mit 217 verschiedenen Adressen im gesamten Stadtgebiet. Wer genießen und entdecken will, sollte daraus bloß keine Schnitzeljagd machen. Einfach was aussuchen. Wir sind am Sonntag (15.9.) zwischen Bilk und Holthausen unterwegs gewesen.

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Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, meine Herrschaften! Zwei Wochen vor der musealen Modenschau über „Fashion Futurist“ Pierre Cardin im Düsseldorfer Kunstpalast präsentiert der vielseitige Direktor Felix Krämer „Utopie und Untergang – Kunst in der DDR“. Man ist ja schließlich der Bildung verpflichtet. Und der Moral. Nach Krämers Ansicht ist es beschämend, dass sich seit dem Mauerfall kein anderes Institut im deutschen Westen (Berlin gilt nicht) für das Thema zu interessieren scheint. So wird das natürlich nichts mit der inneren Einheit. Denn, so Krämer eindringlich: „Es ist wichtig, dass man sich füreinander interessiert.“ Da hat er Recht.

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