Kunstkritik

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In der verwunschenen Zeit des Lockdowns war der Lantz’sche Park im Düsseldorfer Stadtteil Lohausen eine besondere Zuflucht: Wo sonst der Fluglärm bis zur Unerträglichkeit dröhnt, zwitscherten die Vögel mit Inbrunst, es herrschte Frieden unter den alten Bäumen. Auch jetzt ist die Fliegerei noch reduziert, nur gelegentlich verschlägt ein Düsenjet den Spaziergängern die Sprache. Und es gibt einen erfreulichen Anlass, das 14,5 Hektar große Gelände zu besuchen: Kunsthallenchef Gregor Jansen hat den Skulpturenpark wiederbelebt.

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Die harten Kerle sind weit gereist in den letzten 25 Jahren. Sie standen stramm vor den Pyramiden und am Matterhorn, auf der Chinesischen Mauer, in Moskau, Paris, Rom und im Rittersaal eines oberschwäbischen Schlosses. Aus Müll hat HA Schult seine friedliche Armee der „Trash People“ geschaffen, und wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht mehr. Eigentlich hätten die markanten Typen in diesem Frühjahr vor dem Mailänder Dom antreten sollen. Aber Corona kam dazwischen, auch aus einem Afrika-Projekt wurde nichts. Dafür machen 100 von Schults 1000 reisenden Müll-Männern jetzt „HALT im Glashaus“ an der Düsseldorfer Kapuzinergasse.

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Nein, die Künstlerin möchte nicht fotografiert werden – Sabrina Fritsch ist eigen. Aber es tragen ja sowieso alle ihre verschnauften Masken im Gesicht, Menschen machen derzeit nichts her. Dafür leuchtet umso mehr der Saal 4 im zweiten Stock des Kunstpalasts, wo für zwei Wochen elf Bilder der Trägerin des neu konzipierten Landsberg-Preises auf ungewöhnlich farbig gestalteten Wänden zu sehen sind. „Charlie Mike Yankee Kilo“ ist der augenzwinkernde Titel für das Gesamterlebnis, so buchstabiert man CMYK, die Abkürzung für die vier Grundfarben des Offsetdrucks: Cyan, Magenta, Yellow und Key – Blau, Rot, Gelb und Schwarz.

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Hätte Charlotte Posenenske geahnt, wie sie im fernen Jahr 2020 geehrt werden würde, hätte sie 1968 ihr Werk vielleicht nicht resigniert aufgegeben, um dann doch lieber Soziologie zu studieren. Nach entschlossenen Aktionen in der wilden Zeit der Nachkriegs-Avantgarde kam ihr das künstlerische Handeln mit einem Mal völlig wirkungslos vor. Tatsächlich wurde ihr Name weitgehend vergessen – bis Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW und immer auf der Suche nach weiblichen Positionen der Moderne, beschloss, die minimalistischen Konzepte der 1985 verstorbenen Charlotte Posenenske im großen Saal des K20 wie eine Offenbarung zu präsentieren.

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Reine Nervensache, in diesen Tagen die Kunst zu suchen. Statt einer Vernissage gab es im Hetjens-Museum eine abendliche „Sonderöffnung“, bei der ordentlich maskierte Besucher einzeln und paarweise vorgelassen wurden und sich nach Plan stets vorwärts, nie zurück bewegen durften. Die atemberaubenden Zwänge der Corona-Krise haben uns alle im Griff. Doch man darf sich nicht abschrecken lassen. Denn die Keramiken des Düsseldorfer Bildhauers Thomas Schütte sind einfach hinreißend und sorgen für Heiterkeit und Seelenruhe

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Die Krise bringt es an den Tag: Kneipen, Kitas und Kaufmannsläden werden schmerzlicher vermisst als die Kunst. Und so kommt es, dass die Menschen nach ersten Lockerungen zwar stundenlang wie blöde in der Warteschlange vor Ikea ausharrten (obgleich es nicht mal Kötbullar gab), aber nur vereinzelte, brav maskierte Besucher in die Düsseldorfer Ausstellungen streben. Das hat natürlich auch viel Schönes. Am ersten Tag der Wiedereröffnung von K20 und der Kunsthalle am Grabbeplatz konnte man am hier tatsächlich allein mit Picasso sein und da ganz ohne Gedränge die weltberühmte Fotokunst der Rhein-Ruhr-Region bestaunen: „Subjekt und Objekt“.

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Still ruhen Kunstsammlung und Kunsthalle. Ungesehen bleiben hier Picassos Bilder aus den Kriegsjahren und dort 600 Werke der weltweit beachteten Fotoszene an Rhein und Ruhr. Keine Spur von Kultur am Grabbeplatz. Kein Spaß in den Kneipen, der Düsseldorfer Lifestyle ist in Quarantäne. Da guckt man geradezu begierig auf das Andreasquartier, das den Passanten an seiner herrschaftlichen Landgerichtsfassade ein schönes Konzept präsentiert. Der Düsseldorfer Maler, Autor und Projektkünstler Stephan Kaluza zeigt ein 100 Meter langes und 2,35 Meter breites Banner mit ineinander gefügten Aufnahmen des Rheins: „Alles bleibt im Fluss“.

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Alle lieben den Rundgang, wenn die Düsseldorfer Kunststudenten dem bürgerlichen Publikum die Ideen des Jahres als wilde Überraschungsshow präsentieren. Aber die Akademie kann auch anders. In der Galerie am Burgplatz, zwischen Rathaus und Schlossturm, werden in rauchweißen Räumen und gemächlicher Reihenfolge die modernen Großmeister des Instituts gewürdigt. Bis Ende April zeigt Kuratorin Vanessa Sondermann dort eine noble Ausstellung zum 100. Geburtstag von Gerhard Hoehme (1920-89), der von 1960 bis 1984 einer der prägenden Professoren für Freie Malerei war.

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Eva Birkenstock macht es dem Publikum nicht leicht. Die Chefin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen erwartet mehr als ein bisschen Kunstinteresse am Sonntagnachmittag. Ihre Ausstellungen, durchweg feministisch geprägt, erfordern intellektuelle Zuwendung. Man kann auch sagen, sie sind ganz schön anstrengend. Das kann nerven, oft lohnt es sich. Wer sich einlässt auf das „Deferral Theatre“ der koreanischen Konzeptkünstlerin siren eun young jung (von Experten kleingeschrieben), der/die erfährt Interessantes aus Koreas Kulturgeschichte.

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Fotografieren? Ist keine Kunst. Jeder kann mit seinem Smartphone verblüffend gute Effekte in die Welt setzen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wird die Kunst der Fotografie nach wie vor hochgeschätzt. Man will genau hinsehen. Den Unterschied verstehen. Wo steckt das Geheimnis? Warum gehen die Profis nicht unter in der ordinären Bildersintflut? Okay, sie arbeiten oft mit aufwändiger, zum Teil altmodischer Technik. Aber entscheidend ist nicht das Handwerk, sondern die Idee, die Konsequenz. In der Nachbarschaft der Lindbergh-Schau und der historischen „Sichtweisen“ im Kunstpalast betört nun der quicklebendige Martin Schoeller im NRW-Forum das Publikum mit seinen Menschenbildern.

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Über Fotografie wird viel geschnattert in der Stadt Düsseldorf. Schließlich gab es hier die legendäre Becher-Klasse, aus der Superstars wie Andreas Gursky und Candida Höfer hervorgingen. Schließlich flirten Mode und Werbung heftig mit der Kunst. Schließlich zankt man sich gern um Photo-Weekends und andere Events. Eine museumsreife Sammlung zur Geschichte der Fotokunst besaß die Stadt bisher jedoch nicht – bis Felix Krämer, gewitzter Direktor des Kunstpalasts, das Rathaus überzeugen konnte, über 3000 Lichtbilder aus den Beständen der Berliner Galerie Kicken zu erwerben. Erste „Sichtweisen“ mit einer Auswahl von 200 Fotografien aus dem 19. und 20. Jahrhundert werden jetzt dem Publikum präsentiert.

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Name ist Schall und Rauch? Ach was! Der strapazierte, aus Goethe-Zusammenhängen gerissene Spruch gilt keinesfalls für das Kunstgeschäft. Name ist alles. Während Munch noch bis zum 1. März für erfreulichen Rummel im Düsseldorfer K20 sorgt, lockt nun auch Picasso das Publikum an den Grabbeplatz. Beide Ausstellungen sind zwar von anderswo übernommen worden (Munch aus Oslo und Picasso aus Grenoble), aber Susanne Gaensheimer, die spröderen Konzepten zugeneigte Direktorin der Kunstsammlung NRW, würdigt so immerhin die Klassische Moderne, für die das Haus ursprünglich gebaut wurde.

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Irgendetwas muss es ja sein, was die Düsseldorfer Bürgerschaft am alljährlichen Rundgang der Akademie so unwiderstehlich anzieht. Geduldig steht man in der Warteschlange vor dem Eingang, um in komfortfreien Klassenräumen die Kunstübungen von über 600 Studierenden anzusehen – mit Neugier, mit Geduld. Vielleicht ist es ja das Gefühl, noch zum Neuen zu gehören, nah dran zu sein, forever young. Und es ist die Erwartung des Großen, denn die ehrwürdige Schule hat ja noch das Flair der Berühmtheiten, die sie hervorbrachte – von Schadows Malerschule bis zu den Topstars des 20. Jahrhunderts wie Beuys, Richter, Uecker. Allerdings sind die legendären Zeiten vorbei. Die aktuelle Kunst möchte vor allem eins: ins Geschäft kommen. Das merkt man an der Hochschule und im K21, wo die Absolventen von 2019 ihren Auftritt haben.

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Manchmal kann etwas Schönes zugleich etwas sehr Trauriges sein. Das gilt in hohem Maße für die betörende Ausstellung des Fotografen Peter Lindbergh im Düsseldorfer Kunstpalast. Zwei Jahre lang hatte er sie persönlich vorbereitet und die Bilder mit Hilfe eines Raummodells immer wieder neu arrangiert. Endlich wollte er seine „Untold Stories“, seine nicht erzählten Geschichten, ganz frei in einem Kulturinstitut zeigen – ohne den geringsten Einfluss der Modebranche, mit der er reich und berühmt geworden war. Ende August 2019 schickte er eine SMS aus den Sommerferien, die Schau sei jetzt fertig. Wenige Tage später, am 3. September, starb er plötzlich in Paris. Und wir sehen jetzt sein unabsichtliches Vermächtnis.

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Sollten Sie noch nie etwas gehört haben von der Rokoko-Malerin Angelika Kauffmann (1741-1807), so ist das kein Zufall. Die auf männliche Meister konzentrierten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts haben ihren Namen nur beiläufig erwähnt. Dabei war sie, wie die Kauffmann-Forscherin Bettina Baumgärtel versichert, „der Liebling ihrer Epoche, ein Superstar, eine Stilikone“. In den europäischen Metropolen huldigten ihr die höchsten Herrschaften, man feierte und kopierte sie begeistert. „The whole world is angelicamad“, erzählte man in London, die ganze Welt war verrückt nach Angelika. Dank einer großen und liebevoll arrangierten Schau im Düsseldorfer Kunstpalast wird sich der Glanz dieser fabelhaften Frau erneuern.

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