Kunstkritik

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Nein, das ist keine dieser Ausstellungen, die jeden Museumsbesucher auf Anhieb betören. Ehrlich gesagt, könnte man die vergilbten und ergrauten Papiere, oft nur Fetzen, in ihren dezenten Rahmen leicht übersehen – auf dem Weg zu spektakulärer Malerei. Doch ehe uns der alte Meister Cranach (ab 8. April) mit seinen raffinierten Schönheiten in den Kunstpalast lockt, sollten wir doch einen Blick werfen auf „Idea et Inventio“ (Idee und Erfindung), eine Auswahl von 100 italienischen Zeichnungen des 15. und 16 Jahrhunderts aus der historischen Sammlung der Kunstakademie.

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So ist sie nun mal: Kommt meistens zu spät, in Eile und zerzaust, redet dazwischen, drängelt sich vor, grinst wie ein freches Mädchen und kennt einfach keine Zurückhaltung. Über Dr. Helga Meister wird in der Düsseldorfer Kulturszene viel gestöhnt und noch mehr getratscht. Aber letztendlich stehen alle stramm vor der meinungsfreudigen Journalistin, deren Alter niemand so genau kennt. Seit circa 50 Jahren gehört sie zu dieser Stadt wie eine Institution.

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Das Haus ist verkauft, man sieht es auf dem Maklerschild vorn an der Straße. Vor dem Eingang steht ein Jaguar, beladen mit Gepäck. Rechtssteuerung. Ein Wagen aus England, ganz offenbar. „I voted stay“, sagt ein Aufkleber an der Heckscheibe. Well, der neue Bewohner scheint ein Gegner des Brexit zu sein. Ganz offenbar hat da jemand Großbritannien verlassen und ist vor den politischen Verhältnissen auf den Kontinent geflohen, nach Krefeld. Why not? Die Tür zu der klassisch modernen Villa steht offen, jeder darf eintreten – falls er ein Ticket gekauft hat. Denn, Ladies und Gentlemen, was Sie hier wahrnehmen, ist Kunst. Und die Immobilie ist ein Museum, Haus Lange, wo das skandinavische Künstlerduro Elmgreen & Dragset das ebenso spannende wie rätselhafte Drama um „Die Zugezogenen“ inszeniert hat.

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Es ist so eine Sache mit der konzeptuellen Kunst der 1960er- bis 70er-Jahre. Grauköpfe, die damals sehr jung waren – jaja, auch ich – sehen die Relikte recht gerne. Sie verstärken unsere Illusion, dass wir alle frei, kühn, scharfsinnig und mit der Nase dabei waren, lauter Helden der Epoche. Mal abgesehen davon, dass wir in Wahrheit keine große Rolle spielten, ist der Zeitgeist uns flott davongerannt. Und es stellt sich die Frage, ob ein Projekt wie die Ausstellung über den belgischen Kunstdenker und Zwischendurch-Düsseldorfer Marcel Broodthaers (1924-1976) im K21 das heutige Publikum überhaupt noch interessiert.

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Auch die Kunst gehört nun mal zum Showgeschäft. Bekannte Namen und prickelnde Themen fördern die Quote. Im April wird das Publikum wieder Schlange stehen, wenn im Kunstpalast die Sonderschau um „Cranach. Meister – Marke – Moderne“ eröffnet wird. Was die Sammlung eines Museums alltäglich zu bieten hat, wird hingegen oft übersehen. Eine Kabinettausstellung mit dem Titel „Augenschmaus“ verweist jetzt auf 20 Stillleben des 17. bis 20. Jahrhunderts, die zum Düsseldorfer Gemäldeschatz gehören.

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Nun ja, es ist eine Pflichtübung. Jedes Jahr muss das Museum Kunstpalast als städtische Einrichtung die sogenannte „Große“ Schau des 1900 gegründeten Vereins zur Veranstaltung von Kunstausstellungen beherbergen. Dabei geht es auch ums Fördern durch Kaufen und Verkaufen – ziemlich degoutant für Hüter der reinen Kulturvermittlung. Lange Zeit gab es deshalb einen halb beleidigten Abstand zwischen dem Museum und dem Verein. Man ließ die Sache über sich ergehen – bis vor zehn Jahren Generaldirektor Beat Wismer kam und beschloss, die Große Ausstellung einfach ins offizielle Programm zu integrieren: „Wir machen sie zu unserer, und wir machen sie gut!“

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Er hatte was, dieser junge Mann aus dem Osten. Eine Frechheit, einen Charme, ein markantes Gesicht. Er trug schicke Anzüge, aber er sah darin nicht aus wie ein Bürger, eher wie ein Gangster aus dem Kintopp. Und malen konnte der Kerl, zum Fürchten! Die Gesellschaft im Düsseldorf der locker-leichten 1920er-Jahre war irritiert, amüsiert, fasziniert. Otto Dix (1881-1969), im thüringischen Kaff Untermhaus geborener Sohn eines Eisengießers, machte 1922-25 sein Glück am Rhein, hier startete er seine Karriere. „Der böse Blick“, so der Titel einer grandios sortierten und arrangierten Schau im K20, führte den Meister der sogenannten Neuen Sachlichkeit geradewegs in den Olymp der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

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Die Kameraleute sind verdammt enttäuscht. Peter Lindbergh ist nicht da. Nee, der Kollege da hinten mit dem schwarzen Käppi und dem weißen Fünftagebart sieht nur so ähnlich aus. Aber: „Peter ist unterwegs“, versichert Kurator Ralph Goertz im Ton des Eingeweihten, „mit dem Auto direkt aus Paris“. Hach, toll, da kann das Grand Opening am Abend ja kommen! Der Name des 72-jährigen Starfotografen, Entdecker von Supermodels wie Cindy Crawford und Linda Evangelista, Lichtbildner der „Vogue“ und Veredler des diesjährigen Pirelli-Kalenders, gibt dem Düsseldorfer Photo Weekend diesen gewissen Glamour, der auch die Kunstbanausen lockt.

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Es ist nicht leicht, im Gewimmel des Düsseldorfer Akademie-Rundgangs die berührende Kunst zu finden. Da ruft einfach zu viel und zu beliebiges Zeug in den Klassen und endlosen Fluren nach Aufmerksamkeit. Vielleicht ist der Jury für den ersten Ehrenhof-Preis gerade deshalb das Unauffällige aufgefallen. Ulrike Schulze aus Köln, geboren 1985, Schülerin der britischen Bildhauerin Rebecca Warren, hatte mit ihrer Abschlussarbeit nur behutsam in den Raum eingegriffen: den Boden lackiert, eine Wand eingezogen, einige undefinierbare Elemente verteilt. Ist das überhaupt schon Kunst? Oder dürfen wir es getrost übersehen?

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Die am Dienstagabend im NRW-Forum versammelte Düsseldorfer Kulturpolitik hat sich selbst das größtmögliche Armutszeugnis ausgestellt. Cornelia Mohrs (SPD), Karin Trepke (Grüne), Peter Ulrich Peters (Die Linke) und der von der FDP vertretungsweise geschickte Ulf Montanus verweigerten 150 Bürgern eine im Programm angekündigte Podiumsdiskussion zum Kulturentwicklungsplan. Die Begründung: die Initiatorin des Diskussionsprozesses, Clara Gerlach von den Grünen, sei verhindert. Präziser als mit dieser Ausrede (eine grüne Vertretung war ja da) hätte man den tiefen Graben zwischen Kulturschaffenden und Politik in Düsseldorf nicht ausloten können.

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Sollen sie sich doch wundern, die letzten Kulturbürger mit ihren musealen Ansprüchen! Alain Bieber (37), der mit Web- und Popkultur vertraute Chef des NRW-Forums, will einfach nur was Prickelndes zeigen. Er amüsierte das Volk mit seiner verspielten Selfie-Show, er setzte die Düsseldorfer auf das rote Sofa von Horst Wackerbarth, und jetzt vertreibt er den Winterblues mit bunten Glamourbildern unter dem Titel: „Bling Bling Baby!“ Parallel gibt es preisgekrönte Nachwuchsfotografie und Todernstes über Terrorpropaganda. Die Kombination mag geschmacklos sein, aber: So geht es nun mal zu in unserer virtuell verbandelten Welt. Das Lustige und das Grauenhafte sind nur einen Klick und in diesem Fall ein paar Schritte voneinander entfernt.

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Er war ein New Yorker, aufgewachsen in Amerikas himmelsstürmender Metropole. Aber seine Inspiration fand Lyonel Feininger (1871-1956), Sohn eines aus Baden stammenden Geigers, im krisengeschüttelten Europa. Seine Lieblingsmotive, das waren die Türme, Tore und Giebel deutscher Dörfer und Kleinstädte. An den Ufern der Ostsee träumte er den Segelschiffen hinterher. „Zwischen den Welten“ entstanden Grafiken und Aquarelle, die jetzt im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen sind. Aus eigenen Beständen, dem Essener Museum Folkwang und zwei Privatsammlungen stammen die etwa 80 Schätze aus Papier, die Gunda Luzyken, Leiterin der Graphischen Abteilung zusammenstellte. Eine Präsentation, so zart und still wie der rosa Farbton, den die Kuratorin für einige Wände wählte.

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Er hat’s. Dieses Gespür für das Publikum. Beat Wismer, der im nächsten Jahr - leider, leider – scheidende Generaldirektor des Düsseldorfer Museums Kunstpalast, möchte nicht nur in der Fachwelt reüssieren. Der gewitzte Schweizer will, dass alle hinsehen. Und das wird ihm, nach dem grandiosen Tschingderassabum der Tinguely-Maschinen, mit seiner letzten selbst kuratierten Schau wieder gelingen. „Hinter dem Vorhang“ präsentieren Wismer und seine Kollegin Claudia Blümle rund 200 Werke, die mit Verhüllung und Enthüllung zu tun haben – von der Renaissance bis heute. Um es unverhüllt zu sagen: Diese Ausstellung ist eine Pracht, und sie inspiriert den Betrachter auch ohne große Erklärungen.

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Ach, Verklärung tut ja so gut! Einhellig schwärmen selbst konservative Bürger, Politiker und Lobbyisten für die späten 1960er-Jahre, als der leicht verkrachte Künstler Konrad Fischer in einem Torbogen an der Neubrückstr. 12, mitten in der Düsseldorfer Altstadt, diese winzige Avantgarde-Galerie aufmachte. Mag sein, dass damals kaum einer hinguckte. Mag sein, dass spätere Kunst-Superstars wie Gerhard Richter und Bruce Nauman bei einer Vernissage mit dem Galeristen allein dastanden und resigniert ein Bier trinken gingen. Heute will jeder, der alt genug ist, dabei gewesen sein. Und die Jungen erschauern vor Ehrfurcht.

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Also bitte, der Mann hat auch schon mal was Anderes fotografiert: Madonnen, Nackte, seine alte Mutter, sogar Mode – Naomi Campbell vor einem weißen Pferd! Aber dafür, weiß Horst Wackerbarth, interessiert sich ja doch kein Mensch. Er ist nun mal berühmt für eine einzige Idee, sein unverwechselbares Bildkonzept: das rote Sofa. Über 800 Menschen in 52 Ländern haben in den kuriosen Umgebungen auf dem Möbel Platz genommen. Im NRW-Forum zu Düsseldorf, wo der gebürtige Hesse seit 30 Jahren lebt und arbeitet, wird er nun mit einer Retrospektive geehrt.

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