Kultur Kunstkritik

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Der Künstler in Aktion: Ein Kreis von Video-Geräten zeigt filmische Erinnerungen an Anatol.

Annäherung an einen Kunstgeist: Anatol im Düsseldorfer Weltkunstzimmer

Als Kurator Carl Friedrich Schröer den Plan fasste, den jungen Leuten in der Shabby-Chic-Location „Weltkunstzimmer“ mal zu zeigen, wer eigentlich Anatol Herzfeld ist, lebte der markante Künstler noch. Er verbrachte die schönen Tage vor seinem Holzatelier in der Auenlandschaft des Museums Insel Hombroich, zeichnete oder setzte Figuren aus rostigem Eisen in den Garten. Jeder durfte ihm zusehen. Doch dann stürzte Anatol und starb im Mai 2019, 88-jährig, nach einem verrückten, erfüllten Leben. Die von Schröer und Sabine Hegel arrangierte Schau an der Ronsdorfer Straße spielt nun mit der Erinnerung.

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Der Künstler war auch überzeugter Polizist. Kurator Carl Friedrich Schröer zeigt Anatols Motorrad und seine Uniform.

Wie viele Düsseldorfer hatte der Kurator schon als Kind die erste Begegnung mit Anatol – jenseits der Kunst. Denn der gelernte Hufschmied, 1931 in Ostpreußen geboren und gegen Kriegsende nach Westdeutschland geflohen, war 1953 ganz artig zur Schutzpolizei gegangen. Wenn er Dienst hatte, trug er die grüne Uniform mit Überzeugung und widmete sich einer besonderen Mission: Mit einem puppenspielenden Kollegen und dem „Verkehrskasper“ zog er durch die Schulen, um den Kindern beizubringen, wie sie sich da draußen auf der Straße verhalten müssen. Sie hatten alle sehr viel Respekt vor dem hünenhaften Mann mit dem Schnauzbart. „Es war ein bisschen lustig und ein bisschen gruselig“, schmunzelt Schröer.

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Verwandlung: Anatols alter Computer, 1989 benutzt und dann als Objekt unter dem Titel „Tschernobyl“ in Blei gegossen.

Die Relikte des Polizisten

Weil die Aufgaben als Ordnungshüter wichtig waren für den eher konservativ denkenden, christdemokratisch engagierten Künstler, hat Schröer in einem Nebenraum der ehemaligen Backfabrik das dicke Polizeimotorrad, Anatols Uniform und Stiefel sowie einen Verkehrskasper-Film von 1980 in einem Extra-Raum zu einer Art Installation zusammengestellt. Anatol, der bürgerlich Karl-Heinz hieß, hatte kein Problem mit den zwei so unterschiedlichen Identitäten. Er mochte Kinder, baute ihnen ein ulkiges Traumschiff, redete gern mit kulturfernen Menschen und blieb auch bodenständig, wenn er seinen schwarzen Künstlerhut aufhatte. „Zeigt euch mal, kommt heraus aus den Deuterbuden“, rief er der intellektuellen Elite entgegen.

Anatol war einfach ein netter Kerl ohne Dünkel. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Kunstgeschichte ihn, trotz eines umfangreichen eigenen Werks, hauptsächlich als Schüler und Helfer seines weltberühmten Meisters Joseph Beuys einordnet. Ab 1964 hatte der junge Polizist elf Semester lang bei dem charismatischen Professor an der Akademie studiert. Beuys gab so manchem Außenseiter eine Chance.

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Der Geist des Künstlers: Anatol (1931-2019) wandert auf einem Video am Wasser entlang.

Requisiten für den Meister

Anatol war ihm der treueste Gefährte. Mit seinen handwerklichen Fähigkeiten baute er bereitwillig Requisiten für große Auftritte des Star-Kollegen. 1968 zum Beispiel stellte er im Szenelokal Cream Cheese einen stählernen „Drama Tisch“ mit Handfesseln und Lichtsignalen für eine Beuys-Performance auf. Die Ausstellung zeigt eine Vergrößerung der Entwurf-Skizze, die eigentlich eine selbstständige Zeichnung ist. Die larvenartigen Figuren, die da am Tisch sitzen und Strahlenblicke werfen, sind typisch für Anatol, sie stehen für Werden und Vergehen, genau wie seine spröden Schmetterlinge, Blumen und Bienenwesen.

Aber die Welt guckt nun mal auf Beuys, damals wie heute. Dabei wäre der Guru mit seinen Filzecken und seltsamen Happenings womöglich gar nicht so unvergesslich, wenn Anatol ihm nicht aus einem 30 Meter langen Pappelstamm einen Einbaum geschnitzt hätte, mit dem er den aus der Akademie entlassenen Meister am 20. Oktober 1973 vom Oberkasseler Ufer abholte und über den Rhein Richtung Schlossturm ruderte. Die „Heimholung des Joseph Beuys“, begleitet von zahlreichen Booten, war ein Medienereignis und ging als legendäre Fluxus-Aktion in die Geschichte ein.

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Kuratorin Sabine Hegel an dem Wabentuch, das Anatol 1969 für die Ausstellung „between“ in der Düsseldorfer Kunsthalle entwarf.

Nostalgie in der Auenlandschaft

Aber was ist mit Anatol? Sein Werk ist mit Sicherheit am lebendigsten auf der Insel Hombroich, wo er sich in den 1980er-Jahren ein Atelier in der Natur einrichtete und die „Arbeitszeit“, wie er das Kunstmachen bescheiden nannte, mit Spaziergängern teilte. Eisern stehen auf der Wiese die Stühle einer Tafelrunde nach Anatols Art, viele Objekte sind unter freiem Himmel zu entdecken. „Kunst ist Seelsorge“, sagt ein rot beschriebenes Schild. Anatols bescheidenes Reich in den Neusser Erft-Auen soll auch in Zukunft erhalten bleiben. Ein Shuttle-Bus fährt am Sonntag, den 19. September, interessierte Besucher vom Weltkunstzimmer aus nach Hombroich, das Holzhaus wird aufgeschlossen, es gibt eine Führung (mit Anmeldung).

Das ist wichtig. Denn die Schau in der Düsseldorfer Ex-Fabrik allein zeigt nur den Geist des Künstlers, schemenhaft wie in den alten Filmen von Anatol-Aktionen, die auf zehn aufgebockten Bildschirmen in einem Video-Kreis gezeigt werden. Es gibt ein paar Fotos, Tonaufnahmen und sehr vereinzelte Original-Werke: ein malerisches „Wabentuch“ aus der „Between“-Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf 1969 und einen alten Computer von 1989, den Anatol in Blei goss und „Tschernobyl“ nannte.

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Bernd Jansen fotografierte Anatol 1969 in der Kunsthalle. Hinten: Wallpaper nach Anatols Computerzeichnungen.

Tapete mit tieferer Bedeutung

Das wäre ein bisschen mager, wenn die Kuratoren nicht für einen besonderen Effekt gesorgt hätten: die Wände des Hauptsaal sind über und über mit farbenprächtigen Wallpapers beklebt: Drucke nach Computerzeichnungen, die der ältere Anatol mit Begeisterung machte und unter anderem bei der Documenta 1992 verteilte. Man erkennt Figuren, Äpfel, Steinkreise, einen Stier, Insekten, das Kreuz. Auch Besucher des Weltkunstzimmers können sich ein Anatol-Motiv drucken lassen und die Tapete sogar für zu Hause bestellen: 80 Euro pro Quadratmeter. Ein Stück Erinnerung an einen besonderen Künstler.

Was, wo und wann:

„Anatol / Aktionist“: bis 27. September im Weltkunstzimmer Düsseldorf, Ronsdorfer Str. 77a. Geöffnet Do.-So. 14 bis 18 Uhr. Während der DC Open vom 4. bis 6. September und während der Kunstpunkte vom 18. bis 20. September erweiterte Öffnungszeiten. Eintritt frei. Genaue Informationen auch über das Rahmenprogramm mit Gesprächen und vereinzelt notwendigen Anmeldungen gibt es auf der Website www.weltkunstzimmer.de

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