Kultur Kunstkritik

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Über dem Wasser schwebende Findlinge: Alicja Kwades „MatterMotion“ an der Langen Foundation.

Ausflug zur Kunst bei Düsseldorf: Alicja Kwade in der Langen Foundation

Das Schöne ist nicht oft zu finden in der aktuellen akademischen Kunst des Westens. Zu groß ist die Angst vor Kitsch. Als wäre die Schönheit immer ein bisschen blöd. Dabei kann sie eine so kluge, raffinierte Zauberin sein. Das beweist die Bildhauerin Alicja Kwade mit ihrer Ausstellung „Kausalkonsequenz“ in der Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen Nato-Raketenstation bei Neuss. In diesem Herbst und Winter ist krisengenervten Düsseldorfern ein Ausflug zu dieser becircenden Kunst nur zu empfehlen.

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Pendel der Zeit über Skulpturenfeld: „Die bewegte Leere des Moments“.

Die Kirschen auf dem Weg zum Eingang der von Tadao Ando ins Grüne gesetzte Langen-Kunsthalle blühen erst im Frühling wieder. Aber dafür ist der Blick frei auf ein verblüffendes Objekt. Über dem Teich vor der Glasfassade schweben drei große Felsbrocken an vier über fünf Meter hohen Rahmen aus grau gepudertem Stahl. Das Gewaltige scheint schwerelos. So arbeitet Alicja Kwade (41), eine kecke Berlinerin polnischer Herkunft, . Sie verwandelt die Dinge mit geistiger Power und statischer Tüftelei. Damit ist sie so erfolgreich, dass Max Hollein sie nach einer Installation in der Frankfurter Schirn nach New York geholt hat, wo sie im letzten Jahr den Dachgarten des Metropolitan Museum of Art gestalten durfte.

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Spielen erlaubt: Auch im Außenbereich sind ein paar Objekte zu entdecken.

Befragung der Welt

„Man leiht sich den Ort, an dem man baut, nur von der Natur aus“, so zitiert Magdalena Kröner im Begleitheft der Ausstellung den Architekten Tadao Ando. Den Respekt, der daraus spricht, spürt man auch in den Arbeiten der Künstlerin, die natürliche Materialien benutzt, um sie in neue Formen einzufügen. Steine sind bei ihrer „Befragung der Welt“ ganz wichtig als Symbole für Erde und Materie. Einen davon lässt sie in der Installation „Die bewegte Leere des Moments“ an einem an der Decke befestigten Stahlseil immer rundherum schweben, umkreist von einer Uhr, dem Symbol für Antimaterie, für Vergänglichkeit, der alles untergeordnet ist. Im begehbaren Raum darunter stehen leere Rahmen, große Spiegel, feste Stelen, gestaltete Säulen, ein paar Stufen, die nirgendwo hin führen. Einladung zum Spaziergang des Geistes ...

Weiter geht es durch eine Tür hinaus auf eine große Freitreppe, gespickt mit Sandstein-Kugeln, die von oben nach unten kleiner werden – wie Ansichten einer einzigen Kugel, die diese Stufen hinunterspringt. „Die Menge des Moments“ heißt die Installation, so, als habe die Künstlerin die Zeit angehalten und einen kurzen hektischen Vorgang in lauter stille Elemente zerlegt. Auch die „88 seconds“, eine Reihe von ineinander verschlungen Stahlkreisen, ist aus einzelnen Filmbildern eines zu Boden wirbelnden Reifens entstanden.

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Die Freitreppe wird zur begehbaren Skulptur: „Die Menge des Moments“.

Die Sprache der Dinge

Aber zu viele Worte stören das Erlebnis. „Die Dinge sollen aus sich sprechen“, sagt die Künstlerin. Und das tun sie auch mit überraschenden Effekten. Handgroße Steine schweben wie Wasserpflanzen in einem Turm aus transparenten Acryl-Kuben („Silent Matter“). Zweige aus Bronze wachsen aus silbrig glänzenden Stahlstämmen („Reality Slot“). Transformation ist immer wieder ein Thema für Alicja Kwade, ein ganzes Team hilft ihr bei der Verwirklichung komplizierter Entwürfe. Durch geschicktes Spiegelspiel verwandeln sich im Vorübergehen raue Findlinge in Stahlobjekte, kunstvolle Kugeln, glänzende Schalen. In einen Baumstamm wurde ein Hocker geschnitzt, aber noch nicht ausgelöst. Ein ulkiges Zwischending steht da vor unseren Augen, löst ein Schmunzeln aus und zugleich einen flüchtiges Nachdenken über die Entstehung der Zivilisation aus der Zerstörung der natürlichen Struktur.

Ja, Alicja Kwade legt Wert auf ihren philosophischen Anspruch und denkt sich schwer verständliche Titel aus. Aber was sie uns zeigt, ist vor allem die perfekte künstlerische Form – selten genug in den Schaffensprozessen der Gegenwart. Ihre Objekte und Installationen haben Kraft und Anmut, Humor und Tiefe, und sie passen perfekt in Tadao Andos transparenten Tempel der Moderne.

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Optische Täuschung: Durch Spiegelungen verändern sich die Dinge in Alicja Kwades Installationen.

Was, wann und wo?

„Alicja Kwade: Kausalkonsequenz“: bis 18. April 2021 in der Langen Foundation in Neuss, Raketenstation Hombroich 1. Geöffnet Di.-So. 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 8 Euro. In den Innenräumen herrscht Maskenpflicht. Am Wochenende (Freitag-Sonntag) ist das Café Biemel auf dem Gelände der Raketenstation von 12 bis 18 Uhr geöffnet. www.langenfoundation.de

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