Kultur Kunstkritik

D_Kunst_Findlinge_02102020

Über dem Wasser schwebende Findlinge: Alicja Kwades „MatterMotion“ an der Langen Foundation.

Ausflug zur Kunst bei Düsseldorf: Alicja Kwade in der Langen Foundation

Das Schöne ist nicht oft zu finden in der aktuellen akademischen Kunst des Westens. Zu groß ist die Angst vor Kitsch. Als wäre die Schönheit immer ein bisschen blöd. Dabei kann sie eine so kluge, raffinierte Zauberin sein. Das beweist die Bildhauerin Alicja Kwade mit ihrer Ausstellung „Kausalkonsequenz“ in der Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen Nato-Raketenstation bei Neuss. In diesem Herbst und Winter ist krisengenervten Düsseldorfern ein Ausflug zu dieser becircenden Kunst nur zu empfehlen.

D_Kunst_Pendel_02102020

Pendel der Zeit über Skulpturenfeld: „Die bewegte Leere des Moments“.

Die Kirschen auf dem Weg zum Eingang der von Tadao Ando ins Grüne gesetzte Langen-Kunsthalle blühen erst im Frühling wieder. Aber dafür ist der Blick frei auf ein verblüffendes Objekt. Über dem Teich vor der Glasfassade schweben drei große Felsbrocken an vier über fünf Meter hohen Rahmen aus grau gepudertem Stahl. Das Gewaltige scheint schwerelos. So arbeitet Alicja Kwade (41), eine kecke Berlinerin polnischer Herkunft, . Sie verwandelt die Dinge mit geistiger Power und statischer Tüftelei. Damit ist sie so erfolgreich, dass Max Hollein sie nach einer Installation in der Frankfurter Schirn nach New York geholt hat, wo sie im letzten Jahr den Dachgarten des Metropolitan Museum of Art gestalten durfte.

D_Kunst_Wiese_02102020

Spielen erlaubt: Auch im Außenbereich sind ein paar Objekte zu entdecken.

Befragung der Welt

„Man leiht sich den Ort, an dem man baut, nur von der Natur aus“, so zitiert Magdalena Kröner im Begleitheft der Ausstellung den Architekten Tadao Ando. Den Respekt, der daraus spricht, spürt man auch in den Arbeiten der Künstlerin, die natürliche Materialien benutzt, um sie in neue Formen einzufügen. Steine sind bei ihrer „Befragung der Welt“ ganz wichtig als Symbole für Erde und Materie. Einen davon lässt sie in der Installation „Die bewegte Leere des Moments“ an einem an der Decke befestigten Stahlseil immer rundherum schweben, umkreist von einer Uhr, dem Symbol für Antimaterie, für Vergänglichkeit, der alles untergeordnet ist. Im begehbaren Raum darunter stehen leere Rahmen, große Spiegel, feste Stelen, gestaltete Säulen, ein paar Stufen, die nirgendwo hin führen. Einladung zum Spaziergang des Geistes ...

Weiter geht es durch eine Tür hinaus auf eine große Freitreppe, gespickt mit Sandstein-Kugeln, die von oben nach unten kleiner werden – wie Ansichten einer einzigen Kugel, die diese Stufen hinunterspringt. „Die Menge des Moments“ heißt die Installation, so, als habe die Künstlerin die Zeit angehalten und einen kurzen hektischen Vorgang in lauter stille Elemente zerlegt. Auch die „88 seconds“, eine Reihe von ineinander verschlungen Stahlkreisen, ist aus einzelnen Filmbildern eines zu Boden wirbelnden Reifens entstanden.

D_Kunst_Treppe_02102020

Die Freitreppe wird zur begehbaren Skulptur: „Die Menge des Moments“.

Die Sprache der Dinge

Aber zu viele Worte stören das Erlebnis. „Die Dinge sollen aus sich sprechen“, sagt die Künstlerin. Und das tun sie auch mit überraschenden Effekten. Handgroße Steine schweben wie Wasserpflanzen in einem Turm aus transparenten Acryl-Kuben („Silent Matter“). Zweige aus Bronze wachsen aus silbrig glänzenden Stahlstämmen („Reality Slot“). Transformation ist immer wieder ein Thema für Alicja Kwade, ein ganzes Team hilft ihr bei der Verwirklichung komplizierter Entwürfe. Durch geschicktes Spiegelspiel verwandeln sich im Vorübergehen raue Findlinge in Stahlobjekte, kunstvolle Kugeln, glänzende Schalen. In einen Baumstamm wurde ein Hocker geschnitzt, aber noch nicht ausgelöst. Ein ulkiges Zwischending steht da vor unseren Augen, löst ein Schmunzeln aus und zugleich einen flüchtiges Nachdenken über die Entstehung der Zivilisation aus der Zerstörung der natürlichen Struktur.

Ja, Alicja Kwade legt Wert auf ihren philosophischen Anspruch und denkt sich schwer verständliche Titel aus. Aber was sie uns zeigt, ist vor allem die perfekte künstlerische Form – selten genug in den Schaffensprozessen der Gegenwart. Ihre Objekte und Installationen haben Kraft und Anmut, Humor und Tiefe, und sie passen perfekt in Tadao Andos transparenten Tempel der Moderne.

D_Kunst_Spiegelung_02102020

Optische Täuschung: Durch Spiegelungen verändern sich die Dinge in Alicja Kwades Installationen.

Was, wann und wo?

„Alicja Kwade: Kausalkonsequenz“: bis 18. April 2021 in der Langen Foundation in Neuss, Raketenstation Hombroich 1. Geöffnet Di.-So. 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 8 Euro. In den Innenräumen herrscht Maskenpflicht. Am Wochenende (Freitag-Sonntag) ist das Café Biemel auf dem Gelände der Raketenstation von 12 bis 18 Uhr geöffnet. www.langenfoundation.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Bikoe_Titel_29122020

Klar, die Videos aus unseren Kulturinstituten sind keine smarten Sendungen mit Profi-Moderatoren. Es wirkt alles ein bisschen unbeholfen und steif, jede Unvollkommenheit wird gnadenlos festgehalten. Aber, ganz im Ernst: Das ist besser, viel besser als nichts. In einer Video-Reihe auf der Website des Düsseldorfer Museums spricht Maria Zinser, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin des Generaldirektors im Kunstpalast, mit dem Autor und Kunsthistoriker Florian Illies über die Wolken in der Malerei: „Der geteilte Himmel“. Eine Erinnerung an die derzeit verschlossene Ausstellung über „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“.

D_BK_Arch_29102020

Die Kunst mag ja munter aus dem Augenblick entstehen, ein Museumsbetrieb hat nichts Spontanes. Ausstellungen werden Jahre im Voraus geplant. Auch das Konzept der neuen Schau „Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns“ entstand, als die Welt noch nichts wusste vom Kampf gegen ein Virus. Es geht um Themen wie Frauenrechte, Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit. „Eine herausfordernde Ausstellung in einer politisch verdichteten Zeit“, sagt Ehrenhof-Direktor Felix Krämer.

Ab sofort steht ein virtuellen 360 Grad-Rundgang kostenfrei zur Verfügung. „Das durch die Corona-Pandemie geprägte Zeitgeschehen und die Ereignisse am Capitol Hill hat die Aktualität vieler in der Ausstellung thematisierter Problematiken verschärft“, betont Felix Krämer, Generaldirektor Kunstpalast. „Es war für alle Beteiligten und das Team im Museum sehr schmerzhaft, dass die Ausstellung kurze Zeit nach der Eröffnung wegen des Lockdowns geschlossen werden musste. Ich freue mich, dass wir die Ausstellung nun in einem virtuellen 3D-Rundgang präsentieren können“.

D_Caspar_Segel_14102020

Der Zeitgeist kann gemein sein. Ständig ändert sich sein Geschmack, und was vordem als wertvoll galt, wird verachtet. Auch Caspar David Friedrich (1774-1840), Sohn eines frommen Seifensieders aus Greifswald und der Inbegriff der deutschen Romantik, musste nach anfänglichen Erfolgen erleben, dass er vom Kunst-Blatt kritisiert wurde, weil er immer tiefer „in den dicken Nebel der Mystik“ geriet. Viel beliebter als seine melancholischen Kleinformate waren die spektakulären Landschaften und Seestücke der Düsseldorfer Malerschule. Beides kann man jetzt im Kunstpalast auf sich wirken lassen. Eine wunderbare Ausstellung, die der bedrückten Seele in diesem Corona-Winter nur Gutes tut!

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D

SONDER-
VERÖFFENTLICHUNG