Kultur Kunstkritik

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Fast romantisch: Kurator Ralph Goertz, Museumsdirektor Beat Wismer und Künstler Axel Hütte (von links nach rechts) neben der in Kanada entstandenen Fotografie „Moonshine“.

Axel Hütte: Fotografie ist die Kunst der Wahrnehmung

Hey, Sie da mit dem hochgereckten Smartphone! Ist die Fotografie überhaupt noch eine Kunst? Eine heikle Frage. Die allgegenwärtige Technik, diese Domina des 21. Jahrhunderts, ermöglicht jedem Laien gelungene Bilder. Es wird gepostet, bis es uns vor den Augen flimmert. Und doch behauptet sich das besondere Werk – durch Konzept, Konsequenz, Reduktion und das gute alte Gespür für Motiv und Augenblick. Fotografie kann immer noch eine hohe Kunst sein, der Malerei ebenbürtig. Das beweist Axel Hütte in der wunderbaren Ausstellung „Night and Day“ im Museum am Ehrenhof.

Wer will, kann zuvor im NRW-Forum nebenan eine Schau zum Thema „100 Jahre Nikon“ ansehen, die parallel zu den Agentur-Gags von „Erik Kessels & Friends“ präsentiert wird. Direktor Alain Bieber, der ja als alleiniger Chef des Photo Weekends das Profil Düsseldorfs als Fotostadt stärken will, lässt Sponsoren offenbar völlig frei schalten und walten. Die Ausstellung zur Feier der berühmten Kamera ist nichts als gute Reklame, made by Nikon.

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Alles Reklame: Anzeigen von Nikon im NRW-Forum.

Preiskampf um das beste Foto

Neben schicken Anzeigen und fetten Kameras, die noch „Klick“ machen, werden vor allem weitverbreitete Bilder von Fotoreportern gezeigt. „Ikonen“, wie es heißt. Entscheidend ist das Motiv: Pele und Beckenbauer nackt unter der Dusche (1977 erwischt von Stern-Fotograf Volker Hinz), Promis und Politiker aus origineller Perspektive, Kriegsopfer in dramatischer Aktion. Überhaupt, der Krieg – er ist, das wird hier offensichtlich, auch ein Schlachtfeld im fragwürdigen Preiskampf um das beste Foto.

Axel Hütte, der 1951 in Essen geborene Künstler, missachtet alles Spektakuläre. Er missachtet das sich anbietende Motiv. Mit einer altmodischen, bleischweren Plattenkamera reist er durch die Welt und lässt die Attraktionen und Panoramen links liegen. In den kanadischen Bergen wartet er im Mondschein, bis der Nebel aufsteigt über den Wäldern, nur ein paar Konturen preisgebend. Das, wagt man zu bemerken, könnte auch der Schwarzwald sein, wozu die weiten Reisen? „Es geht hier nicht um ein paar Tannenbäume“, murrt der Künstler – er mag die blöden Fragen von Journalisten nicht.

Das Geheimnis bleibt unantastbar

Immer wollen sie das Geheimnis mit Fakten und Erklärungen durchbohren. Axel Hütte hingegen zelebriert das Verschleierte. Nicht ohne Grund hing sein Schweizer Bild vom total vernebelten „Furkablick“ in Beat Wismers großer Verhüllungs-Ausstellung „Hinter dem Vorhang“. An der rechten Seite des Bildes erscheint gestochen scharf die Fassade des historischen Pass-Hotels mit seinen Schnörkelbalkonen, die der Aussicht dienen. Doch nur die Vorstellungskraft vermag in die Ferne vorzudringen. Ein Bild wie aus einem sonderbaren Traum. „Ich suche den Ort nicht, ich finde ihn“, bemerkt Axel Hütte. Das kann in Griethausen sein, wo ihn 1999 das gekreuzte Eisengitter einer Brücke faszinierte, oder in der Antarktis, wohin er erst in diesem Jahr reiste, um den graublauen Himmel über im Meer treibenden Eisstücken aufzunehmen. 

Zwischen weißen und dunkelblauen Wänden geht es in dieser Ausstellung um etwas, was Kurator Ralph Goertz „geistigen Raum“ nennt. Der Blick darf endlich einmal ruhen – sogar auf Bildern, die sich sanft bewegen wie Axel Hüttes Video der Lichter von Detroit. Tatsächlich hatte der gebürtige Essener in den 1970er-Jahren zwei Semester in der Filmklasse der Düsseldorfer Akadmie studiert, bevor er zur Fotografie wechselte und einer der frühen Schüler der berühmten Düsseldorfer Becher-Klasse wurde.

Die Kunst in der Natur entdecken

Aber bei einem reifen Künstler ist der obligatorische Rückblick auf die Ausbildung eigentlich absurd. Als ob das eine Rolle spielte. Was zählt, ist das Werk in seiner Stille und Schönheit. Wir sehen, wie wuchernde Zweige sich spiegeln in den dunklen Wassern des Rio Negro, während der Dschungel im Hintergrund undurchdringlich bleibt. Wir sehen, wie blaue Fensterlichter funkeln an einem Hochhaus in Kuala Lumpur. Wir erkennen die konstruktivistischen Strukturen von ganz gewöhnlichen Brücken-Stahlträgern in Japan oder Australien. Wir wandern in den Dunst eines italienischen Waldes mit kahlen und abgebrochenen Bäumen.

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Wie ein monumentales konstruktivistisches Gemälde wirkt Axel Hüttes Fotografie „Ise (bridge), Japan“ hinter dem Podium.

In schwarzer Nacht liegt der Hügel von Bourg St. Maurice in Frankreich, nur ein Schimmer deutet auf menschliche Behausungen. Irgendwo bei Ingelheim scheinen Büsche zwischen Fluss und weißem Himmel zu schweben, und ein wirres „Geäst“ erinnert an die Strukturen des Abstrakten Expressionismus. Axel Hütte ist auch ein Entdecker der Kunst in der Natur und im profanen Bauwerk. Seine Bilder zeigen Phänomene, verbreiten Atmosphäre, sie erzählen keine Geschichten. Man müsste gar nicht wissen, wo er sie aufgespürt hat. Aber die Namen der Orte, die uns bereitwillig genannt werden, setzen bei jedem Betrachter eine eigene Fantasie frei. Und auch das ist ein Teil von Kunst.

Zeiten und Zahlen

„Axel Hütte: Night and Day“: bis 14. Januar 2018 im Museum Kunstpalast, Ehrenhof. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Eintritt: 12 Euro. Der großformatige repräsentative Katalog ist im Verlag der Buchhandlung König erschienen und kostet als Museumsausgabe 39,90 Euro. www.smkp.de

„Leben 24/7 – 100 Jahre Nikon“: bis 5. November neben „Erik Kessels & Friends“ im NRW-Forum, Ehrenhof 2, Di.-Do. 11 bis 18 Uhr, Fr. bis 21 Uhr, Sa. 10 bis 21 Uhr, So. 10 bis 18 Uhr. www.nrw-forum.de

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