Kultur Kunstkritik

D_Bikoe_Bogen_01062020

Bogen aus kantigen Wellpapp-Rohren, für die Reproduktion gedacht.

Baukasten der Kunst: Das Düsseldorfer K20 erinnert an Charlotte Posenenske

Hätte Charlotte Posenenske geahnt, wie sie im fernen Jahr 2020 geehrt werden würde, hätte sie 1968 ihr Werk vielleicht nicht resigniert aufgegeben, um dann doch lieber Soziologie zu studieren. Nach entschlossenen Aktionen in der wilden Zeit der Nachkriegs-Avantgarde kam ihr das künstlerische Handeln mit einem Mal völlig wirkungslos vor. Tatsächlich wurde ihr Name weitgehend vergessen – bis Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW und immer auf der Suche nach weiblichen Positionen der Moderne, beschloss, die minimalistischen Konzepte der 1985 verstorbenen Charlotte Posenenske im großen Saal des K20 wie eine Offenbarung zu präsentieren.

D_Bikoe_Vierkantrohre_01062020

Serienweise Kunstobjekte: Stahlblechreliefs und Vierkantrohre nach Posenenskes Plan.

Und so kommt es, dass Picassos allseits umschwärmte Bilder nur mit Geduld und Zeitfenstern im engeren Teil des Erdgeschosses zu sehen sind, während die Objekte der Charlotte Posenenske viel Luft zum Atmen um sich haben. Das hat durchaus Methode. Die wissenschaftlich und feministisch geprägte Direktorin will nicht einfach weiter den männlichen Göttern der Moderne huldigen, sondern andere Perspektiven aufzeigen – mit Hilfe von Kunstforscher(inne)n und Kurator(inn)en in aller Welt. Die Posenenske-Schau wurde von der New Yorker Dia Art Foundation organisiert und im letzten Jahr bereits in Barcelona und Luxemburg präsentiert.

Die einfache Konstruktion

Immerhin sieht jede Ausstellung anders aus – ganz im Sinn der Künstlerin, die eigentlich Mayer hieß und ihren unverwechselbaren Namen aus einer ersten Ehe mit dem Architekten Paul Posenenske hatte. Nach einem kurzen Malereistudium bei Willi Baumeister an der Stuttgarter Akademie und Engagements als Kostüm- und Bühnenbildnerin an den Bühnen von Lübeck und Darmstadt suchte sie Ende der 1950er-Jahre nach freieren Ideen. Nichts Erzählerisches sollte ihr Werk haben, keine Botschaft, keinen exklusiven Wert, sondern den Charakter von Industrieprodukten: „Die Sachen, die ich mache, sind veränderlich möglichst einfach reproduzierbar“, bemerkte sie in einem finalen Statement von 1968.

D_Bikoe_schweben_01062020

Die Künstlerin Charlotte Posenenske (1930-1985) schwebt im Film über den Dingen.

Die Abstraktion war der Weg für die Kunst ihrer Generation. Aufgewühlt von den Katastrophen des Krieges und des Holocaust brauchte der Zeitgeist eine gewisse Leere, eine Nüchternheit. Pathos war verpönt. Das galt sicher auch für die 1930 in Wiesbaden geborene Charlotte Posenenske, die, wie knapp berichtet wird, die letzten Monate der Nazi-Zeit in einem Versteck überlebte, nachdem ihr jüdischer Vater 1940 Selbstmord begangen hatte. In der Kunst, kann man sich denken, mied sie traumatische Erinnerungen. Sie konstruierte Zukunft.

Objekte wie Karosserien

Während die junge Künstlerin in den späten 1950er-Jahren noch hübsch geometrische Entwürfe für die Innenausstattung von Amtsgerichten oder Grundschulen entwarf, machte sie sich Luft mit sogenannten Spachtelarbeiten, bei denen sie die Farbe mit dem Spachtelende direkt auf das Papier hieb und abkratzte – nah am Informel. In den nächsten Jahren experimentierte sie mit der Sprühdose, klebte Collagen mit gerissenem Papier und farbigen Klebestreifen. Um reliefartige Effekte zu erreichen, faltete sie dünne Kartons und kam schließlich auf die Idee, Bleche zu verbiegen und als „Plastische Bilder“ zu lackieren.

D_Bikoe_Wellpappe_Türme_01062020

Die Türme aus Wellpappe („Vierkantrohre Serie DW“) wurden neu nach einem Konzept von 1967 konstruiert.

So entstanden glänzend farbige Stufen oder Wellen, die an die Wand gehängt oder gestellt wurden – reihenweise, ganz nach Wunsch. Die Reliefs der Serien B und C von 1967 waren keine Unikate mehr, sie wurden maschinell gefertigt und erinnern an Maschinen- oder Karosserieteile. Voller Elan ging Posenenske weiter in den Raum mit ihren Ideen. Sie entwarf Vierkantrohre aus Blech oder Pappe, deren Module nach dem Geschmack der sogenannten „Konsumenten“ spielerisch zusammengesetzt werden konnten. Ein Kunst-Baukasten.

Allerlei Volksbelustigungen

Das muss recht amüsant gewesen sein. „Allerlei Volksbelustigungen“ registrierte die Frankfurter Rundschau im September 1967 nach einem Happening in der Galerie Loehr. „Dies alles Herzchen wird einmal dir gehören“ war der launige Titel des von Paul Maenz inszenierten Abends mit acht jungen Künstlern, darunter Charlotte Posenenske. Ein stummer, in Dauerschleife über den Häuptern der Besucher flimmernder Film aus dem Archiv des Hessischen Rundfunks zeigt viel Qualm, Wasser, huschende Figuren. Posenskes kantige Pappröhren wurden mit Kunststoffschrauben zu wandelbaren Skulpturen kombiniert, so, wie die Künstlerin selbst es in einem anderen Filmausschnitt vorführt, mitten auf einer Verkehrsinsel in Offenbach. Unscharfe Geister der Vergangenheit ...

D_Bikoe_Tuer_01062020

Berühren gehört zum Konzept: Rekonstruktion der „Drehflügel Serie E“.

Das Material war natürlich schnell ruiniert – untauglich zum Verkauf. Posenenske war das recht. Sie wollte keine „Einzelstücke für Einzelne machen“, sondern Prototypen für eine Massenproduktion. Nach ihrem kunstmarktkritischen Konzept ist es bis heute vollkommen okay, ihre Türme, Bögen, Spitzen aus Blech oder Pappe einfach zu rekonstruieren. Und so geschah es 2018 auch für dieses Ausstellungsprojekt. Bis auf frühe Papierarbeiten ist alles so gut wie neu, die Idee genügt als Original. Die Schwingtüren der 1967 entworfenen „Drehflügel Serie E“ darf man sogar nach Belieben öffnen, schließen, selbst verstellen. Serie E soll Charlottes Posenenskes letztes Werk als Künstlerin gewesen sein. „Work in Progress“ heißt der Untertitel der Schau, aber man spürt leider nur musealen Stillstand.

D_Bikoe_Bilder_01062020

Frühwerk: Charlotte Posenenskes „Spachtelarbeiten“ (ab 1956).

Was, wann und wo?

„Charlotte Posenenske – Work in Progress“: bis 2. August im Düsseldorfer K20, Grabbeplatz 5. Geöffnet Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Beim Besuch ist das Tragen einer Mund-Nase-Maske obligatorisch. Samstags zwischen 16 und 18 Uhr sowie sonntags 15 bis 17 Uhr stehen „Cicerones“ für individuelle Kunstauskünfte bereit. Der Katalog erscheint im Kölner Verlag König, hat 272 Seiten und kostet 38 Euro. Hier geht es zu weiteren Informationen.

D_Bikoe_Flimmern_01062020

Stummes Flimmern: Filme zeigen Kunstaktionen der 1960er-Jahre. Blechobjekte an der Wand.

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Mueller_2Collagen_18092020

Als die Schriftstellerin Herta Müller Ende der 1980er-Jahre dem rumänischen Regime entronnen war, reiste sie viel durch die freie Welt. Und weil ihr spießige Postkarten nicht gefielen, fing sie an, mit der Nagelschere Wörter aus Zeitungen auszuschneiden und auf weiße Karten zu kleben. Ein bisschen wie altmodische Erpresserbriefe – nur erfüllt von Lust, Poesie und Zwanglosigkeit. Herta Müller entwickelte solch eine Begeisterung für diese Kleinkunst, dass ihre Lyrik inzwischen aus dem Geist der Papierschnipsel entsteht. Im Heine-Institut sieht man jetzt 120 Originalcollagen: „Der Himmel fällt vom Pferd herab“.

D_Ruff_Mao_11092020

Er war ein braver Student, versichert Thomas Ruff (62). In der Akademie-Klasse des legendären Professoren-Paars Bernd und Hilla Becher folgte er vor über 40 Jahren dem, was er „das Dogma“ nennt, und produzierte dokumentarische Schwarz-Weiß-Fotografie nach dem Geschmack der Meister. Innenräume waren sein Thema. Doch dann knipste er nebenbei für 50 Mark Honorar die Objekte von Bildhauerkollegen, wunschgemäß in Farbe. Das gefiel ihm. Er traute sich, auch für die Interieurs einen Colorfilm zu nutzen. Bernd Becher gab ihm den Segen, und Ruff entwickelte seine eigenen, eigenwilligen Konzepte, die jetzt im K20 präsentiert werden.

D_BK_Künstlerin_09092020

Jovita Majewski lebt nicht im Wolkenkuckucksheim der Kunst. Die 33-jährige Meisterschülerin von Weltstar Katharina Fritsch bezieht sich immer wieder auf die Realitäten dieses Planeten, sie übernimmt wie selbstverständlich auch Verantwortung für Umweltfragen. Vor einem Jahr schuf sie mit Schülern fantastische Skulpturen aus Müll, der am Rheinufer gefunden wurde. Im KIT war das verblüffende Ergebnis zu sehen. Jetzt kuratierte die Malerin anlässlich des RhineCleanUp eine Ausstellung mit fünf Kollegen. Die „Zyklen“ sind in der Oberkasseler Galerie OK25 zu sehen – ganz nah am Ufer des Stroms.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D

SONDER-
VERÖFFENTLICHUNG