Kultur Kunstkritik

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Die Kunsthistorikerin Vanessa Sondermann – hier vor frühen Arbeiten von Gerhard Hoehme – betreut die Galerie der Akademie.

Blick zurück in Ruhe: Düsseldorfer Akademie würdigt Gerhard Hoehme

Alle lieben den Rundgang, wenn die Düsseldorfer Kunststudenten dem bürgerlichen Publikum die Ideen des Jahres als wilde Überraschungsshow präsentieren. Aber die Akademie kann auch anders. In der Galerie am Burgplatz, zwischen Rathaus und Schlossturm, werden in rauchweißen Räumen und gemächlicher Reihenfolge die modernen Großmeister des Instituts gewürdigt. Bis Ende April zeigt Kuratorin Vanessa Sondermann dort eine noble Ausstellung zum 100. Geburtstag von Gerhard Hoehme (1920-89), der von 1960 bis 1984 einer der prägenden Professoren für Freie Malerei war.

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Werkstatt-Atmosphäre: Diese Serie von Schwarz-Weiß-Fotos machte Manfred Leve 1967 im Atelier Hoehmes an der Kunstakademie Düsseldorf.

Er gehörte nicht zu den rheinischen Jonges der Kunst. Gerhard Höhme, damals noch mit ö, wurde 1920 in Greppin nahe der Industriestadt Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) geboren. Als er 19 war, begann der Zweite Weltkrieg – und er war von Anfang bis zum Ende dabei. Als Jagdflieger absolvierte er Millionen von Flugkilometern und durchschnitt die Himmel zwischen Russland und Afrika. Eine „gefährliche Freiheit“ sei das gewesen, schrieb er später mal. Über die verheerende Aufgabe sprach er offenbar nicht so gern, aber über seine „visuelle Prägung“, die „durch die Draufsicht und die Distanz zur Erde“ geprägt worden sei.

Suche nach der Freiheit

So ist es kein Zufall, dass die frühesten Arbeiten der Ausstellung – „Rote Zeichen“ von 1951 und „Flugbereich“ (1955) – noch eine verschwommene Welt aus der Sicht des Piloten zeigen. Wenig später flog der Kriegsveteran ganz dem Abbild davon und schuf expressive Abstraktionen wie „das wilde blaue Bild“ von 1956. Nachdem er ein paar Jahre bei dem Schriftenkünstler Herbert Post an der Kunstschule Burg Giebichenstein gelernt hatte, war Hoehme 1951 mit seiner Frau Margarete nach Düsseldorf gezogen, um an der Akademie bei Otto Coester die Freie Grafik zu studieren.

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Ruhe hinter weißen Vorhängen: Durchgang neben Gerhard Hoehmes Bild „Nemi“ von 1966.

Die Betonung lag auf Freiheit in jenen Zeiten, die sich lösen wollten von den Katastrophen der Vergangenheit, als die herrschende Kunst der Propaganda diente. Das falsche Pathos war gründlich abgeschafft worden, auch Hoehme experimentierte mit den Möglichkeiten des Informel. Eine „Raumbeule“ und ein reliefartiges „Borkenbild“ entstanden 1957. Wie schon die Titel verraten, verlor Hoehme nie so ganz den Bezug zum Gegenstand, zum Namen der Dinge. „Er war ein Suchender“, sagt Vanessa Sondermann.

Das verbindende Element

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Holz, Farbe, Schnüre: Ausschnitt aus Hoehmes Serie der italienischen Fensterbilder: „Fenestre neminese“ von 1965.

Vielleicht hat er deshalb die Schnur als Kunstmaterial entdeckt – ein verbindendes Element. In seine italienischen Fensterbilder, die mit dem Keilrahmen nach vorne hängen, hat er Kordelstücke eingearbeitet, wie Reste von Nähten und Befestigungen. Ohne Kordel kommt das „William Turner Fenster“ aus, dessen Farben an Licht und Landschaft rund um ein antikes Heiligtum der Göttin Diana erinnern, das den legendären Briten 1834 zu einem Gemälde inspiriert hatte. Ganz in der Nähe in dem Örtchen Nemi nahe Rom hatte Hoehme 1963 ein Haus für seine Familie gefunden.

Zweite Heimat Italien

In der zweiten Heimat Italien entstanden auch durchdachte Kompositionen wie die „Große Strukturlandschaft“ von 1960 oder „Buchstäblich verschlossen“ von 1962 – ein malerisches, goldbraunes Gespinst aus Buchstaben, in denen jeder einen eigenen Sinn lesen kann. Ungewöhnlich eindeutig ist der monumentale „Berlin Brief“ von 1966, mit dem Hoehme das Reklamegewirr des Westens mit gefundenen Aufschriften im Osten der Stadt kombinierte. Sozialistische Hinweise wie „Kollektiv“ und „Roter Oktober“ werden von poetischen Kritzeleien ergänzt: „Ballustrade aus Wind um heut Abend meine Traurigkeit aufzustützen“.

Auf den Flügeln der Gedanken

Später mied Professor Hoehme derlei Entzifferbarkeit. In den 1970er- und 80er-Jahren zog er bei BASF seine eigenen farbigen Schnüre aus Polyethylen und konstruierte damit abstrakte Bildobjekte wie den „Blaustrom“, der sich an der Seite einer hellen Malerei zu Boden schlängelt. Gelb und rot leuchtet der „Feuervogel“, und „flieg, dunkler Vogel, flieg“ sagt ein schwarzer, rochenartiger Leinwandflügel. Ganz ohne Malerei kommen die „Farbgezeiten“ aus, ein Bodenobjekt aus einer changierenden Polyethylen-Schnur, dick wie ein Tau.

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Der späte Hoehme konstruierte Boden- und Wandobjekte aus Malerei und farbigen Kunststoffschnüren.

Im Flur gibt’s dazu ein bisschen Atmosphäre: Originalplakate aus den 1950er-Jahren, Atelierfotos aus den 60ern und Katalogfotos, die der neue Becher-Student Thomas Struth, heute selbst ein Starkünstler, 1976 gemacht hat. Mit der Hand schrieb Hoehme das Motto einer Ausstellung: „wenn man nichts sieht, schaut man länger hin“. Das klingt bestechend, aber es gilt nur, wenn eine Erwartung existiert. Und Gerhard Hoehme hat der Welt ein Werk hinterlassen, auf dem viel zu sehen ist.

Was, wann und wo?

„Gerhard Hoehme – Retrospektive“: bis 26. April in der Akademie-Galerie am Burgplatz 1. Geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei. Der Katalog zur Ausstellung kostet 25 Euro und ist ungewöhnlich lebendig gemacht mit Zeitzeugen-Interviews und ein paar literarischen Texten über Hoehme, unter anderem von der Dichterin Luise Rinser. www.kunstakademie-duesseldorf.de

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