Kultur Kunstkritik

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Zwischen 1945 entstandenen Stillleben von Picasso lächeln: Kuratorin Kathrin Beßen, Sammlungschefin Susanne Gaensheimer und die NRW-Ministerin für Kultur, Isabel Pfeiffer-Poensgen (v.l.)

Der Künstler und der Krieg: Picasso im Düsseldorfer K20

Name ist Schall und Rauch? Ach was! Der strapazierte, aus Goethe-Zusammenhängen gerissene Spruch gilt keinesfalls für das Kunstgeschäft. Name ist alles. Während Munch noch bis zum 1. März für erfreulichen Rummel im Düsseldorfer K20 sorgt, lockt nun auch Picasso das Publikum an den Grabbeplatz. Beide Ausstellungen sind zwar von anderswo übernommen worden (Munch aus Oslo und Picasso aus Grenoble), aber Susanne Gaensheimer, die spröderen Konzepten zugeneigte Direktorin der Kunstsammlung NRW, würdigt so immerhin die Klassische Moderne, für die das Haus ursprünglich gebaut wurde.

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Das kann eng werden: An einer Ecke mit großer Atelierfotografie drängt sich eine Besuchergruppe.

Schon bei der Pressekonferenz war klar: Es wird eng werden. Denn die 70 Bilder zum spannenden Thema „Pablo Picasso 1939 bis 1945“, anschaulich gemacht mit großen Fotografien und zahlreichen Texten, werden leider in temporären Kabinetten im Seitenlichtsaal gezeigt. Der große Ausstellungsbereich auf der anderen Seite soll nach dem Abbau der Munch-Schau für Charlotte Posenenske (1930-1985) zur Verfügung stehen, eine nur Experten bekannte Vertreterin des Minimalismus, die nach Ansicht Gaensheimers „nicht ausreichend gewürdigt wurde“. Ob die Einteilung einen Sinn macht, wird man sehen. Jetzt schwärmen wir erst einmal für den Spanier Pablo Ruiz Picasso (1881-1973), den zweifellos berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts, das betörende Genie.

Die Spur des Entsetzens

Selbst Verächter moderner Kunst können ihm nicht widerstehen. Jeder findet sein Schönes im Werk Picassos. Schließlich konnte er malen wie ein alter Meister und wie ein begabtes Kind, zauberhaft zeichnen, verrückte Kompositionen ebenso wie populäre Motive schaffen. Immer wieder reizte ihn das Neue. Als der Zweite Weltkrieg drohte, hatte er die Blaue und Rosa Periode mit ihren Gauklern und Harlekinen weit hinter sich gelassen. 1937, erschüttert vom Bürgerkrieg in seiner spanischen Heimat, schuf er mit „Guernica“ sein ikonisches Antikriegsbild. Er selbst genoss den Frieden von Paris – bis Hitler den totalen Krieg erklärte. Die Pariser fürchteten einen sofortigen Luftangriff der Deutschen. Wie viele Mitbürger floh Picasso mit Chauffeur, Sekretär und seiner aktuellen Freundin Dora Maar unverzüglich aus der Hauptstadt. Seine Zuflucht war der Badeort Royan an der Atlantikküste, wo bereits seine Ex Marie-Thérèse Walter und die gemeinsame Tochter Maya wohnten. Genau da beginnt die Ausstellung.

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Kleine Entdeckungen: Auch viele Zeichnungen und illustrierte Bücher gehören zur Picasso-Ausstellung.

Kein einziges Schlachtenbild kann man sehen. Denn, so sagte Picasso im Rückblick: „Ich habe nicht den Krieg gemalt, weil ich nicht zu der Sorte von Malern gehöre, die wie ein Fotograf etwas darzustellen suchen. Aber ich bin sicher, dass der Krieg Eingang genommen hat in die Bilder, die ich geschaffen habe.“ Und genauso ist es. Am 14. Oktober 1939 entstanden gleich zwei Bilder, die vom Ende der Unbefangenheit erzählen: ein gehäuteter blutiger Schafskopf („Tête de mouton écorchée“), der als Futter für den Hund besorgt worden war, und ein sogenannter „Frauenkopf“, zusammengesetzt aus metallisch wirkenden Teilen, wie eine bedrohliche Maschine.

Die dekonstruierte Frau

Der Krieg als Grundgefühl: Viel Diskussionsstoff bietet die Schau, das glaubt nicht nur Kuratorin Kathrin Beßen. Picasso arbeitete nie im abstrakten Raum. Er reagiert auf die Realitäten um sich herum, weshalb er auch meinte, dass es nicht genügt, die Arbeiten eines Künstlers zu kennen, man müsse auch wissen, „wie und unter welchen Bedingungen er sie schuf“. Also: Wir sind noch in Royan, wo er sich Anfang 1940 ein Hafenatelier anmietet. Schon vorher muss seine unglückliche Geliebte Dora für eins dieser eigenartigen Bildnisse herhalten, mit verrutschten Visagen und neu zusammengesetzten Körpern. Die „Büste einer Frau mit hinter dem Kopf gekreuzten Armen“ zeigt eine auf Hals und Brüsten aufgespießte Figur, halb erotisch, halb zerquält, auf jeden Fall faszinierend. Bei der aparten „Frauenbüste mit Hut“ wird die Nase zum Schweinsrüssel. Und doch erkennt man die schöne Dora am dunklen Haar und einem Mandelauge.

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Die „Frau im Lehnstuhl“, ein Stück aus der Düsseldorfer Kunstsammlung, entstand 1941 in Paris.

Was wenige wissen: Picassos Geliebte und Modell war eine ambitionierte Fotografin. Eine ihrer Aufnahmen, zum Wallpaper vergrößert, gibt eine Szene aus Royan wieder: Picasso sitzt da zufrieden im Sessel vor dem Bild „Sich kämmende nackte Frau“. Ein Freund, der spanische Dichter Jaime Sabarté, steht bescheiden hinter ihm. Er war bereits ein gemachter Mann, dieser Picasso. Das MoMA in New York eröffnete im Oktober 1939 eine Retrospektive. Auch wenn die Nazis ihn zum „entarteten Künstler“ erklärt hatten, hoffte er zu Recht, dass sein Ruhm ihn schützen würde.

Was die Trauer malt

So wagte er es, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Sommer 1940 einfach nach Paris zurückzukehren. Dort blieb er, ohne eine weitere Reise zu unternehmen, bis zur Befreiung im August 1944. In seinem Atelier in der Rue des Grands-Augustins entstanden die weiteren Werke der Ausstellung, darunter zwei der bedeutendsten Stücke der hiesigen Kunstsammlung, nämlich die „Frau im Lehnstuhl“ (eine weitere Dora-Variation) sowie das unheimlich starke „Stillleben mit Tierschädel“. Der skelettierte Kopf eines Stieres erscheint da zwischen düsteren Farbfeldern vor einem Fensterkreuz. Picasso schuf das Bild 1942 in Trauer um seinen Bildhauerfreund Julio González, der ihn mit plastischen Techniken vertraut gemacht hatte.

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Kontraste: das „Stillleben mit Stierschädel“ von 1942 neben einer lieblichen „Taube“ aus demselben Jahr.

In derselben Ecke hängt eins der hübschen Motive, die Picasso zwischendurch mit Leichtigkeit in die Welt setzte: eine sitzendes weißes Täubchen („Pigeon“), entliehen aus dem Pariser Picasso-Museum. Wie auch sein liebliches Porträt der Surrealistengattin „Madame Éluard“ beweist, hatte Picasso keinerlei Scheu vor dem Konventionellen. Aber bedeutender sind die harten Kompositionen wie ein „Großer Liegender Akt“, den er 1942 malte. „Kein Bild, mit dem man leicht leben kann“, vermerkte der Sammler Heinz Berggrün, „aber ein erregendes Bild“. Die Figur in olivgrüner Farbe scheint, wie das Kanapee, aus Stahlteilen zusammengesetzt zu sein. Allerdings hat das nichts Bedrohliches, eher spürt man eine Stille, eine Versteinerung.

Zwischen Not und Genuss

Der Krieg war allgegenwärtig. Und doch ging es Picasso und den Seinen relativ gut. Man verfügte über Gemüse aus dem eigenen Gut außerhalb von Paris, und man konnte es sich leisten, mittags essen zu gehen – im benachbarten Restaurant „Le Catalan“. Zwei fast abstrakt wirkende Kompositionen wurden vom dortigen Büffet inspiriert. Dort entstanden womöglich auch kleine spontane Arbeiten wie die Gesichter und Figuren aus zerrissenem Papier, die für Heiterkeit sorgen. Pablo Picasso war ja auch ein verspielter Künstler. Zwischen den Gemälden sind viele Zeichnungen und auch ein paar kleine Skulpturen zu entdecken – „Stehende Akte“, die allerdings erst 1945 in Bronze gegossen wurden.

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Das Büffet seines Stammlokals „Le Catalan“ inspirierte Picasso zu diesen abstrahierten Stillleben.

Damals war die unmittelbare Bedrohung für Paris vorbei. Schon im August 1944 war die französische Hauptstadt nach heftigen Straßenkämpfen von den Alliierten befreit worden. Picasso, der die Zeit unbeschadet überlebt hatte, feierte die „Libération“ mit einer eigenen Ausstellung in seinem Atelier. Obgleich man ihm (wegen „anarchistischer Gesinnung“) beharrlich die Staatsbürgerschaft verweigert hatte und er all die Jahre nur mit dem Status des geduldeten Ausländers in Frankreich bleiben durfte, galt er als Held der freien französischen Kultur. Im letzten Kapitel der Ausstellung sieht man viele Fotografien, die in den Magazinen der Welt erschienen.

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Der Krieg als Gefühl: An einem einzigen Tag im Oktober 1939 entstanden Picassos Bilder eines gehäuteten Schafskopfs und der eisern wirkende Frauenkopf

Von nun an kannte ihn jedermann. Er malte unbeirrt weiter, wie es ihm gefiel. Berührt sieht man zwei Stillleben, die kurz vor Kriegsende entstanden: eine „Emaillierte Kasserole“, neben der eine Kerze brennt wie auf einem Altar. Und ein Arrangement vor dem Fenster mit Lauch, Krug – und einem Totenschädel.

Was, wann und wo?

„Pablo Picasso 1939 bis 1945“: Ab Samstag, 15. Februar bis 14. Juni 2020 im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Grabbeplatz. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt regulär: 12 Euro. Der detailreiche, hoch informative und etwas textlastige Katalog ist im Wienand Verlag erschienen und kostet 36 Euro. www.kunstsammlung.de

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Doppel-Clou: Noch bis zum 1. März kann man sowohl Edvard Munch als auch die neue Picasso-Ausstellung im K20 sehen.

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