Kultur Kunstkritik

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Spiel mit dem Tod: Timm Ulrichs ließ sich das Augenlid mit „THE END“ tätowieren und versenkte die „Asche verbrannter Kunstwerke“ in eine Urne.

Der private Blick: Kunst der Düsseldorfer Sammlung Philara

Ein bisschen spooky ist es schon, wie diese ganze Zeit. Das schicke Café Lennarz der Sammlung Philara im Flingerner Hinterhof bleibt geschlossen, geselliges Verweilen gehört ja zu den aktuellen Todsünden. Die Aufseherinnen schweigen hinter ihren Masken und verfolgen die Besucher/innen wie diskrete Gespenster. Nicht gerade ein Riesenspaß – und trotzdem eine Inspiration, die das Lebensgefühl hebt. Gil Bronners private Kunsthalle, ohnehin ein Ort der Entdeckungen, präsentiert in einer Sonderausstellung den ewig jungen „Totalkünstler“ Timm Ulrichs.

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Private Kunsthalle: Die Sammlung Philara in einer ehemaligen Glasfabrik an der Birkenstraße. Rechts eine Wandmalerei von Nora Turato.

Ende März wird Ulrichs 81 Jahre alt und bleibt ein Schelm, dem es in seinen Konzepten um nichts anderes als das Bewusstsein des Todes geht. Schon vor 40 Jahren ließ sich der Autodidakt, der sein Architekturstudium abgebrochen hatte und gleichwohl Professor für Bildhauerei an der Akademie Münster wurde, das Wort „THE END“ aufs rechte Augenlid tätowieren. Ein wandhohes Foto zeugt von der morbiden Body-Action, hinter einer Urne, die er vor über 50 Jahren mit der „Asche verbrannter Kunstwerke“ füllte.

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„Versteinerte Texte und Bilder“ – und mittendrin ein maliziöser Hinweis auf den Künstler Timm Ulrichs.

Immer das letzte Wort

Kein Grund zur Traurigkeit für Ulrichs und sein Publikum. Selbst die Vorstellung, dass das endgültige Tattoo irgendwann zur makabren Pointe wird, wenn er die Augen tatsächlich für immer geschlossen hat, verdient durchaus ein Schmunzeln. So, als behalte der Künstler einfach frech das letzte Wort. Zwischen 99 Fotos von Gedenksteinen mit Fotografien, die er auf französischen Friedhöfen fand, erscheint deshalb auch das Bild eines Marmorblocks mit der maliziösen Aufschrift: „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen. Timm Ulrichs!“

Mag sein, dass er in einer Videoarbeit über Jahre nur die Schlussbilder von Spielfilmen gesammelt hat („The End“), letztendlich feiert er mit seinen Ideen doch das Leben. Im Video „Meta-Atem“ verschwindet das Gesicht des Künstlers nur deshalb im Nebel-Nichts, weil sein Atem, Zeichen der Lebendigkeit, eine durchsichtige Scheibe beschlägt. Und es darf ruhig gelacht werden angesichts gerahmter Geldwechselbescheinigungen, die beweisen, dass dem Künstler in der Vor-Euro-Zeit durch konzeptuellen Umtausch von 100 soliden D-Mark in 20 verschiedene Währungen und zurück nur 11,33 Mark übrigblieben: „Das aktualisierte Märchen von Hans im Glück“, scherzt dazu Timm Ulrichs.

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Kein Foto, sondern eine monumentale Bleistiftzeichnung von Jorge Mendéz Blake aus der Reihe „Biblioteca de exploración“ (Bibliothek der Entdeckungen).

Die Antwort auf alle Fragen

„Kommen und Gehen“, so heißt seine schöne Rauminstallation mit Kameras und schwarz auf die Wand gemalten Worten. Und in diesem Sinn schlendert man weiter durch die herrlich erfrischende Sammlung Philara. Gegenüber in der Halle flüstert’s von einem Monitor, der wie der Kopf einer lässig auf der Bank sitzenden Drahtseilfigur aussieht: „Yes, come here, sit next to me“ – nimm doch Platz, lockt eine Frauenstimme. Die Französin Laure Prouvost hat den sprechenden „Metal Yoga Man“ konstruiert. Und sie kann auch ganz anders: An der Wand hängt eine fast neun Meter breite Tapisserie-Arbeit mit einer comic-haften Szene, „Diner Party“.

Der Immobilienentwickler Gil Bronner sammelt, was ihm gefällt, oft auch Kunst jenseits avantgardistischer Trends. Dazu gehören die eleganten Papiercollagen, die der Kölner Johannes Wohnseifer serienweise dem „20. Jahrhundert“ gewidmet hat. In kleineren Räumen der ehemaligen Glasfabrik gibt es weitere Überraschungen. Dabei sind schön schräge Installationen – Anja Clupka aus Zwickau verteilte 94 Boule-Kugeln mit „butterfly effect“ im Raum und schrieb an die Wand eine Art Familienaufstellung: „me / me and my parents / me, my parents and my sister ...“ und so weiter. Nebenan beschwört Sven Johne mit Porträts und Sprüchen aus dem Internet die „Anomalien des frühen 21. Jahrhunderts“. Zitat aus dem Arrangement: „Wahnsinn. Die Antwort auf alle Fragen.“

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Die Leuchtschrift im Treppenhaus ist ein Werk der israelischen Künstlerin Yael Bartana.

Skulpturen auf der Dachterrasse

Wer das zu verrückt findet, der ist vielleicht beeindruckt von einem eigenartigen Waldrand mit Felsbrocken und Lianen, der wirkt wie eine monumentale Schwarz-Weiß-Fotografie. Es handelt sich aber eine meisterhafte Bleistift-Zeichnung des Mexikaners Jorge Méndez Blake. Im Treppenhaus leuchtet unübersehbar eine rote Neonschrift der Israelin Yael Bartana: „And Europe will be stunned“, Europa wird fassungslos sein.

Wir bewahren erst mal die Fassung und steigen die äußerst coole Stahltreppe weiter hoch bis auf die 550 Quadratmeter große Dachterrasse, eine großzügige Plattform für ein halbes Dutzend abstrakter Skulpturen – von einem torartigen „Altar“ des Belgiers Kris Martin bis zum nach oben strebenden Stahlobjekt („Rise“) von Thomas Kiesewetter aus Kassel. Und wenn man nicht wüsste, dass die pittoresk verbauten Miethäuser-Rückseiten im Hintergrund pure Realität sind, könnte man sie auch für Kunst halten.

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Kunstterrasse mit Aussicht auf Flingern. Im Vordergrund: die Stahlskulptur „Rise“ von Thomas Kiesewetter.

Was, wann und wo?

Die Sammlung Philara zeigt bis zum 16. Mai die Sonderausstellung „Timm Ulrichs: Vorspiel – Nachspiel“. Die private Kunsthalle an der Birkenstraße 47a verlangt keinen Eintritt, begrüßt aber freiwillige Zuwendungen („Pay what you wish“). Geöffnet Do.-So. 14 bis 18 Uhr, Fr. bis 20 Uhr. Es muss allerdings wegen der Pandemie unbedingt ein Zeitfenster gebucht werden: www.philara.de

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