Kultur Kunstkritik

D_grosse_BB_02072019

Fotografien des Kunstpreisträgers Boris Becker an der Wand, im Vordergrund: eine Installation aus Porzellan-Bruchstücken von Beate Höing

Die Große 2019: Düsseldorf präsentiert Kunst im Verein

Als gemeiner Beobachter könnte man fragen, was die gemischten Werke eines Vereins eigentlich in einem ambitionierten städtischen Kulturinstitut zu suchen haben. Gewiss, der Düsseldorfer „Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen e. V.“ hat den alten Kunstpalast von 1900 bis 1902 auf eigene Kosten gebaut und sich damit nach einem Ratsbeschluss von 1917 ein dauerhaftes Nutzungs-Vorrecht erworben. Aber, pardon, das ist nun 102 Jahre und unzählige Umbaumaßnahmen her. Man darf darüber streiten, ob die Vereinssache noch ins Konzept passt. Aber Museumsdirektor Felix Krämer ist nett und lobt den „intensiven Austausch“, für den er dieses Jahr sogar fünf statt drei Wochen eingeräumt hat.

D_grosse_landschaft_02072019

Studienobjekte: farbige Landschaft von Salomé Berger neben Keramiken und Tuschen von Judith Maria Kleintjes.
Vielleicht freut sich der Chef sogar über die kleine Verschnaufpause im eigenen Programm – zumal die Große vom Februar in die museal schwierige Sommerzeit gerückt ist. Erstmalig wird auch der Ehrenhof draußen vor der Tür bespielt: Mitten in den Brunnen hat Jonas Kohn, Student der Bildhauer-Klasse von Akademie-Professor Martin Gostner, ein stählernes „Vierer-Ensemble“ installiert. An schönen Tagen, wenn Spaziergänger es sich in den Liegestühlen bequem machen, gibt es gleich ein bisschen Kunstbetrachtung dazu.

D_grosse_Brunnen_02072019

Studentenkunst im Brunnen, Luke Skywalker an der Fassade: Die „Große“ Kunstausstellung feiert den Sommer.

Luke Skywalker für zu Hause

An der Fassade prangt Star-Wars-Held Luke Skywalker in Form einer Spielpuppe, fotografiert vom diesjährigen Vereins-Kunstpreisträger, dem Kölner Becher-Schüler Boris Becker (58). Der breitbeinig im grauen Nirgendwo stehende, mit Laser-Knarre bewaffnete Plastik-Skywalker, martialischer Held unserer verspielten Welt, wird, neben drei anderen Becker-Fotomotiven, in Form einer Edition im 40-mal-50-Format für 150 Euro verkauft. Denn die Große ist ja immer ein Kunstmarkt, wo auch weniger betuchte Sammler ein Lieblingsstück finden können. Gleich am Eingang hängen die „Kleinen Formate“, die man sich eventuell leisten kann.

Da sind Zeichnungen, Grafiken, Aquarelle wie die hübsche kleine Brückenansicht von Anna Tatarczyk (330 Euro) und skurrile Wandobjekte wie der dreidimensional strampelnde Hase von Peter Nagel (mit 800 Euro eigentlich schon über dem Limit). Um die Ecke geht es teurer weiter. Eine gepixelte Acryl-Landschaft von Birgit Jensen, „Blauer Mond I“ (9000 Euro) hängt da romantisch neben drei hängenden Objekten aus skulptural zerknicktem Fotopapier des Kunstpädagogen Michael Wittassek aus Bergisch Gladbach: „Ins Formlose wenden“.

D_grosse_Sünde_02072019

Die „Rote Sünde“ von Jürgen Buhre (vor Werken von Anna Lena Anton und Andreas Zimmermann) ist ein Wurm aus Fiberglas.

Für jeden ein passendes Werk

Typisch Große: Die Jury achtete bei der Auswahl der 120 Teilnehmer nicht auf Prominenz. Aber der Vereinsvorsitzende und Ausstellungsleiter Michael Kortländer versteht etwas vom Showgeschäft. Die Inszenierung achtet auf reizvolle Kontraste und sieht einfach gut aus. Hauptsächlich schöne Bilder, dazu effektvolle Fotografien, ein paar geschickt arrangierte Objekte: Die „Große“ ist wahrlich keine Provokation für das Publikum. Jeder findet hier Werke nach seinem Geschmack. Eine expressiv bewegte Malerei wie die „Krippe“ der in Karlsruhe lebenden Düsseldorferin Stephanie Abben wird neben einem ruhigen Seestück des in Krefeld residierenden Niederländers Bart Koning präsentiert. Poetisches wie die Pflanzentuschen im „Schattenwind“ von Judith Maria Kleintjes passen apart zum leuchtend farbigen Gebirgssee von Salomé Berger aus Bern, die in Münster lebt und studiert hat.

Dass nicht alle Teilnehmer einen Düsseldorfer Background haben, sorgt für eine gewisse Weltläufigkeit. Düsseldorf ist ja nicht Klein-Kleckersdorf. Und so sieht man mit Wohlwollen die Eis-Fotografie des japanischen Mülheimers Hiroko Inoue neben den „Abgewandten Porträts“ chinesischer Frauen in Tracht – eine der typischen Serien der Düsseldorferin Corina Gertz. In „Büderich“ lehnt eine einsame Dame an der Wand: Die Schwarz-Weiß-Malerei der in Polen geborenen Janina Brauer aus Meerbusch erinnert an die Melancholie von Edward-Hopper-Bildern. Andere fühlen sich magisch angezogen von Mark Peppers monumentalen, mit Wachskreide gezeichneten „Hornissen“.

D_grosse_Hornissen_02072019

Gefährlich groß: die mit Wachskreide gezeichneten „Hornissen“ von Mark Pepper.

Viele rote Punkte wurden schon geklebt

In Saal 3 wird die Schau ein bisschen kesser. Große abstrakte Kollagen der Düsseldorfer Akademie-Absolventin Isabelle Heske hängen da über einer Ecke mit Zigarettenkippen aus edlem Marmor („Alles für einen, unlimited“) des Wuppertalers Eckehard Lowisch. Und da dreht sich ein kinetisches Kugel-Scheibenobjekt mit Sound und Ventilatoreffekt, konstruiert vom serbischen Künstlerduo Sarić und Vuletić. Ein paar spröde Objekte des diesjährigen Förderpreisträgers Philipp Röcker – eine Holzsäule, ein Tonklumpen, eine Metallkette – verweigern sich dem Gefälligen ebenso wie die wilderen Werke der Klasse Gostner im Hintergrund. Das meiste aber ist ästhetisch leicht zugänglich wie die harmonisch geschwungene „Om“-Skulptur von Carola Eggeling aus Neuss oder die konstruktiven Plexiglaskästen von Detlef Funder.

D_grosse_lowitsch_02072019

Genau hinsehen: Die Zigarettenkippen in der Ecke sind Marmorobjekte von Eckehard Lowitsch. Die Kollagen an der Wand stammen von Isabelle Heske.

Viele Werke tragen den roten Punkt und sind schon verkauft – auch an das Museum Kunstpalast, das zum Beispiel für die Fotosammlung eine konzeptuelle Serie der in Köln lebenden Akademie-Absolventin Morgaine Schäfer erworben hat. Die Große, kann man sagen, hat ein großes Herz und einen gemischten Stil. Kunst im Verein: Na gut, einmal im Jahr muss das erlaubt sein.

Wann, wo und wie

„Die Große 2019“: Kunstausstellung NRW Düsseldorf bis 4. August im Museum Kunstpalast. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Eintritt: 8 Euro, Kinder frei. Katalog: 20 Euro. Im Programm: Führungen, Workshops und ein Familienfest am kommenden Sonntag, 7. Juli, 11.30 bis 17.30 Uhr. www.diegrosse.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Briefwechsel_Paar_20190623

Zuerst war da wieder diese Zappeligkeit in mir, der ewig Ungeduldigen: Warum fängt es jetzt nicht an, worauf warten die denn noch? Puh, ist das heiß heute! Wegen zahlreicher Absperrungen in Event-City Düsseldorf kamen etliche angemeldete Gäste spät zur Lesung der Düsseldorfer Lyrikerin und Malerin Johanna Hansen und ihres amerikanischen Autorenfreundes David Oates im Oberkasseler OK25, dem „Raum für jede Art“. Doch dann spielte das Frauen-Duo KontraSax seinen schwerelosen Klangzauber – zur Einstimmung auf einen Briefwechsel der besonderen Art, der das Publikum stundenlang lächelnd lauschen, träumen und nachdenken ließ.

D_Krefeld_Bauhaus_statue_20190618

Zugenagelte Läden, verrottete Fassaden, Müll auf der Straße, kaum Menschen am Beuys-Platz und kein Café weit und breit: Die Krefelder Innenstadt, keine 20 Kilometer entfernt vom Shopping- und Party-Paradies Düsseldorf, ist nicht gerade the place to go. Nach dem Zusammenbruch der Textilwirtschaft lässt der Strukturwandel zu wünschen übrig. Dafür kann man in aller Ruhe richtig gute Kunst erleben. Im altehrwürdigen Kaiser Wilhelm Museum gibt es eine fabelhafte Bauhaus-Ausstellung: „Von Albers bis Zukunft“.

D_Textil_Schuh_23052019

Wir haben es eigentlich alle kapiert. Es geht nicht so weiter mit unserem blinden Konsum. Das gilt auch und gerade für Kleidung, die in der Masse immer billiger wird. Wie „Harper’s Bazaar“ berichtet, kommen 53 Millionen Tonnen Klamotten jährlich auf den Markt, wovon 87 Prozent auf dem Müll landen. Selbst die Branche schämt sich schon und propagiert „conscious luxury“, bewussten Luxus. 20 große Marken haben zugesagt, bis 2020 giftfrei zu produzieren. In dem Zusammenhang ist „Textile Pop“ im NRW-Forum, eine kleine Schau von Designstudenten der Hochschule Niederrhein, recht wichtig.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D