Kultur Kunstkritik

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Im Mittelpunkt: der chinesische Künstler Liu Xiaodong auf einem Selbstporträt, das einsam an weiter Wand hängt.

Die Kunst der Kontraste: Anni Albers und Liu Xiaodong

Der Grabbeplatz ist der Sammelpunkt für das Amüsierviertel Altstadt – übersät mit eingetretenen Zigarettenkippen, Kronkorken, Flaschenscherben, Plastikbechern. Die Tiefgarage stinkt nach Urin. Man könnte hier an der Zivilisation verzweifeln, wenn nicht zwei Kulturinstitute beharrlich das menschliche Streben nach Schönheit und Erkenntnis repräsentierten. Die Landesgalerie K20 zeigt in diesem Sommer die gewebten Bilder der Bauhaus-Meisterin Anni Albers, und die Kunsthalle feiert, in Zusammenarbeit mit dem NRW-Forum, das stürmische Werk des chinesischen Malers, Filmers und Fotografen Liu Xiaodong.

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Kunst oder Kunsthandwerk? Tapisserien von Anni Albers persönlich (1924, links) und nach einem ihrer Entwürfe.

Albers?

Der Name wird in der Kunstwelt verehrt. Nicht Annis wegen, das muss man bekennen. Ihr Ehemann Josef Albers (1888-1976) war es, der mit seiner männlich konsequenten, nahezu besessenen „Homage to the Square“ (Hommage an das Quadrat) tatsächlich Ikonen der Moderne schuf. Anni Albers, im kaiserlichen Berlin geboren, 1933 mit Josef in die USA emigriert, war die kreative Frau an seiner Seite, überaus erfolgreich in der angewandten Kunst der Handweberei. Sie machte Entwürfe für die amerikanische Dekorationsindustrie und vertrat 1947 die Ansicht: „Der gute Designer ist der anonyme Designer, ... der seine Produkte ohne ambitioniertes Erscheinungsbild auf ihren Weg in ein nützliches Leben schickt.“

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Raumgestaltend: die Webkunst von Anni Albers im K20.

Der Ausdruck des Fadens

Am Bauhaus in Weimar und Dessau, wo Anni Albers bis zur Machtübernahme der Nazis studiert und zuletzt auch gelehrt hatte, war die Idee der künstlerischen Gestaltung von Alltagsgegenständen höchstes Ziel. Alles, vom Geschirr bis zur Architektur, sollte Ausdruck einer übergeordneten Ästhetik werden. Das Praktische war also nichts Verwerfliches. Dennoch wollte Anni Albers ihre Werke in den späten 1950er Jahren nicht länger im wörtlichen Sinne (als Teppich) mit Füßen treten lassen, sie erhob sie zu gewebten Bildern, „Pictorial Weavings“. Ein kleines grünes, quadratisches Gewebe mit aufgestickten braunen und orangefarbenen Linien zum Beispiel nannte sie „Pasture“, Weideland. Es gehört heute zur Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York.

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Gardinen wie abstrakte Bilder: Textilentwürfe von Anni Albers.

So gelang es Anni Albers, wie sie 1959 schrieb, „die Fäden sich wieder selbst ausdrücken zu lassen, ... damit man sie betrachtet, statt auf ihnen zu sitzen oder zu gehen.“ In der schlicht und klar inszenierten Ausstellung, einer Kooperation mit der Londoner Tate Modern, wird keine Grenze gezogen zwischen Anni Albers’ Vorhängen und ihren abstrakten Webbildern. Eine Reihe von späten Gouachen und Drucken aus den 1970er-Jahren führt noch weiter in einen zweckfreien Konstruktivismus mit Schwärmen zarter Dreiecke und Linien. „Nun wird etwas Offenes, etwas Interessantes folgen“, freute sich die alte Lady. Und auch der Besucher, der das Kunstgewerbliche nicht verachtet, wird seine Freude an dieser Ausstellung haben.

Ein Kick ins Surreale

Wer den Faden eher fad findet, der kann gegenüber in der Kunsthalle lebenspralle Inspirationen finden. Der Chinese Liu Xiaodong, 1963 geboren, und nach einigem Stress mit dem Regime nun anerkannter Professor an der Pekinger Akademie, gehört zu den neuen Weltstars der Malerei. Seine monumentalen Bilder, deren expressiver Stil mit einem Kick ins Surreale am ehesten an die Leipziger Schule erinnert, beeindrucken auch kunstferne Betrachter. Da stehen sie und staunen über die wandfüllenden, leicht rätselhaften Szenen, die, anders als verkopfte Hervorbringungen westlicher Gegenwartskunst, nicht zu übersehen sind.

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Erinnerungsbaum, „Memory Tree“, nennt Liu Xiaodong dieses rätselhafte Bild beziehungsloser Damen in Abendgarderobe.

„Out of Beichuan“, am Rand eines Bergortes mit merkwürdig schiefen Plattenbauten, stehen da ein paar Teenager mit einer Fahrradkarre, krumme Hunde lungern umher. Das „Diary of an Empty City“ (Tagebuch einer leeren Stadt) zeigt einen Reiter, der im Schlamm versinkt, gefolgt von einer Frau in Tracht und einem Alten, der ein Pferd führt, über dessen Sattel ein Mann hängt. Auf einem anderen Bild liegt ein von einer Clique unbeachteter Junge bäuchlings auf der Straße. Sind die betrunken oder tot? Was ist das für ein „White Pub“, eine Kneipe für Weiße, wo ein Cowboy auf einem Gummipferd hockt? Und warum liegt ein nacktes Mädchen auf einem Tisch, wo sich acht korrekt gekleidete Business-Herren „Unter den Kirschblüten“ versammelt haben?

Fragen und Antworten

Solche leicht beunruhigenden Fragen drängen sich auf und fördern die Spannung. Im NRW-Forum werden Antworten gegeben – man sollte daher unbedingt den Spaziergang zum Ehrenhof machen. Die dortige Schau erzählt mit zahlreichen Fotos, Filmen, Texten und Installationen ausführlich von dem vitalen Künstler Liu Xiaodong, seinem Leben, seinen Methoden. Man sieht ihn zu Hause, in den bescheidenen Verhältnissen der Industriestadt Jincheng, wo er in der Wohnküche gemalt und ein zärtliches Bild von seinem schlafenden Vater kurz vor dessen Tod aufgenommen hat. Und man sieht ihn auf seinen langen Reisen durch das keineswegs gleichgeschaltete Riesenreich China und den Rest der Welt, wo er seine Anregungen findet und in konzentrierten Aktionen umsetzt.

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Wie Fotos zeigen, malt Liu Xiadong überall, sogar auf einem Pferdemarkt in der chinesischen Provinz.

Die Eisfischer in Grönland, die Transsexuellen von Berlin, wartende Flüchtlinge in Griechenland sind neben viele anderen seine Modelle gewesen, bevor er, so der Titel der von Heinz-Norbert Jocks kuratierten Doppelaustellung, die „Langsame Heimkehr“ antrat. Dabei arbeitet Liu Xiaodong keineswegs, wie man angesichts der Gemälde annehmen könnte, mit fotografischen Vorlagen, sondern versucht, das Motiv direkt vor Ort, in einer Landschaft oder einem Raum, festzuhalten.

Auf Reisen inspiriert

Packende Bildreportagen zeigen, dass er seine Leinwände, von Pappendeckeln geschützt, schon an den kuriosesten Orten aufgestellt hat: im Müll von Neapel und auf einem Pferdemarkt in Tianshui. Mitten in der Realität, die er fotografisch und filmisch dokumentiert, schafft Liu Xiaodong mit der Malerei eine entfremdete, leicht fantastische Sicht. Lustvoll deckt er seine Geheimnisse auf: Die Häuser „Out of Beichuan“, wo er die Teenager mit der Fahrradkarre malte, stehen in Wirklichkeit natürlich gerade. Nach getaner Arbeit posierte der Künstler mit den grinsenden Girls und dem fertigen Bild. In dem Londoner Pub, wo er die Personen für seinen „White Pub“ fand, gab es fast alles, bloß keinen Reiter auf einem Gummipferd. Die Business-Herren mit der Nackten auf dem Tisch trafen sich tatsächlich im japanischen Yokohama, wo das Speisen vom nackten Bauch einer willigen Dame zu den gängigen Vergnügungen nach Geschäftsschluss gehört. Und der tote Mann aus der Straßenszene war ein erschöpfter Schwimmer in Bangladesh.

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In Berlin entstanden das Porträt eines chinesischen Künstlerkollegen und kleine Stillleben.

Er selbst, Liu Xiaodong, ist nicht nur Star in einigen lakonischen Filmen und Videos. Um ihn als Person dreht sich alles in seinen reichhaltigen Bildergeschichten. Nebenher experimentiert er mit einer digital gesteuerten Malmaschine, die in einem Extra-Saal wilde Gesten auf die Leinwand bringt. Für Anni Albers wäre so etwas undenkbar gewesen. Aber Zurückhaltung ist eben old school. Auch in der Kunst siegt der von smarter Technik unterstützte Personenkult.

Was, wann und wo?

„Liu Xiaodong: Langsame Heimkehr“: bis 19. August in der Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, Di.-So. 11 bis 18 Uhr, und im NRW-Forum, Ehrenhof, Di.-Do. 11 bis 18 Uhr, Fr. 11 bis 21 Uhr, Sa. 10 bis 21 Uhr, So. 10 bis 18 Uhr. Kombiticket: Di.-Do. 9 Euro, Fr.-So 11 Euro. www.kunsthalle-duesseldorf.de, www.nrw-forum.de

„Anni Albers“: bis 9. September in der Kunstsammlung NRW K20, Grabbeplatz 5. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 12 Euro. Freier Eintritt am Kunstabend jeden 1. Mittwoch im Monat, 18 bis 22 Uhr. Das fadengenau und sehr schön gestaltete Buch zur Ausstellung ist im Hirmer-Verlag erschienen und kostet im Museum 36 Euro. www.kunstsammlung.de

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