Kultur Kunstkritik

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Unübersehbar: das leuchtend rote Selbstbildnis „Weder-Noch?“ (1981) von Norbert Tadeusz.

Die Wucht der Malerei: Bilder von Norbert Tadeusz im Kunstpalast Düsseldorf

Kann schon sein, dass Düsseldorf nie so richtig hingesehen hat, wenn es um die Bilder von Norbert Tadeusz (1940-2011) ging. Denn der Zeitgeist seiner Generation schwärmte für Konzepte und Installationen, während der gebürtige Dortmunder unbeirrt bei der figurativen Malerei blieb. „Ich male, was ich gesehen habe“ – der knappe Satz war sein Credo. Welche Kraft und Wucht vom monumentalen Werk des Norbert Tadeusz ausgeht, zeigt jetzt der Kunstpalast mit der ersten Ausstellung der Herbstsaison.

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Kurator Kay Heymer, Leiter der Abteilung Moderne Kunst, zwischen Interieurs von Norbert Tadeusz. „Neon“ rechts wurde 1979 von der Decke der Kultkneipe "Ratinger Hof“ inspiriert.

Tadeusz, gesegnet mit Professorenämtern in Münster, Karlsruhe, Berlin und Braunschweig, war selbst kein akademischer Typ. Er hatte als Junge mit Begeisterung Krokodile und Madonnen geschnitzt und nach dem Hauptschulabschluss erst einmal eine Lehre als Dekorateur gemacht, bevor er Malerei in der Werkkunstschule Dortmund studieren durfte. Der dortige Lehrer erkannte sein außergewöhnliches Talent und vermittelte ihn an die Düsseldorfer Akademie, wo er in den 1960er-Jahren zum Meisterschüler von Joseph Beuys avancierte.

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Subtile Anfänge: Als Student malte der junge Tadeusz 1961 die „Mütter Ur Chinesisch“.

Am Anfang ist die Zeichnung

Damals beschäftigte sich Tadeusz unter anderem mit der frühen Kunst der Menschheit und schuf serienweise erdbraune „Mütter – Ur Chinesisch“ in Öl auf Leinwand. Doch die allzu verkopfte Kunst und die „Begriffsarbeit“ der Cliquen um Beuys lagen dem jungen Maler auf Dauer nicht, er verließ den Bannkreis und arbeitete seit 1966 selbstständig, den eigenen Obsessionen folgend. Und während die Kollegen ihre Theorien zum Happening machten, malte er lustvoll Akt um Akt mit hingebungsvollen, aber starken Frauen. Sein Ausgangspunkt war ganz altmodisch die Zeichnung, die er, wie einige furiose Arbeiten zeigen, perfekt beherrschte: „Ohne Zeichnungen komme ich nicht aus“, bemerkte er: „Ich habe ja keine Ideen, die ich vorführen will.“

Aber die Zeichnung brachte ihn auf Ideen. Eine nackte Frau steht 1971 mit den Füßen in einem Tuch und breitet es aus wie ein Kreuz. An einen Gekreuzigten erinnert auch der ausgeweidete Kadaver eines Pferdes. Tadeusz, der teilweise in Italien lebte, war fasziniert von der unbefangenen Fleischbeschau in italienischen Metzgereien. In den 1980er-Jahren würdigte er das Schlachtvieh in großen, leuchtenden Kompositionen.

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Spiel des Lebens: „Das große Ei (Casino I)“ von 1987.

Das Leben als gefährliches Spiel

Auch die geliebten Frauen ähnelten immer mehr einem Tier, einem Stückchen Fleisch. Der Maler selbst malte sich nackt an Ringen hängend, zwischen Tierbrocken in einer leuchtend roten Metzgerei. In einem „Casino“ von 1987 turnen entblößte Akrobaten über einer Manege mit Billardtisch. Das Leben ist ein gefährliches Spiel. Zur Lust gesellt sich die Angst, wie von selbst kommt der Gedanke der Vergänglichkeit.

Trotz düsterer Themen sind die Bilder von Norbert Tadeusz eine Pracht. Das liegt nicht nur am imposanten Format, sondern auch und vor allem an den glühenden Farben, die das Erdgeschoss des Kunstpalastes mit Spannung aufladen. Dem großen Zeichner genügte die Linie nicht – obwohl er sie meisterlich beherrschte, wie Hintergrund-Ornamente und einige menschenleere Interieurs am Rand der Abstraktion beweisen.

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Drama in Gelb: das monumentale Bild „Vorletztes Palio“, das Norbert Tadeusz 2001 malte.

Gelb war seine Lieblingsfarbe

Tadeusz, der vitale Künstler, schwelgte in seinen Farben: feuerrot, tiefblau, grün, türkis. Am liebsten war ihm ein grelles Gelb, angriffslustig, unübersehbar. Ein riesiges „Gelbes Atelier“ von 1985 vereint seine bevorzugten Motive: die Akte, das Schlachtvieh, das Interieur in wilder Perspektive. Gelb leuchten die Halme aus einem „Strohwagen“ von 1989. Und gelb ist der Sand, auf dem sich Pferde und Reiter beim „Vorletzten Palio“ von 2001 überschlagen, ein paar Nackte irren umher. Das wüste, ausufernde Pferderennen in Siena faszinierte den Maler besonders.

Schräg gegenüber beruhigt sich der Blick. Im Auftrag einer Bank malte Tadeusz 2005 einen monumentalen Seerosenteich im oberbayrischen Feldafing, in dessen leuchtend blauem Wasser sich moderne Architektur spiegelt sowie die Stirn des Künstlers, der über den Rand blinzelt. Norbert Tadeusz malte nur, was er gesehen hatte – und konnte damit alles ausdrücken.

Wann und wo?

„Norbert Tadeusz“: bis 2. Februar im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Katalog im Kettler Verlag: 24,90 Euro. www.kunstpalast.de

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