Kultur Kunstkritik

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Mit Monotypien und Acryl auf Wellpappe arbeitete Pia Fries für die Serie „Alchemilla“.

Die schwebende Wucht: Pia Fries im Düsseldorfer Kunstpalast

Ach, der Name Pia Fries ist Ihnen kein Begriff? Kein Grund, sich zu genieren. Auch in gewöhnlich gut informierten Kreisen kennt nicht jeder die Schweizer Malerin, die jetzt überraschend groß im Kunstpalast präsentiert wird. Ex-Direktor Beat Wismer, selbst Schweizer, hat die Verbindung noch geknüpft. Und sein Nachfolger Felix Krämer beteuert, er sei „ausgesprochen dankbar“, denn er möchte das Museum am Ehrenhof auch zu einem „Ort für die Künstler der Stadt machen“. Pia Fries war in den 1980er-Jahren eine Meisterschülerin von Gerhard Richter an der hiesigen Akademie, und sie lebt, obgleich Professorin in München, die meiste Zeit in Düsseldorf.

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In einer neuen weißen Galerie präsentiert der Kunstpalast das Werk von Pia Fries.

Der neue Direktor hat bekanntlich beherzt umräumen lassen. Das Ergebnis ist nicht ganz ideal. Der beliebte Shop wurde ins Foyer gequetscht, und man muss mit Mänteln und Taschen erst einmal zwei tiefe Stockwerke hinunter zur unterirdischen Garderobe laufen. Aber: Aus dem ehemaligen Eingangsbereich gleich rechts im Erdgeschoss ist jetzt wieder ein großzügiger Ausstellungsbereich geworden. Und dort macht Museumschef Krämer der Kunsthalle coole Konkurrenz. In sieben blendend weißen Oberlicht-Räumen kommt das eigenwillige Lebenswerk der 63-jährigen Pia Fries optimal zur Geltung: eine schwebende Wucht.

Farbe in fetten Mengen

Bevor sie sich der Malerei zuwandte, hatte die junge Pia Fries in Luzern einige Jahre Bildhauerei studiert. Das merkt man bis heute. Malen ist für diese zierliche, aber kraftvolle Person keine flächige Angelegenheit. Sie behandelt die Ölfarbe wie einen Werkstoff, trägt sie häufig in fetten Mengen auf, formt sie wie Ton, quetscht und riffelt sie. Dabei kann sie auch anders, äußerst fein und delikat malen, zeichnen, collagieren, drucken. Manchmal wischt sie die Farbe einfach wieder ab, so dass nur Spuren bleiben. Mal sind es leidenschaftliche Schwünge, mal lyrische Subtilitäten, die sie auf weiß getünchten Holzplatten ans Licht bringt.

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An den abstürzenden Ikarus soll das zweiteilige Bild „Peraltro“ von 2018 erinnern.

Pia Fries arbeitet abstrakt, aber nicht ohne Bezug. Jede ihrer Werkserien ist von einem bestimmten Gedanken geprägt. „Fabelfakt“ nennt sie die Ausstellung, weil sie die schweifende Fantasie mit strengen technischen Konzepten vereint. So haben alle Bilder der Serie „Parsen und Module“ von 1999 das gleiche Format, den gleichen weißen Untergrund, doch jeder einzelne Teil („pars“) ist mit einer einmaligen malerischen Geste und einem erfundenen Wort verbunden: „parseppi“, „partenulle“. Schmunzeln ist durchaus erlaubt.

Galeeren in der Abstraktion

Und Träumen auch. Fliegen da nicht ein paar zarte Schmetterlinge um eine Kolbenblüte, unten in der Ecke eines Bildes von 2004? In einer Serie zum Werk der Naturforscherin und akribischen Aquarellistin Maria Sibylla Merian (1647-1717) nutzte Pia Fries damals Faksimile der historischen Blätter, um sie in ihre Malerei einzufügen. Immer wieder bezieht sie sich auf alte Meister, ließ sich „Seewärts“ von dem 1587 entstandenen „Fahnenschwinger“ des Kupferstechers Hendrick Goltzius oder von den „Galeeren im Sturm“ (1646) des Stefano della Bella inspirieren und übertrug Ausschnitte der zarten Linien mit Siebdruck auf das große Format. Mit versteckten Figuren würdigte sie abgestürzte Himmelsstürmer wie den kühnen Ikarus, dessen Schicksal ihr als Sinnbild für die Kunst erscheint – „eine Reise ins Ungewisse“.

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Fachgespräch: Künstlerin Pia Fries (links) und Kuratorin Gunda Luyken.

In ihren Titeln erweist sich die Malerin oft als Lyrikerin, zum Beispiel, wenn sie die Wortfindungen „Weisswirt und Maserzug“ über ihre Experimente mit freigelassenem Holzgrund zwischen künstlichen Linien setzt. Die Bilder sehen toll aus in der Ruhe der taghellen Säle, sie passen auch in großzügige Wohnräume und Vorstandsetagen. Man versteht, dass Pia Fries bei Sammlern erheblichen Erfolg hat. Der besonders liebevoll gestaltete und zweisprachig gehaltene Katalog aus dem Verlag der Buchhandlung Walther König wird ihren Marktwert noch steigern.

Information

„Fabelfakt. Pia Fries“: bis 16. Juni im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Do. bis 21 Uhr. Katalog: 29,80 Euro. www.kunstpalast.de

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