Kultur Kunstkritik

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Ein Porzellanfisch in einem bläulich schimmernden Teich aus Wasserglas gehört zur Installation Gabriele Henkels

Düsseldorf Hetjens-Museum: Gabriele Henkel bittet zu Tisch

Es ist, als habe sie jetzt alles erledigt. Das Buch über ihr Leben. Eine letzte Ausstellung. Gabriele Henkel konnte nicht mehr zur Eröffnung ihrer Präsentation von Porzellan und Aquarellen im Hetjens-Museum kommen. Niemand ahnte, wie schwach sie war. Keine zwei Tage nach der Vernissage ist sie im Alter von 85 Jahren gestorben. So wird das melancholisch-schöne Arrangement mit dem Titel „Stillleben“ unversehens zur Kunst des Gedenkens.

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Museumschefin Daniela Antonin freut sich über die Aquarelle von Gabriele Henkel

„Das Hetjens ist das Herz des alten Düsseldorf“, soll Gabriele Henkel, die Künstlerin, Sammlerin und allseits bewunderte „Frau Professor“, neulich bei einem Besuch im Keramikmuseum gesagt haben. Das ist Manna für die temperamentvolle, endlich offiziell ernannte Direktorin Daniela Antonin und ihren Kurator Wilko Beckmann. Über gesellschaftliche Beziehungen („aus dem Freundeskreis“) konnten sie die legendäre Gastgeberin und Witwe des Fabrikanten Konrad Henkel zur Teilnahme an der Ausstellungsreihe „Tisch des Monats“ überreden. Und ganz von selbst hat die Königin der Düsseldorfer Society vorgeschlagen, ergänzend ihre Aquarelle zu zeigen.

Mit Bachs Goldberg-Variationen

Aus dem großen Saal im Erdgeschoss ist so die höhere Idee eines Henkel-Salons geworden. Goethe wird an der Wand zitiert: „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen“. Und dazu perlen Bachs Goldberg-Variationen in der legendären Interpretation von Glenn Gould. Man tritt wie von selbst etwas leiser auf und betrachtet die Installation fast andächtig.

Anders als früher, in ihrer aktiven Zeit, hat Gabriele Henkel die Tafel im Raum nicht für wirkliche Gäste gedeckt, das Arrangement wirkt eher wie eine halb verwehte Beschwörung vergangener Festlichkeiten. „Less is more“, hat die Frau Professor dem Kurator gesagt, weniger ist mehr, und suchte nur wenige Stücke der Sammlung aus. Es befinden sich lediglich drei Teller, ein paar Schalen, Vasen und Terrinen aus dem 20. Jahrhundert auf dem Tisch –  wie zufällig verteilt. In der Mitte steht still eine anmutige Frauenfigur mit geneigtem Haupt: die „Sinnende“, ein Entwurf von Rudolf Kaesbach für Rosenthal aus dem Jahr 1936. 

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Mit wenigen Stücken weißen Geschirrs und einer „Sinnenden“ aus Porzellan hat Gabriele Henkel im Hetjens-Museum den „Tisch des Monats" gedeckt

Wie das Meer in der Dämmerung

Die Figur ist so weiß wie das Geschirr. Weiß ist auch der „Fisch auf Welle“ aus der Volkstedter Porzellanmanufaktur von 1921. Gabriele Henkel hat das schaumige Zier-Tier neben dem Tisch in einen blau beleuchteten Teich aus gebrochenem Wasserglas gesetzt. Ebenfalls weiß ist dieses Material. Es ist, als sei alles Bunte aus einer wehmütigen Erinnerung gewichen. Nur das Tischtuch schimmert in dunklem Türkis mit Schlieren von Schwarz und Pink, wie das Meer in der Dämmerung. Es handelt sich um den neun Meter langen Druck eines kleinen Aquarells, das Gabriele Henkel 2008 in La Torretta malte. Das Original hängt an der Wand zwischen vielen anderen Werken.

Die Formate der Aquarelle sind klein, die Ränder der Blätter ungleichmäßig wie naturgewachsen. Das passt. Die Natur an der Küste ist die große Inspiration der talentierten Amateurin mit dem Profi-Blick für das Schöne. Sie setzt glühende Lichter in Meeresblau, sie lässt Farben regnen. Im Abstrakten meint man, dunkle Wolken zu sehen oder einen Sonnenuntergang. Dabei meidet sie jede kitschige Kenntlichkeit. „Liebe Gabriele, kannst du nicht ein Haus oder ein Boot malen“, hat ihr Ehemann Konrad sie einst gefragt, sie zitiert es genüsslich in ihrem Aquarell-Buch. Dass die große Kunstkennerin und Sponsorin selbst malt, weiß die Welt erst, seit die Bilder 2014 im Grupello-Verlag veröffentlicht wurden.

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Das Skizzenbuch aus Ibiza zeugt von der Spontaneität der Künstlerin Gabriele Henkel

Über Farben nachdenken

In der Ausstellung zeugt auch ein Skizzenbuch aus Ibiza von einer Zeit, als Gabriele Henkel unermüdlich und mit großer Freude den Pinsel führte. „Was ist das Schönste am Klecksen?“ tuschte sie auf eine Seite zwischen flirrenden Tupfern: „Über Kunst und über Farben nachdenken“. Dass sie das so konsequent betrieb, ahnten nicht einmal ihre Freunde, versichert die ihr verbundene Designerin, Bühnenbildnerin und Fachautorin Stephanie Engeln, die zur Vernissage extra aus New York gekommen ist.

Im hohen Alter offenbart sich Gabriele Henkel bereitwillig. Ihre kürzlich erschienene Autobiografie „Die Zeit ist ein Augenblick“ mit vielen Anekdoten über Liebe, Kunst und illustre Freundschaften verkauft sich bereits in vierter Auflage. Und jetzt bittet sie im Hetjens-Museum ganz Düsseldorf zu Tisch. Im Geiste.

Wann und wo?

Gabriele Henkel: Stillleben – Porzellan und Aquarelle: bis 19. November im Hetjens Deutsches Keramikmuseum, Schulstr. 4. Di.-So. 11 bis 17 Uhr, Mi. bis  21 Uhr. www.duesseldorf.de/hetjens

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