Kultur Kunstkritik

D_K21_dickeHose_20180906

Dicke Hosen aus Las Vegas gehören im Düsseldorfer K21 zu den Rauminstallationen der anonymen amerikanischen Künstlerin Lutz Bacher.

Düsseldorf K21: Neu sortierte Kunst auf saniertem Parkett

Türen neu, Parkett saniert, Technik repariert: Die Handwerker waren fleißig im K21, dem zeitgenössischen Teil der Kunstsammlung NRW. Auch die beliebte Kletterinstallation „in orbit“ von Tomás Saraceno – unser Abenteuerspielplatz für Schöngeister – musste gewartet werden. Drei Wochen blieb das Haus hinterm Schwanenspiegel geschlossen. Direktorin Susanne Gaensheimer nutzte die Zeit, um ein festes Team zu installieren und die Kunst frisch aufzumischen. Die Sammlungsräume sehen mal wieder anders aus, ein Besuch lohnt sich.

D_K21_Fuenferbande_20180906

Kunst ist eine ernste Sache (von links): Pressesprecher Gerd Korinthenberg, Direktorin Susanne Gaensheimer und die Kuratoren Beatrice Hilke, Doris Krystof und Falk Wolf im K21.

Eintritt frei heißt es im ersten Stock. Das ist allerdings nicht so sensationell, denn es gibt wenig zu entdecken außer Sammelkartons und Alt-Videos aus dem Archiv der legendären Düsseldorfer Avantgarde-Galerie Fischer. In einem rot ausgelegten und schräg bestuhlten Veranstaltungsraum mit dem Titel „Salon21“ darf der Besucher sich ausruhen oder lesen. Das machen wir aber lieber später bei einem Kaffee in der neu und praktisch möblierten Museumsbar Pardo’s, wo nur das Blubberblasen-Muster der Tapete noch darauf hinweist, dass das Ganze mal eine Rauminstallation von Jorge Pardo war.

D_K21_braun_20180906

Einer der „Großen Geister“ von Thomas Schütte ist in das Treppenhaus gezogen.

Dicke Hosen mit Holzwolle

Wer mehr erleben will, zahlt zwölf Euro und steigt empor in den zweiten Stock, auch „Bel Étage“ genannt. Hier gibt es bis Januar eine kleine Sonderausstellung jener amerikanischen Konzeptkünstlerin, die sich das männliche Pseudonym Lutz Bacher zugelegt hat und ihre eigene Identität schon seit den 1970er-Jahren erfolgreich verbirgt. Die Szene schweigt sich aus, denn das Geheimnis gehört zur Show, die in diesem Fall nach einem Song von Tina Turner benannt ist: „What’s Love Got to Do With It“. Was Liebe damit zu tun hat? Keine Ahnung. Wie die junge Kuratorin Beatrice Hilke erklärt, ist Bachers Werk sehr heterogen, also uneinheitlich. Durchgängig sei nur ihr „Interesse an Strategien der Aneignung“. Soll heißen: Lutz Bacher benutzt Vorgefundenes und macht es nicht ohne Witz zu ihrer Kunst: Konsumartikel, Handy-Videos, Notizzettel zum Beispiel. Die vergrößerte und verzerrte Unterschrift von Donald Trump hat sie zu einer Art Wandfries ausdrucken lassen. Drei Säle sind damit bestückt – und mit Holzwolle und Glitzerfolienstreifen ausgestreut. Was an den Schuhen kleben bleibt, kann weg. Stehen bleiben sollen 21 mit „Las Vegas“ bedruckte und mit Holzwolle ausgestopfte Schlafanzughosen („Vegas Pants“). Dicke Hosen ohne Inhalt. Verstehe.

D_K21_bank_20180906

Leuchtendes Beispiel: Jeff Walls Fotografie „Morning Cleaning in der Mies van der Rohe Foundation“ (1999) hinter Rosemarie Trockels Eisenguss-Sofa im Plastikmantel („Copy me“).

Von draußen dröhnt Orgelgebraus: Bachs Toccata in d-Moll, von Lutz Bacher bei einem Konzert in New York mit dem Smartphone aufgenommen, samt Nebengeräuschen. Beherzt geklaut, wird der Klassiker nun als eigenes Soundwerk im Treppenhaus von K21 präsentiert: „Music in the Castle of Heaven“, Musik im Himmelsschloss. Jedenfalls nicht zu überhören.

Großer Geist im Treppenhaus

D_K21_portraits_20180906

Die Fälschung ist das Original: Hans-Peter Feldmann ließ diese Frauenköpfe aus berühmten Gemälden kopieren.

So beschallt döst keiner, der weitergeht zu den Sammlungsräumen. Zehn von 13 Mini-Ausstellungen wurden neu gestaltet. Dabei sind skurrile Kombinationen entstanden wie Rosemarie Trockels dunkle Wollbilder „My Phantasy“, ein aus der Wand ragendes Wachsbein mit Socken und Herrenschuh von Robert Gober und Jeff Walls Leuchtfotografie von zwei Mädchen am unheimlichen „Abfluss“ im Wald. Überhaupt gibt es von Wall, dem Meister der irritierenden Bilderzählung, einige interessante Arbeiten im K21. Schön, sie wiederzusehen.

Im Treppenhaus steht jetzt einer von Thomas Schüttes „Großen Geistern“ aus Gussstahl und bewacht den Eingang zum dritten Stock. Schüttes große „Bronze-Frau“ von 2001 liegt still in ihrer zerstückelten Pracht vor drei Regalen mit kleinen „Ceramic Sketches“. In einer anderen Raumfolge weist eine geschunden aussehende Gipsfigur des tabulosen amerikanischen Performers Paul McCarthy den Weg zu einem Video von Marina Abramović, die sich 1975 unter dem Motto „Art is beautiful“ (Kunst ist schön) die Haare bis weit über die Schmerzgrenze mit stählernem Gerät gekämmt und gebürstet hatte. „Einige Werke in diesen Räumen könnten möglicherweise verstörend wirken“, heißt der Warnhinweis an der Tür.

Magisches Schattenspiel

Jugendfrei sind hingegen die liebevollen Installationen von Hans-Peter Feldmann, der mit allerlei sich drehendem Trödelkram ein magisches „Schattenspiel“ geschaffen hat. Vier große Frauenköpfe, die Feldmann nach berühmten Bildnissen hat kopieren lassen, amüsieren den Betrachter mit ihren unerklärlichen Blicken. Weiterhin wurden sachliche Fotografien des Becher-Schülers Thomas Ruff kombiniert mit den für uns rätselhaften Bilderfunden von Akram Zaatari von der Arab Image Foundation, der Direktorin Gaensheimer im letzten Herbst eine Ausstellung gewidmet hatte. Für den westlichen Blick ebenso fremd, aber faszinierend sind die „Cabaret Crusade“-Trickfilme des ägyptischen Künstlers Wael Shawky. Mit zauberhaften, gläsern wirkenden Marionetten vor surrealen Kulissen erzählt Shawky die Geschichte der Kreuzzüge aus arabischer Sicht.

D_K21_gang_20180906

Ein aufmerksames Publikum ist das Sujet von Thomas Struths Fotoserie „Audience“.

Das ist originell, aber man weiß nicht, ob das Publikum davon so gebannt sein wird wie das „Audience“ auf Thomas Struths gleichnamiger Serie von Großfotografien, die im Flur hängen. Eine Sonderausstellung der angesagten chinesischen Multimedia-Künstlerin Cao Fei soll im Herbst für Spannung sorgen.

Wo und wann?

Nach dreiwöchigen Sanierungs- und Umbauarbeiten ist das K21 an der Ständehausstraße 1 wieder für das Publikum geöffnet. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Jeden ersten Mittwoch im Monat ist Kunstabend bis 22 Uhr (ab 18 Uhr ist der Eintritt frei). Neben neu sortierten Sammlungsräumen ist im zweiten Stock eine Ausstellung der amerikanischen Konzeptkünstlerin Lutz Bacher zu sehen: „What’s Love Got to Do With It“ (bis 6. Januar). Eintritt: 12 Euro. www.kunstsammlung.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_ROBOTER_NRWForum_ohneUnterleib_20190315

Sophia hat keinen Unterleib. Aber Köpfchen. Und ein Gesicht – wie aus Männerfantasien: glänzende Augen mit Klimperwimpern, ein gerades Näschen und diese leicht geschwollenen Lippen, die dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen. Sophia kann verblüffend echt gucken und mit den Brauen zucken, lächeln wie eine unermüdliche Empfangsdame und sogar sprechen: „I’m happy to be in Düsseldorf, it is beautiful“. Thank you, sehr nett! Sophia ist auf Höflichkeit programmiert – ein Wunderwerk des Hongkonger Unternehmens Hanson Robotics und Star des internationalen Festivals „Meta Marathon“ im NRW-Forum.

D_Bikoe_PK_08032019

So was nennt man wohl Waffenstillstand. Alain Bieber, Direktor des NRW-Forums, und Clara Sels, bewährte Meisterin des „Duesseldorf Photo Weekend“, saßen nach vorjähriger Entzweiung zur Pressekonferenz an einem Tisch und versicherten, dass sie sich „sehr freuen, wieder gemeinsame Sache zu machen“. Dabei ist nichts geklärt. Die Galeristin Sels will, wie sie sagt, nach „sehr viel Hürdenspringen“ künftig nur noch „im Hintergrund aktiv sein“ und sucht „nach Unterstützung“. Der Oberbürgermeister wird leider alles neu sortieren. Wie es auch kommen mag, das Publikum möchte einfach Fotos sehen.

D_bikoe_k21_Tod_01032019

Noch ist die Stimmung kornblumenblau, aber bald wird der Spaß vorbei sein, und spätestens dann geht der verkaterte Mensch wieder auf Sinnsuche. Eine Begegnung mit neuer Kunst ist da gerade das Richtige. Im K21 zum Beispiel kann man sich mit dem britischen Künstler Ed Atkins und seinen Videos mal so richtig ausweinen, und die Kunsthalle am Grabbeplatz präsentiert eine überraschend witzige Schau von 13 in und um Düsseldorf arbeitenden Frauen und Männer, deren Namen noch keinen Hype auf dem Kunstmarkt ausgelöst haben.

Düsseldorf, Helau!

Karnevalssession 2018/19

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D