Kultur Kunstkritik

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Tee und Pariser Tarte: Johanna Hansen in der Cité des Arts.

Düsseldorf / Paris: Johanna Hansen - Wo die Dichterin malt

Was macht den Menschen zum Künstler? Das Talent, gewiss. Die Lust am eigenen Werk. Aber dazu kommt noch eine profunde Entscheidung, eine Ablösung von den verlockenden Zeitverschwendungen der Gegenwart, die Konzentration auf den freien, zweckverachtenden Gedanken und vor allem: Unbeirrbarkeit. All das spürt man bei der Düsseldorfer Malerin und Lyrikerin Johanna Hansen, wenn man sie in der Cité des Arts von Paris besucht und zwischen betörenden neuen Aquarellen einen zarten Tee mit ihr trinkt.

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Pariser Geschichten: kleine Aquarelle an der Atelierwand.

Zum vierten Mal war Johanna Hansen jetzt in der französischen Metropole, die, trotz Touristenrummel, sozialer Schieflage und Terrorgefahr, immer noch unser aller Sehnsucht auslöst. Der Sehnsucht muss man folgen, sagt die Künstlerin. Und sie tut, was andere träumen, trennt sich vom gewohnten Komfort und führt für ein paar Wochen ein Leben à la Bohème. In diesem eiskalten Winter hat ihr der Verein Düsseldorfer Künstler sein Atelier „Max Ernst“ zur Verfügung gestellt, benannt nach dem rheinischen Surrealisten mit den Magieraugen, der in seiner Jugend von der Düsseldorfer Galeristen-Mutter Ey durchgefüttert wurde und 1922 nach Paris zog. Ach, Paris, du Seufzer unter den Städten!

Atelier mit ruhiger Aussicht

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Im Atelier „Max Ernst“ hat Johanna Hansen in diesem Winter gearbeitet...

Das Studio des Vereins liegt nicht in jenem nüchternen Wohnblock, der 1965 als „Cité des Arts“ für 300 internationale Gast-Künstler unweit der Kathedrale von Notre Dame an das rechte Ufer der Seine gesetzt wurde. Es liegt dahinter in einem stilvoll verrotteten Stadtpalais mit historischem Charme, hohen alten Fenstern und Ausblick in einen verlassenen Garten. Ein Glücksfall für Johanna Hansen, die sich nicht sattsehen kann an den Details dieser Idylle: Sie zeigt mir den eisernen Pferdekopf im Hof, wo einst die Kutschen standen, das herrschaftliche Geländer im Treppenhaus, wo gerade zwei junge Australier zwei Stufen auf einmal nehmen, den kleinen Pavillon zwischen winterharten Rosenstöcken da unten im Garten. Und sie erzählt von der eigenartigen Pariser Amsel mit weißgeflecktem Köpfchen, die vom Frühling zwitschert und so gerne Sonnenblumenkerne pickt.

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Zuhause auf Zeit: der Eingang zum alten Atelierhaus der Cité des Arts.

Und während sich draußen am Quai der Verkehr staut, hört man im Atelier die Stille, selten unterbrochen von ein paar Fetzchen leiser Musik und einem „Un, deux, trois“ aus dem Studio für Tanz im Erdgeschoss. Die Kreativität hat mannigfaltigen Ausdruck in der Cité des Arts, und die Nähe anderer Künstler birgt etwas zugleich Inspirierendes und Beruhigendes. Johanna und ihr Mann Rudolf haben sich in dem sechs Meter hohen Raum mit Galerie ein behagliches Provisorium eingerichtet, die Betten ans Licht geschafft, eine Decke und das chinesische Teegeschirr von zu Hause mitgebracht. Ansonsten genügen zwei Tische – einer zum Malen und Zeichnen und einer zum Essen und Schreiben.

Von innen nach außen arbeiten

Es ist die Reduktion, die Abwesenheit der üblichen Pflichten, die Johanna Hansen als erholsam empfindet. Im Pariser Leben wacht sie früh auf, das Morgenlicht weckt sie, und manchmal setzt sie noch im Pyjama hin um zu zeichnen. Viele kleine Bilder sind im Atelier entstanden, einige hat sie an die Wand gepinnt, in Rot, der Lieblingsfarbe ihrer Leidenschaft. Einen Hasen sieht man da, Köpfe, Kirschen wie geträumt, expressiv gemalte Worte: „die Nacht auf Eis legen ...“ Vor roter Wand tanzt eine halbe Gestalt in roten Stöckelschuhen. Auf einem anderen Blatt versteckt sie sich scheu hinter Schwarz, doch die leuchtenden Stilettos verraten sie. Will sie entdeckt werden? Mag sein, lacht Johanna. Sie malt nicht nach Plan, sondern „völlig impulsiv“, sagt sie: „Es ist fertig, wenn es mit meinem inneren Bild übereinstimmt.“

Freie Geste, strenge Auswahl

Frei ist die Geste, streng die Auswahl. Bis zu 90 Prozent aller Versuche werden von der Künstlerin verworfen. Was bleibt, kann trotz aller Leichtigkeit mühelos einen Raum einnehmen. Schwebende Figuren, schwankende Gegenstände, Ahnungen von Sternen, Blumen und Vögeln. Auch große, geradezu monumentale Formate sind entstanden. Aber man kann sie jederzeit zusammenfalten und in einen Rucksack stecken. Denn Johanna Hansen malt auf baumwollversetzte Papiertischdecken, die sie als Unterlagen benutzte, bis sie entdeckte, dass sie ideal sind als Leinwand für eine Reisende.

Rätsel zwischen Wort und Bild

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„Magnolien“: ein Bild wie ein Gedicht von Johanna Hansen.

Da wird nichts gebügelt. Man darf die Knicke und Falten ruhig sehen. Sie sind Spuren des Lebens auf dem Bild an der Wand, das mit einer Farbexplosion die aufbrechenden Knospen der Magnolien feiert. Darunter steht in fieberhafter Handschrift ein Text, den Johanna Hansen vor einem Jahr im Jardin du Luxembourg schrieb. Hier wird er zur zeichnerischen Geste, auf Leserlichkeit kommt es nicht an, „weil endlich Frühling ist“, entziffere ich. Johanna Hansen, die malende Dichterin, liebt das Rätselspiel zwischen Wort und Bild. Doch ihre Lyrik und ihre lyrische Prosa werden auch ganz unabhängig in die Welt gesetzt. Dann sind sie ganz Sprache, jedes Wort verständlich. Gern spricht die Poetin selbst ihre Texte, ohne Theatralik, und man könnte dieser ruhigen Stimme immerfort zuhören: „Die Nacht ist ein schwarzer Stock, mit dem der Gondoliere aufs Wasser schlägt ...“.

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Bereit zum Aufbruch: Johanna Hansen kurz vor der Rückreise nach Düsseldorf.

Ursprünglich war es ja die Sprache, die Johanna bewegte, nachdem sie, 1955 am Niederrhein geboren, aufgewachsen war in der, wie sie einmal schrieb, „mit Kopfschmerzen verknoteten Sprachlosigkeit der Nachkriegszeit“. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Bonn, liebte besonders Heinrich Heine, machte Staatsexamen, um Lehrerin zu werden, arbeitete auch als freie Journalistin. Doch dann, in den 1980er-Jahren, ging ihr die Luft aus. Wegen einer schweren Asthma-Erkrankung zog sie mit ihrem Mann Rudolf, einem Mediziner, für drei Jahre nach Davos, auf den Zauberberg der Künstler. Dort versuchte sie vergeblich, sich den Gegebenheiten anzupassen, eine bürgerliche Anstellung zu finden. Dann fand sie Rudolfs Aquarellkasten, fing an zu malen und wusste: „Ab jetzt mache ich nur noch, was ich will.“

Ein Magazin für die Lyrik

So wurde eine freie und kühne Künstlerin aus Johanna Hansen. In ihrem Düsseldorfer Atelier in Unterbilk lässt sie die Eingebungen fliegen, malt, dichtet, plant Ausstellungen, Lesungen, Performances, Bücher, das eine oder andere Video. Sie schätzt die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, lässt Worte zu Jazzmusik klingen, zeigt sich dem Publikum. Nichts kann sie aufhalten, auch nicht die Angst vor dem Auftritt. „Ich lasse mich nicht blockieren“, stellt sie fest und lächelt fein.
Sie ist Anfang 60, aber ihre Freude an der Kunst ist jung und unerschöpflich. Etliche Sammler haben ihre Bilder entdeckt, die Geschäfte ziehen an. Sie kann es sich leisten, auch die brotlose Lyrik zu zelebrieren. Mit ihren „Schneeminiaturen“ wurde Johanna Hansen soeben für das im Schöffling Verlag erscheinende „Jahrbuch der Lyrik 2018“ ausgesucht – neben Berühmtheiten wie Herta Müller oder Friederike Mayröcker. Kein Zweifel, ihr Werk ist nicht mehr zu übersehen. Mit Begeisterung fördert sie selbst andere Autoren. Seit 2007 gibt sie zusammen mit dem Haßlocher Verleger Wolfgang Allinger das literarische Magazin „Wortschau“ heraus, eine gänzlich unabhängige Publikation voller Entdeckungen, künstlerisch gestaltet. Nach einem Heft über die „Nacht“ erscheint in diesem Frühjahr die 31. Wortschau mit dem Thema „Menschen: Bilder“, illustriert von der renommierten Fotografin Li Erben (78), die übrigens auch zu Besuch war in Johanna Hansens Pariser Atelier.

Mehr über die Künstlerin und ihr Werk

Johanna Hansen ist wieder zurück in Düsseldorf. Am kommenden Samstag (8. März, 15 Uhr) zeigt sie zur Vernissage der GEDOK-Schau „In Szene gesetzt“ im Ballhaus des Düsseldorfer Nordparks ihre poetische Performance „von Rosen, da beißt sie ab“. Auf der Homepage www.johannahansen.de gibt es weitere Informationen. Das literarische Magazin „Wortschau“ kann online bestellt werden über www.wortschau.com

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