Kultur Kunstkritik

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Auf der Homepage informiert der Kunstpalast über die digitalen Angebote während des Lockdowns, Screenshot: Homepage

Düsseldorf: „Ziehende Gedanken“: Florian Illies digital im Kunstpalast

Klar, die Videos aus unseren Kulturinstituten sind keine smarten Sendungen mit Profi-Moderatoren. Es wirkt alles ein bisschen unbeholfen und steif, jede Unvollkommenheit wird gnadenlos festgehalten. Aber, ganz im Ernst: Das ist besser, viel besser als nichts. In einer Video-Reihe auf der Website des Düsseldorfer Museums spricht Maria Zinser, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin des Generaldirektors im Kunstpalast, mit dem Autor und Kunsthistoriker Florian Illies über die Wolken in der Malerei: „Der geteilte Himmel“. Eine Erinnerung an die derzeit verschlossene Ausstellung über „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“.

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Leicht unscharfe Experten im Zoom-Gespräch: Autor Florian Illies und Maria Zinsen, Referentin im Düsseldorfer Kunstpalast.

Der 49-jährige Illies ist ein ziemlicher Tausendsassa im deutschen Kulturgeschäft. Er war federführender Feuilletonist bei FAZ und Zeit, Mitbegründer der Zeitschrift Monopol, Gesellschafter des Auktionshauses Griesebach, verlegerischer Geschäftsführer im Rowohlt-Verlag. Ganz nebenbei schrieb er mit „Generation Golf“ (2000) sowie „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ (2012) absolute Sachbuch-Bestseller. Seit er sein Studium mit einer Arbeit über den Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen (1794-1868) abgeschlossen hat, gilt er als Experte für die Malerei des 19. Jahrhunderts und, wie Maria Zinser zur Begrüßung bemerkt, „so ’ne Art Wolkenpapst“.

Eine überirdische Ansicht

Und deshalb sieht man auf den Videos nicht nur die beiden Gesprächspartner in der starren Zoom-Schaltung, ihn in einem nobel-grau gestrichenen Altbau, sie im besucherbefreiten Kunstpalast. Dazu werden Bilder, von denen die Rede ist, eingeblendet. Ohne Schnitt, Kameraschwenk und Raffinesse, aber gut sichtbar. Zunächst geht es um einen Vergleich von Caspar David Friedrichs fast abstrakter abendlicher „Wolkenstudie“ von 1824 und Johann Wilhelm Schirmers schwärmerischem „Blick gegen Süden von der Serpentara über das Saccotal auf die Volskerberge“ von 1839. Schirmer, der damals Professor an der Düsseldorfer Akademie wurde, will die Schönheit der italienischen Landschaft zeigen, er „gibt sich komplett dem Augenblick hin“, sagt Illies. Friedrich hingegen male „eine überirdische Ansicht“, ein metaphysisches Bild: „Was er in der Natur sieht, hat er erst in sich gesehen“.

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Kunst auf dem Bildschirm: Caspar David Friedrichs Wolkenstudie „Abend“ (1824) und Johann Wilhelm Schirmes „Blick gegen Süden …“ (1839) werden verglichen.

Ähnliches gilt für die „Ziehenden Wolken über dem Riesengebirge“, die Friedrich um 1820 malte – zehn Jahre nach einer Wanderung durch den Harz, die ihn inspirierte. Da ist ein grüner Hang vor graublauen Bergen unter dem bewegten Himmel. Doch es geht dem Künstler gar nicht um die realistische Darstellung einer bestimmten Landschaft, sondern um Gefühle. Illies zitiert einen Freund von Caspar David Friedrich, den Universalgelehrten Carl Gustav Carus: „Wie ziehende Wolken in stetem Wandel sind die inneren Zustände des Menschen.“ So müsse man das Bild betrachten und die Gedanken ziehen lassen.

Diese aufbrausende See

Die dunkle Seite der Romantik wird in einem dritten Video anhand eines Großformats betrachtet: „Ein Seesturm an der norwegischen Küste“, 1837 von Andreas Achenbach gemalt, hat schon in den offenen Tagen der Ausstellung besonders viele Blicke auf sich gezogen. Nicht nur wegen des monumentalen Formats, sondern wegen der, so Illies, „perfekten handwerklichen Könnerschaft“: „Diese Gischt, diese aufbrausende See!“ Das habe kaum jemand besser gekonnt als die Meister der Düsseldorfer Malerschule. In den tosenden Wellen versinkt soeben ein Schiff, Spielball der Elemente. Ungerührt stehen am Ufer die Felsen in der Brandung. Der Sturm treibt schwarze Wolken. Eine große dramatische Szenerie in „Kino-Optik“, stellt Illies fest.

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So war’s in Wirklichkeit: Eine Besucherin nähert sich dem Großformat „Seesturm an der norwegischen Küste“ von Andreas Achenbach.

Bleibt zu hoffen, dass man vor dem Ende der Ausstellung „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“ noch einmal die Chance hat, die malerischen Wolken in Wirklichkeit zu sehen. Immerhin wurde die geplante Dauer um einen Monat bis zum 7. März verlängert. Im Katalog (Sandstein Verlag, Museumsausgabe 29,80 Euro) gibt es auch einen Essay von Florian Illies über den „Geteilten Himmel“. Die etwa zehnminütigen Videos mit den Gesprächen von Illies mit Maria Zinser sind über die Website kostenlos abrufbar: www.kunstpalast.de/de/digitales-angebot

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