Kultur Kunstkritik

D_Rembrandt_mannfrau_20180309

Klein, aber grandios: Rembrandts „Selbstbildnis mit Saskia“ von 1636. Das Kunstmuseum wagt jetzt ein "Rembrandt-Experiment" mit 48 Kunst-Studierenden.

Düsseldorf hat den Meister im Kopf: Das Rembrandt-Experiment

Der große Meister starb verarmt. Nach großen Erfolgen hatte er seinen Reichtum verjubelt. Aber die Nachwelt rückte Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669), das neunte Kind eines niederländischen Müllers, alsbald in den Olymp der barocken Künste. Schon das 18. Jahrhundert huldigte ihm. Kunstconnaisseur Lambert Krahe (1712-1790), Gründungsdirektor der Düsseldorfer Akademie, sammelte begeistert die Radierungen Rembrandts und verkaufte sie später mit seinen übrigen Schätzen den bergischen Landständen – als Studienmaterial für die Studenten. 230 Rembrandt-Blätter aus Akademie-Besitz gehören heute zur Sammlung des Kunstmuseums. Da liegt es nahe, ein „Rembrandt-Experiment“ mit Kunststudierenden zu wagen.

D_Rembrandt_DuoBild_20180209

Original-Rembrandts: „Ein Gelehrter in seinem Studiolo“ von 1652 und „Diana im Bade“ um 1631.

Karl Petzinka, der elegante Architekt und Rektor der Akademie, ist ein vortrefflicher Kommunikator und begrüßt „den ersten Schritt zu einer neuen Verbundenheit“. 48 Studierende aus ganz verschiedenen Klassen haben sich der Herausforderung Rembrandt gestellt – sechs von ihnen wurden von einer Jury unter Leitung von Museumsdirektor Felix Krämer ausgesucht und sehen ihre von Rembrandt inspirierten Arbeiten nun inmitten von 100 Original-Grafiken des großen Vorbilds.

Respekt vor den Traditionen

D_Rembrandt_Handy_20180309

Von Rembrandt inspiriert: die Handy-Radierung von Lukas Köver.

Und siehe da: Es herrscht in der kecken jungen Kunst viel mehr Respekt vor der Tradition, als man vielleicht erwarten würde. Gerade so, wie Krahes Schwiegersohn Carl Ernst Christoph Hess 1788 das „Porträt eines Mannes mit Mütze und Stock, in Rembrandts Manier“ radierte, würdigt jetzt der Student Lukas Köver den Meister. Er ritzte mit der Radiernadel barocke Köpfe in die Displays ausrangierter Handys und schuf damit eine Serie von Laserdrucken. Rembrandt statt Selfie, originell.

D_Rembrandt_Frau_20180309

Studentin Denise Werth widmete Rembrandt das Wandobjekt „Baum im Gebirge“.

Denise Werth ist besonders beeindruckt von den feinen Linien und der Tiefe der Rembrandtschen Naturdarstellungen. Die Schülerin der Bildhauerin Katharina Fritsch schnitt das zarte Geäst eines „Baumes im Gebirge“ wie ein Zitat mit dem Laserstrahl in ein dreidimensionales Wandobjekt aus Kunststoff und Plexiglas. Blaugrün leuchtet es nun neben Rembrandts „Hl. Hieronymus lesend, in italienischer Landschaft“ (1653). Paul Schwaderer aus der Klasse von Martin Gostner benutzte Rembrandts fromme Szene über „Christus, dem die kleinen Kinder werden“ (um 1648), wegen des damaligen Marktwertes auch „Hundertguldenblatt“ genannt. Der junge Mann entfernte auf einer digitalen Abbildung die Hände aus der Menschenmenge, bildete sie gesondert ab, als schwebende Teile im leeren Raum, und komponierte dazu noch ein Video mit Gesten von Rembrandt-Händen auf einer Gitterstruktur.

D_Rembrandt_Pläte_20180309

Rembrandt im Kopf: Takeshi Kitajima vor seiner freien Schriftmalerei.

So kommt das Alte mit Witz und Anmut zum Neuen. Der Japaner Takeshi Kitajima, Student bei Herbert Brandl, hat sich vom direkten Vorbild gelöst und, bewegt von der Zartheit barocker Blätter, eine freie Zeichnung wie Chiffren oder Schrift auf die Leinwand gemalt. Das erinnert eher an Cy Twombly, aber Rembrandt, sagt Takeshi, „ist immer im Kopf “.

Nur Papier – und doch eine Welt

Die Arbeiten der jungen Leute wirken wie ein Kick in dieser kleinen Ausstellung, die sonst vielleicht etwas schulmeisterlich daherkäme. Sie sind allerdings allesamt so zurückhaltend, dass man sich auch einfach auf Rembrandt konzentrieren kann. Dessen Radierungen, oft winzig im Format, können nicht oft und genau genug betrachtet werden. Es ist nur Papier – und doch eine ganze erzählerische Welt. Das geht von der „Landschaft mit Hütte und Heuschober“ (1641) bis zur Schlachtszene mit sich aufbäumendem Ross, von der prallen „Diana im Bade“ bis zum Gelehrten im Studierzimmer, der auf eine rätselhafte Lichterscheinung mit einem Anagramm schaut. Frühe Sammler sahen darin „Dr. Faust“ oder einen „Praktizierenden Alchemisten“.

D_Rembrandt_Fotograf_20180309

Rembrandt nacheifern – das wollten auch frühere Künstler der Moderne wie William Unger, der 1906 die Kopie eines Selbstbildnisses schuf, erklärt Kuratorin Sonja Brink (rechts).

Das Beste aber sind Rembrandts zahlreiche Selbstbildnisse. Er untersuchte sich genau, probierte immer neue Posen. Wir sehen ihn mit wüsten Locken und lustigen Mützen, am Tisch mit seiner ersten Frau Saskia, „am Fenster, zeichnend“, als „Bettler mit dem Gesicht Rembrandts“ oder als Orientale mit Feder am Hut. Dabei ist nichts geschönt, Rembrandt zeigte sich und die anderen Menschen realistisch, mit Falten, Doppelkinn und entgleister Miene. Die Idealisierung interessierte ihn nicht mal bei der eigenen „Mutter mit orientalischem Kopfputz“ von 1631. Er war seiner Wahrheit verpflichtet.

Wann und wo?

„Das Rembrandt-Experiment“: bis 24. Juni im Museum Kunstpalast, Ehrenhof, unten im Sammlungsflügel. Di.–So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. www.smkp.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Koelgen_aussen_12092018

Das Düsseldorfer Museum heißt jetzt nur noch Kunstpalast. Das klingt frischer, cooler, moderner. Und so ist auch der Stil des neuen Generaldirektors Felix Krämer. Er hat das Haus geöffnet, Trennwände entfernt, Hemmschwellen beseitigt, den Shop und die Kassen ins Foyer geholt. Vier der kraftvoll geschichteten Skulpturen von Tony Cragg markieren bis Februar den Ehrenhof. Und bevor ab Ende September das Design legendärer Sportwagen in einer frechen Schau gefeiert wird („PS: Ich liebe Dich“), präsentiert Krämer nun einen Klassiker der rheinischen Moderne: den Maler Walter Ophey (1882-1930) und seine betörenden Bilder.

D_K21_dickeHose_20180906

Türen neu, Parkett saniert, Technik repariert: Die Handwerker waren fleißig im K21, dem zeitgenössischen Teil der Kunstsammlung NRW. Auch die beliebte Kletterinstallation „in orbit“ von Tomás Saraceno – unser Abenteuerspielplatz für Schöngeister – musste gewartet werden. Drei Wochen blieb das Haus hinterm Schwanenspiegel geschlossen. Direktorin Susanne Gaensheimer nutzte die Zeit, um ein festes Team zu installieren und die Kunst frisch aufzumischen. Die Sammlungsräume sehen mal wieder anders aus, ein Besuch lohnt sich.

D_Beinaschi_Betrachter_07072018

Ach, Sie sind ein Freund der Künste und kennen Giovanni Battista Beinaschi (um 1634-1688) nicht? Das ist keine Schande. Sogar Felix Krämer, der Direktor des Museums Kunstpalast, hatte vor seinem Antritt in Düsseldorf noch nie von dem Spätbarockmeister gehört. Da sieht man, sagt er, „wie ungerecht die Kunstgeschichte ist“. Obgleich Beinaschi zu Lebzeiten erfolgreich war wie zuvor Caravaggio oder nach ihm Tiepolo, wurde sein Name außerhalb Italiens weitgehend vergessen. Wie gut, dass in der von Lambert Krahe im späten 18. Jahrhundert angelegten Sammlung der Düsseldorfer Akademie 250 Zeichnungen Beinaschis erhalten blieben – mehr als in den Archiven des Louvre oder sonstwo auf der Welt. 70 dieser kostbaren Blätter sind jetzt im Museum am Ehrenhof zu sehen.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D

Textanzeigen