Kultur Kunstkritik

D_Briefwechsel_Paar_20190623

Mit Freude für die Kunst: Wortschau-Verleger Wolfgang Allinger (links) und die malende Düsseldorfer Dichterin Johanna Hansen am Lese-Tisch mit dem amerikanischen Autor David Oates.

Düsseldorf - ins Blaue hinein: Poetische Stunden mit Johanna Hansen und David Oates

Zuerst war da wieder diese Zappeligkeit in mir, der ewig Ungeduldigen: Warum fängt es jetzt nicht an, worauf warten die denn noch? Puh, ist das heiß heute! Wegen zahlreicher Absperrungen in Event-City Düsseldorf kamen etliche angemeldete Gäste spät zur Lesung der Düsseldorfer Lyrikerin und Malerin Johanna Hansen und ihres amerikanischen Autorenfreundes David Oates im Oberkasseler OK25, dem „Raum für jede Art“. Doch dann spielte das Frauen-Duo KontraSax seinen schwerelosen Klangzauber – zur Einstimmung auf einen Briefwechsel der besonderen Art, der das Publikum stundenlang lächelnd lauschen, träumen und nachdenken ließ.

D_Briefwechsel_Broschueren_20190623

Ein Magazin für Lyrik und Kurzprosa: die „Wortschau“.

Wer schreibt schon noch Briefe? Fein formuliert, ausführlich, philosophisch, politisch, erzählerisch? Das ist so 20., nein, 19. Jahrhundert ... Und doch pflegen die beiden Schriftsteller Hansen und Oates diese wunderbar altmodische Verbindung, seit sie sich 2014 während eines Gastaufenthalts in der Pariser Cité Internationale des Arts kennenlernten. Ihre Korrespondenz, eher ein Austausch von persönlich geprägten Essays, erschien in zehn Ausgaben des Literaturmagazins „Wortschau“ und wurde jetzt in einer mit Schrift-Malerei illustrierten Sonderausgabe zusammengefasst: „Schreiben ist eine Art von Luftwiderstand“.

Zeichen gegen die Mutlosigkeit

Die Zeile gehört zu den poetischen Bildern, die von der Künstlerin Johanna Hansen in diese Welt der allmächtigen Technik und der miesen Nachrichten gesetzt werden, um uns ganz unabsichtlich zu trösten und zu stärken. Auch ihre Aquarelle können das. Einige Figuren und Worte, ein paar Pferde, ein paar fliegende Formen in flammendem Rot hängen wie Zeichen gegen die Mutlosigkeit an den weißen Wänden der kleinen Oberkasseler Galerie, die bis vor kurzem noch eine Design-Agentur war.

D_Briefwechsel_Gruppe_20190623

„Raum für jede Art“: Laura Dathes Oberkasseler Galerie OK25 mit Aquarellen von Johanna Hansen.

Und wir verfolgen die literarische Freundschaft, die aus innerer Nähe entstand und mit Worten über die Distanz hinweg gepflegt wurde. Johanna und David, die sich in den Briefen respektvoll siezen und sich jetzt zum ersten Mal wiedersahen, lieben beide die strukturierte Musik von Bach, und sie lieben die Farbe der Sehnsucht: Blau. „Blau ist ein Lockvogel“, heißt ein Gedicht von Johanna, das David sofort begeisterte. „Wir könnten die Blauen Writers sein“, scherzt er mit einer Anspielung auf den deutschen Expressionismus.

Die Wirkung des Wortes

Überhaupt ist viel Heiterkeit in den Schriften des Amerikaners, der über die „Nowhere-ness“ seiner verregneten Heimatstadt Portland in Oregon schreibt, wo man sich schon über „dry grey days“, trockene graue Tage, freut und versucht, den Winter zu genießen „mit Kaffee und Bier und Pinot Noir und Büchern und Freunden“. Mit Leichtigkeit verbindet Oates das Erhabene mit dem, was er „deep present“, die tiefe Gegenwart, nennt. Er erzählt von seiner alten Mom, die vor dem Fernseher sitzt und für ihren Sohn den Ton der ständig flimmernden, reaktionär lamentierenden Fox-News abdreht. Und er analysiert die amerikanische Kunst, die eigene Schuld zu verleugnen und sich als „God-blessed-America“ grundsätzlich moralisch überlegen zu fühlen, während die Germans die Wahrheit ans Licht geholt haben und sich ihrer historischen Schuld immer noch schämen – wie Johanna Hansen auf ihren Spaziergängen durch Paris, wenn sie an Krieg und Holocaust erinnert wird.

D_Briefwechsel_Sax_20190623

Das Saxophon von Christina Fuchs vom Duo KontraSax sorgte für die Musik zur Literatur.

Was hilft, ist, so Oates in seinen Briefen, ist „das Gewicht des Unsichtbaren, die Wirkung eines Wortes“. Denn: „Wie wir denken, so handeln wir, und so wird die Welt“. Johanna Hansen beschwor das Leben als schöpferisches Prinzip: „Als Gesang gegen den Tod.“ Und dann spielte wieder das Saxophon von Christina Fuchs, und der Tag fühlte sich gleich viel besser an.

Literatur und Kunst

Der deutsch-amerikanische Briefwechsel zwischen Johanna Hansen und David Oates ist unter dem Titel „Schreiben ist eine Art Luftwiderstand“ im Wortschau-Verlag erschienen und kostet 16 Euro. www.wortschau.com
Laura Dathe präsentiert vom 5. Juli bis 2. August in ihrer Galerie OK25, Kaiser-Wilhelm-Ring 25, eine Ausstellung mit Radierungen von Volker Beindorf. Die Eröffnung ist am 5. Juli, 18 Uhr. www.ok25.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Bikoe_Wandgroß_08082019

In meiner Kindheit hatten wir auch mal so ein kleines grünes Reich: einen Schrebergarten. Mit Rheinblick. Eigene Stachelbeeren, einen kletterfesten Apfelbaum, eine muffige Laube. Viel zu rupfen und zu harken, immerzu wuchs einem irgendein Gestrüpp über den Kopf. Als Teenager fand ich das spießig und war froh, dass wir die Verpflichtung irgendwann loswurden. Heute gucke ich manchmal sehnsüchtig auf diese Terrains des Rückzugs. Und ich sehe im NRW-Forum mit Vergnügen die Retrospektive des britischen Fotografen Martin Parr, der serienweise Düsseldorfer Kleingärtner abgelichtet hat.

D_grosse_BB_02072019

Als gemeiner Beobachter könnte man fragen, was die gemischten Werke eines Vereins eigentlich in einem ambitionierten städtischen Kulturinstitut zu suchen haben. Gewiss, der Düsseldorfer „Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen e. V.“ hat den alten Kunstpalast von 1900 bis 1902 auf eigene Kosten gebaut und sich damit nach einem Ratsbeschluss von 1917 ein dauerhaftes Nutzungs-Vorrecht erworben. Aber, pardon, das ist nun 102 Jahre und unzählige Umbaumaßnahmen her. Man darf darüber streiten, ob die Vereinssache noch ins Konzept passt. Aber Museumsdirektor Felix Krämer ist nett und lobt den „intensiven Austausch“, für den er dieses Jahr sogar fünf statt drei Wochen eingeräumt hat.

D_Krefeld_Bauhaus_statue_20190618

Zugenagelte Läden, verrottete Fassaden, Müll auf der Straße, kaum Menschen am Beuys-Platz und kein Café weit und breit: Die Krefelder Innenstadt, keine 20 Kilometer entfernt vom Shopping- und Party-Paradies Düsseldorf, ist nicht gerade the place to go. Nach dem Zusammenbruch der Textilwirtschaft lässt der Strukturwandel zu wünschen übrig. Dafür kann man in aller Ruhe richtig gute Kunst erleben. Im altehrwürdigen Kaiser Wilhelm Museum gibt es eine fabelhafte Bauhaus-Ausstellung: „Von Albers bis Zukunft“.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D