Kultur Kunstkritik

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Wilhelm Lehmbruck starb vor der ersten Ausstellung des „Jungen Rheinland“, aber Skulpturen wie seine „Badende“ gehörten dazu

Düsseldorfs erste Avantgarde: Das junge Rheinland

Der Name klingt ja ein bisschen fad: „Das junge Rheinland“. Und, sorry, ein richtig berühmter Begriff ist auch nicht daraus geworden. Schon nach der Gründung dieser Düsseldorfer Künstlerorganisation 1919 wurde ziemlich viel gemeckert. Der Galerist und Sammler Hans Koch, dem der Maler Otto Dix bald darauf die Ehefrau ausspannen sollte, fand die erste Ausstellung „fromm, fröhlich, ..., ein wenig verlogen, selbstgefällig und voll dunkler Tradition“, er schrieb vom „Arrangement des Zufalls“ zwischen verschämtem Naturalismus und einer Avantgarde, die er „Schakale auf expressionistischem Gefild“ nannte. Das war gemein, aber es zeigt, dass es eine leidenschaftliche Diskussion gab. 100 Jahre später im Kunstpalast blicken wir mit Rührung und viel größerer Wertschätzung auf dieses Stück Kulturgeschichte.

Es waren schon am Anfang ein paar große Namen dabei. August Macke, einer der „Blauen Reiter“, zum Beispiel und der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. Nur war der eine im Krieg gefallen, und der andere hatte kurz vor der Ausstellung Selbstmord begangen. Aber dank Mutter Ey, der legendären Düsseldorf Galeristin und Talentförderin, sollte die Schau um das Junge Rheinland höchst lebendig weitergehen. Einer ihrer Lieblinge, der Surrealist Max Ernst mit den schönen blauen Augen, schwärmte noch im Rückblick vom gemeinsamen „Durst nach Leben, Poesie, nach Freiheit, dem Absoluten, nach Wissen“. Das war, bemerkte er, „zu schön, um wahr zu sein“, und genau das ist jetzt auch der gar nicht fade Titel der Ausstellung.

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Spätimpressionistischer Pinselstrich: das „Ehepaar Trillhaase“ (1924) und die Tänzerin „Lulu“ (1922) von Karl Schwesig.

Wollheims wilde Figuren

Auf einem monumentalen Gruppenbild mit der matronenhaften Johanna Ey und den „Zeitgenossen“ – ein Düsseldorfer Heiligtum aus dem Stadtmuseum – hat der Maler Arthur Kaufmann seine Clique sehr ordentlich um die Gönnerin herum angeordnet. Dabei ging es gar nicht artig, sondern unbändig zu, im Leben und in der Kunst. Der rothaarige Gert H. Wollheim, der gleich vorne in der Ecke kauert, hasste akademische Regeln. Er wurde der „feuerspuckende Vulkan“ genannt und malte so kompromisslos expressiv wie viel später die Neuen Wilden der 1980er-Jahre. Von ihm ist „Die Wahnsinnige“ mit dem schiefen Blick oder der „Streit“ zwischen den Kollegen Wollheim und Pankok als krude, unkenntliche Figuren.

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Alter Wilder aus den 1920er-Jahren: „Die Wahnsinnige“ und „Der Streit“ von Gert H. Wollheim.

Otto Dix schärfte in Düsseldorf seinen Blick für die Schwächen der Menschen – sein Porträt der fetten Mutter Ey mit den Glotzaugen hinter der runden Brille ist alles andere als schmeichelhaft. Karl Schwesig dagegen, ein markanter, kleinwüchsiger Bergmannsohn, der sein Kunststudium abbrach, um mehr Experimente zu wagen, hatte gelegentlich einen geradezu impressionistischen Pinselstrich. So duftig erscheinen die Gardinen vor dem Blumenfenster und das weiße, altmodische Kleid der Ehefrau am Flügel auf dem Porträt eines Ehepaars namens Trillhaase von 1924.

Max Ernst und die unerhörte Maria

Zwei Jahre später sorgte Max Ernst, der Träumer und Dadaist, für einen Skandal mit seinem munteren Bild von der Jungfrau Maria, die ungeachtet ihres Heiligenscheins, dem Jesuskind den nackten Popo versohlt, in Anwesenheit des Malers und seiner französischen Dichterfreunde André Breton und Paul Éluard, deren Köpfe man hinter einem Fensterchen sieht. Die katholische Kirche war nicht amüsiert, der Künstler fiel in Ungnade. Aber das war ihm egal.

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Einen Skandal gab es 1926 um Max Ernsts Bild „Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eluard und dem Maler“. Heute gehört es dem Kölner Museum Ludwig und wurde für die Ausstellung „Junges Rheinland“ nach Düsseldorf ausgeliehen.

Andere legten sich nicht mit der Kirche oder dem Establishment an. Heinrich Nauen nahm zum Verdruss seiner antibürgerlichen Kollegen 1921 eine Professur an der Akademie an. Er liebte die französischen Spätimpressionisten und Fauvisten, und schon seine 1913 entstandenen, anmutig arrangierten „Badenden“ vor Grün und Blau erinnern sicher nicht zufällig an den „Tanz“ des Henri Matisse. Nauens Schüler Carl Lauterbach hingegen, ein späteres Mitglied des „Jungen Rheinland“, malte Ende der 1920er-Jahre mit sozialkritischem Engagement eine nackte magere alte Frau neben einem Tisch mit „Brot und Salz“: Sinnbild für das abgezehrte Proletariat.

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Der Schönheit verpflichtet fühlte sich der spätere Akademie-Professor Heinrich Nauen, der 1913 das große Bild „Badende“ malte.

Auch eine der vergessenen Frauen der Vereinigung, Lotte B. Prechner, hatte einen Blick für die Krisen der Zeit. Sie malte einen schwarzen Gentleman vor Symbolen und Begriffen, die Intoleranz und Verfolgung andeuten. Wie Käthe Kollwitz widmete sie sich auch als Bildhauerin dem „Lebenskampf“. Noch kurz vor der Machtergreifung der Nazis, Anfang der 1930er-Jahre, entstanden Modelle für Denkmäler des Leidens.

Nur der Elan soll zählen

Es gibt keinen einheitlichen Stil in dieser Ausstellung, lediglich die zackige Boden- und Wandbemalung schafft einen einheitlichen ästhetischen Rahmen. Die gezeigte Kunst aber ist sehr verschieden, wie es sich für das „Junge Rheinland“ gehörte. Stilistische Vorgaben existierten nicht in der Vereinigung, der zeitweise über 400 Künstler und Künstlerinnen angehörten. „Nur der jugendliche Elan der Beteiligten sollte zählen“, bemerkt Kay Heymer, Kurator und Leiter der Abteilung Moderne Kunst. Und einen gewissen Elan braucht man auch, um sich durch die verzweigten Inhalte der Schau zu arbeiten.

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Leuchtendes Beispiel: Der „Abschied von Düsseldorf“ (1924), bevor Gert H. Wollheim nach Berlin zog.

Nachdem Spitzenmitglieder wie Dix und Wollheim schon Mitte der 1920er-Jahre ins prickelnde Berlin abwanderten, erlahmte der Schwung. Wollheims grandios-wüstes Party-Bild „Abschied von Düsseldorf“ (1924) ist so etwas wie ein Zeichen für das, was der Verein verlor. Dennoch blieb man beisammen, kämpfte, zankte, entwickelte sich, bis die Nazis 1933 die Macht übernahmen. Viele Werke des „Jungen Rheinland“ galten fortan als „entartet“, einige Reproduktionen zeigen beschlagnahmte Bilder, die bis heute verschollen sind.

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Diese Bilder von Otto Dix, Max Ernst, Heinrich Nauen und Gert H. Wollheim wurden 1937 als „entartete Kunst“ von den Nazis beschlagnahmt und blieben, bis auf eines, verschollen. Die Schau zeigt Reproduktionen.

Manche machten weiter

Nicht verschwiegen wird in der Schau und im ehrgeizigen Katalog auch, dass einige „Junge Rheinländer“ durchaus im faschistischen Deutschland reüssierten. Gründungsmitglied Wilhelm Kreis zum Beispiel, der arrivierte Architekt, der die Tonhalle und den Ehrenhof aus Anlass der 1926 gefeierten Volksausstellung „GeSoLei“ (Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen“) entworfen hatte, machte unter den Nazis weiter Karriere. Er wurde einer von Hitlers Generalbauräten und Präsident der nationalsozialistischen Reichskammer der Bildenden Künste. Das Junge Rheinland war eben wirklich zu schön, um wahr zu sein.

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Mit dem Handy spielen ist erlaubt: Man darf fotografieren und bekommt Informationen über WhatsApp – auch zu Arthur Kaufmanns Gruppenbild mit Mutter Ey und „Zeitgenossen“ (1925).

Wo, wann, wie?

„Das Junge Rheinland: Zu schön, um wahr zu sein“: bis 2. Juni im Düsseldorfer Kunstpalast, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Kombiticket 14 Euro, Kinder unter 13 Jahre frei. Der Katalog aus dem Wienand-Verlag hat 250 Abbildungen auf 280 Seiten und kostet im Museum 29,80 Euro. Neben dem Audio-Guide (drei Euro) gibt es einen neckisch geplauderten Kunst-Chat über WhatsApp (kostenlos, Zugangsnummer in der Ausstellung). Ebenfalls kostenlos ist ein Begleitheft zum Rätseln und Malen für Kinder. www.kunstpalast.de

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