Kultur Kunstkritik

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Düsseldorf, K21: Zeichen und Figuren von Raqs. Links: „Marks“ (2011), rechts hinten „Re-Run“ von 2013.

Düsseldorfs leuchtende Einfälle: Indische Konzeptkunst im K21

Sorry, solche Fragen müssen erlaubt sein: Ist es sinnvoll, das Düsseldorfer Landesmuseum für zeitgenössische Kunst zu bespielen, als sei es Teil einer Documenta oder Biennale? Ist die Anerkennung von internationalen Expertencliquen wichtiger als die Kenntnisse und Neigungen des Publikums? Nach dem libanesischen Konzeptkünstler Zaatari stellt Direktorin Susanne Gaensheimer im K21 nun das indische Künstler- und Kuratorenkollektiv „Raqs Media Collective“ vor. Weder dieser hierzulande unbekannte Name noch das Plakat mit einem eher abweisend wirkenden Handabdruck dienen der Reklame. Nur entschieden interessierte Besucher des Ständehauses werden im Souterrain den Einfällen von Raqs folgen.

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„Revoltage“: Die Wörter Revolt und Voltage blitzen abwechselnd auf.

Die Chefin immerhin liebt die Kunst von Raqs schon lange. Gaensheimer hat Jeebesh Bagchi, Shuddhabrata Segupta und Monica Narula vor 20 Jahren in Neu-Dehli kennengelernt, wo das seit Studienzeiten verbundene Trio so etwas wie „ein intellektuelles Zentrum“ darstellt. Kennzeichnend für das Werk von Raqs sei, so die Direktorin und Kuratorin, „ein mäanderndes Gleiten zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und freier Assoziation“. Ach so.

Erschöpfung und Erleuchtung

Und was heißt Raqs überhaupt? Es ist zum einen ein Begriff aus der islamischen Mystik und bezeichnet den ekstatischen Zustand von tanzenden Sufi-Derwischen. Und es ist zum anderen eine Abkürzung für „rarely asked questions“, selten gestellte Fragen. Verstanden: Ohne Erklärung geht bei dieser Ausstellung voller Doppeldeutigkeiten gar nichts. Zum Glück gibt es einen sinnvollen Kurzführer, den man leider im dämmrigen Licht der Ausstellung schlecht lesen kann.

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Acrylfiguren wie vom Notausgang sprechen von der Liebe: „Things That Happen When Falling in Love“.

Aber man darf zunächst einfach mal anschauen, was da aus dem Ungewissen leuchtet. 27 Uhren zum Beispiel, die 24 verschiedene Weltzeiten und drei rückwärts laufende Fantasiezeiten zeigen. Statt zwischen Zahlen bewegen sich die Zeiger zwischen Zustandsbeschreibungen wie „Fear“, Furcht, „Fatique“, Erschöpfung, und „Epiphany“, Erleuchtung. Eine durchaus poetische Idee, genau wie der Herzschlag und das Blubbern von Wasser aus einer Ecke.

Wohin laufen sie denn?

Tatsächlich funktioniert die durchdachte Kunst von Raqs zunächst einmal über einen sinnlichen Eindruck von Objekten, Fotos und Videos. Da sind die Flugzeuge auf einem Schrottplatz in der kalifornischen Mojave-Wüste, die wie „Lost Birds“, verlorene Vögel, auf einer blühenden Wiese stehen, für Raqs ein Symbol gescheiterter Ambitionen. Da ist die wild verkabelte Installation aus den abwechselnd blitzenden Wörtern „Revolt“ und „Voltage“, die auf politisches Aufbegehren hinweisen – genau wie das rot glühende Zeichen „Marks“, das an Hammer und Sichel und an ein Fragezeichen erinnert. Und da ist der ganz langsam bewegliche Video-Loop „Re-Run“ mit einer Gruppe aneinandergedrängter Chinesen.

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Irritierende Denkmal-Fragmente vor der Tür des Düsseldorfer K21: „Coronation Park“ (2015).

Man kann nicht gleich wissen, dass mit „Re-Run“ ein Foto nachgestellt wird, das der legendäre Henri Cartier-Bresson beim Bankensturm kurz vor der kommunistischen Machtergreifung 1948 in Shanghai gemacht hat. Aber, wie gesagt: Raqs zieht zunächst die Blicke an – ob mit „Equinox“, einem Trickfilm mit allerlei Getier in surrealistischer Collagen-Technik oder mit 18 lebensgroßen Acrylfiguren in der Form von Notausgang-Zeichen, die auf einen kleinen Leuchtturm zuzulaufen scheinen. Sie sind bedruckt mit Wörtern für innere und äußere Vorgänge wie „Feeling“ (fühlend), „Running“ (rennend), „Forgetting“ (vergessend), lauter „Things That Happen When Falling in Love“, Dinge, die passieren, wenn man sich verliebt.

Rätsel um das Krumme und das Gerade

Wer das sieht, muss lächeln. Manche Werke von Raqs haben einen gewissen Charme. Sogar die „Corrections to the Draft of History“. Für den „ersten Entwurf der Geschichte“ sind nach britischer Auffassung die Journalisten zuständig. Raqs hat Zeitungsseiten mit Tafelfarbe geschwärzt und darauf mit Kreide rätselhafte Zitate aus dem „First Book of Reading“ gedruckt, einem traditionellen Englischbuch für bengalische Schüler, was hier natürlich niemand kennt. „Letters composed of straight lines“, Buchstaben aus geraden Linien, und aus „curved lines“, krummen Linien, werden da zum Beispiel als Phänomen präsentiert, und das wirkt wie seltsame Lyrik.

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Maschinen auf einem Flugzeug-Friedhof werden zu „Lost Birds“, verlorenen Vögeln.

Übrigens: Draußen vor der Museumstür sollen Denkmal-Fragmente aus Glasfaser („Coronation Park“) sowie Spruchbänder an den Park-Bäumen („If the World is a Fair Place“, wenn die Welt gerecht wäre) die Aufmerksamkeit von Spaziergängern schärfen. Die Coronation-Skulpturen beziehen sich auf die britische Kolonialgeschichte und auf Texte von George Orwell, die Spruchbänder auf einen Polizei-Skandal in St. Louis, USA, und auf die Mehrdeutigkeit von fair, was „gerecht“ heißen kann, „hell“ oder auch einfach „Messe“. Wer sich artig auf die Suche nach dem Sinn begibt, der wird bei Raqs durchaus seine Inspiration finden. Wie auf Documenten und Biennalen. Aber Begeisterung fürs K21 wird damit sicher nicht neu entfacht.

Wann und wo?

Raqs Media Collective: bis 12. August im K21, Ständehausstr. 1. Eintritt: 12 Euro (inklusive Sammlung). Geöffnet Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Jeden 1. Mittwoch im Monat bis 22 Uhr, mit freiem Eintritt ab 18 Uhr. Katalog: 28 Euro. Alle 20 Minuten fährt ein Shuttle-Bus vom K21 zum K20 an den Grabbeplatz, wo bis zum 19. August die musikalische Video-Installation „k.364“ des schottischen Künstlers Douglas Gordon bei freiem Eintritt gesehen werden kann. www.kunstsammlung.de

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