Kultur Kunstkritik

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Ganz genau hinsehen: Dann erschließt sich der Zauber der Ausstellung

Eine stille Freude: Beinaschis spätbarocke Zeichnungen im Kunstmuseum

Ach, Sie sind ein Freund der Künste und kennen Giovanni Battista Beinaschi (um 1634-1688) nicht? Das ist keine Schande. Sogar Felix Krämer, der Direktor des Museums Kunstpalast, hatte vor seinem Antritt in Düsseldorf noch nie von dem Spätbarockmeister gehört. Da sieht man, sagt er, „wie ungerecht die Kunstgeschichte ist“. Obgleich Beinaschi zu Lebzeiten erfolgreich war wie zuvor Caravaggio oder nach ihm Tiepolo, wurde sein Name außerhalb Italiens weitgehend vergessen. Wie gut, dass in der von Lambert Krahe im späten 18. Jahrhundert angelegten Sammlung der Düsseldorfer Akademie 250 Zeichnungen Beinaschis erhalten blieben – mehr als in den Archiven des Louvre oder sonstwo auf der Welt. 70 dieser kostbaren Blätter sind jetzt im Museum am Ehrenhof zu sehen.

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Mitten im Raum lächelt Beinaschis „Allegorie der Reinheit“ von 1678. Beidseitig genutzte Blätter können auch von hinten betrachtet werden.

Wer war die schöne Jungfrau?

„Das Auge reist mit“, ist der verheißungsvolle Titel. Aber, wie immer bei den Ausstellungen der Graphischen Abteilung, kann die dezente Erscheinung des Schönen leicht übersehen werden. Und da wird auch nicht mit plakativen Vergrößerungen oder digitalen Tricks um Aufmerksamkeit geworben. Man muss schon ein gezieltes Interesse haben, um die Originalblätter in Ruhe zu betrachten – und das Grandiose im Stillen zu entdecken. Die Zeichnungen dieses Beinaschi, für ihn selbst nur Mittel zum Zweck der Vorbereitung seiner malerischen Aufträge, sind so kühn und ungebunden, als seien sie in der Moderne entstanden.

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Innige Skizze des jungen Künstlers Beinaschi: „Madonna mit Kind“ (1655-60).

Gleich vorne beugt sich eine Mutter über ihr Kind – Entwurf für ein Madonnenbild. Und die Zeichnung wirkt so frisch, als habe Beinaschi das innige Antlitz, die Löckchen über den Ohren, gerade erst mit dem schwarzen Kohlestift auf ein altes Stück Papier skizziert. Gewiss diente ihm dem etwa 20-jährigen, der 1651, wie Kircheneinträge beweisen, aus dem Piemont nach Rom gezogen war, eine bestimmte junge Frau als Modell. Vielleicht, meint Kuratorin Sonja Brink, handelt es sich sogar um seine Braut.

Karriere zwischen Rom und Neapel

Leider weiß man nichts Anekdotisches über Beinaschi zu erzählen, es wurden bisher nur dürre Fakten aus Kirchenmelderegistern gesammelt. Fest steht: Nachdem Beinaschi mit seinen Fresken und Altarbildern zur prächtigen Ausstattung römischer Kirchen beigetragen hatte, führte ihn seine Karriere 1663 nach Neapel. Fortan pendelte er zwischen den Metropolen, gefragt auch bei betuchten Sammlern, bis die Avantgarde mehr Licht in die Malerei brachte. Was man über Beinaschi weiß, wird in einem Bestandskatalog zusammengefasst, der leider erst im Oktober erscheint. Die Ausstellung musste „aus baulichen Gründen“ vorgezogen werden.

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Liebe zum Detail: Kuratorin Sonja Brink ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Graphischen Sammlung

Immerhin kann man schon mal in einem virtuellen Katalog blättern und unter anderem sehen, wie der Künstler eine entzückende, geradezu kokett lächelnde junge Frau, erst gezeichnet (das Blatt hängt hier im Original) und dann,1678, als „Personifikation der Reinheit“ in ein Fresko für die römische Kirche Santi Ambrogio e Carlo als Corso platziert hat. Im 17. Jahrhundert sollten die Menschen nicht nur mit Gottesfurcht in die Höhe schauen, sondern auch mit himmlischem Vergnügen.

Verbindung zur Gegenwart

Die routinierte Erfassung der menschlichen Gestalt war die höchste Pflicht für einen Künstler des Barockzeitalters. Denn, so Sonja Brink, über die Figur wurde „alles ausgedrückt“. Zum Beispiel die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit, Weisheit, die Beinaschi in die Kuppel einer neapolitanischen Kirche malen sollte. Mit Tuschskizzen, die aus einiger Entfernung fast wirken wie gestische Malerei des Informel, probierte er die Stellung der Figuren aus, die Bewegung. Etliche, in einer Vitrine ausgelegte Arbeitsblätter aus seiner Werkstatt wirken so frei in der Linie, dass man sie gar nicht einem alten Meister zuordnen würde. „Ich hätte sie als Student auf spätes 19., Anfang 20. Jahrhundert datiert“, schmunzelt Direktor Krämer.

Zu Beinaschis Zeiten galten solche Zeichnungen nicht als eigenständige Kunstwerke. Sie sind weder datiert noch signiert, dafür vielfach malträtiert – fleckig oder geknickt, weil man das frisch geschöpfte Papier zum Trocknen auf die Leine hängte oder die Skizzen zusammenfaltete. Um Material zu sparen, wurde oft auch die Rückseite benutzt. Die Forscher haben es nicht leicht mit der Zuschreibung.

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Um 1670 entwarf Beinaschi eine Reihe von Heiligenfiguren. Der kraftvolle Mann rechts stellt den Evangelisten Matthäus dar.

Zeichen des prallen Künstlerlebens

Wir hingegen müssen nur hinschauen. Schon die ungleichmäßigen Ränder der Blätter und die Gebrauchsspuren sind faszinierend: Zeichen des prallen Künstlerlebens, genau wie die Zeichnung einer Hand, die da ganz unmotiviert in einer Ecke unter einer heiligen Figur erscheint. Erst in Öl schuf der Künstler die durchdachte, endgültige Komposition. Ein paar große, erstaunlich penible Skizzen wurden vermutlich im Nachhinein vor dem Bild von Malergesellen geschaffen, um das Werk in seinen Details festzuhalten. Schließlich gab es noch keine Fotografie. Im virtuellen Blätterkatalog schon. Und da stellt man im einen oder anderen Fall fest, dass der losgelöste Entwurf von Körperkonturen, Haltungen und Faltenwürfen in den Augen der Gegenwart reizvoller ist als die fertige repräsentative Malerei.

Was und wo?

Das Auge reist mit: G. B. Beinaschi zwischen Rom und Neapel“: Bis 7. Oktober im Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, Sammlungsflügel. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Eintritt: 5 Euro. www.skmkpe.de/besucherinfo

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