Kultur Kunstkritik

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Schwarz-Gelb auf Knallblau: das Großformat „SHFT“ von 2020 hängt neben zwei kleineren Arbeiten.

Es leuchtet im Kunstpalast Düsseldorf: Landsberg-Preis für Sabrina Fritsch

Nein, die Künstlerin möchte nicht fotografiert werden – Sabrina Fritsch ist eigen. Aber es tragen ja sowieso alle ihre verschnauften Masken im Gesicht, Menschen machen derzeit nichts her. Dafür leuchtet umso mehr der Saal 4 im zweiten Stock des Kunstpalasts, wo für zwei Wochen elf Bilder der Trägerin des neu konzipierten Landsberg-Preises auf ungewöhnlich farbig gestalteten Wänden zu sehen sind. „Charlie Mike Yankee Kilo“ ist der augenzwinkernde Titel für das Gesamterlebnis, so buchstabiert man CMYK, die Abkürzung für die vier Grundfarben des Offsetdrucks: Cyan, Magenta, Yellow und Key – Blau, Rot, Gelb und Schwarz.

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„Schräge Zeiten“: Mit Maske präsentiert Kunstpalastdirektor Felix  Krämer (zweiter von rechts) den Raum der Landsberg-Preisträgerin Sabrina Fritsch.

Schon lange wollte die 1979 in Neunkirchen/Saar geborene und heute in Köln lebende Sabrina Fritsch raumgreifend den vier Farben huldigen. Jetzt war die Chance da, und sie liebt das Ergebnis: „Ich bin einfach glücklich.“ Vorn und hinten tragen die Wände dicke Streifen in CMYK, die Seitenwände wurden tiefschwarz und azurblau gestrichen. Fast stiehlt das Gesamterlebnis den einzelnen Bildern die Schau. Dabei lohnt es sich, genau hinzusehen. Einige Werke sind eine Wucht der Farbfeldmalerei, andere zeigen subtilere Erscheinungen.

Schwarz ist die Göttin der Nacht

Drei Farben Schwarz hat das Großformat „Nyx“, benannt nach der griechischen Göttin der Nacht: feinere und gröbere Flächen sowie kleine Reliefakzente. Daneben strahlt die abstrakte Schöne „Yma“ mit stufigen Streifen in Blau- und Rottönen und kurzen, knallgelben Querbalken. Ebenfalls aus der Geometrie gezaubert ist eine raffiniert flimmernde Komposition aus schwarzen und gelben Quadraten und Rechtecken, Titel: „SHFT“. Aber Sabrina Fritsch kann auch anders, schuf kleinere gemaserte Bilder mit schwebenden Blasenformen und sogar eine monochrom beige Fläche, auf der sich zart und überraschend der Umriss eines Frauenakts abhebt.

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Die Wucht vor Blau, Rot, Gelb und Schwarz: Auf der gestalteten Wand hängen die Großformate „Nyx“ und „Yma“ von Sabrina Fritsch.

Nicht nur der Preisstifter Georg Landsberg ist begeistert von „der Kraft und der Leidenschaft“ im Werk der 40-Jährigen, die in Mainz und Düsseldorf studierte und 2008 als Meisterschülerin von Peter Doig ihren hiesigen Akademie-Abschluss machte. Bei einem Atelierbesuch mit der Jury war der Düsseldorfer Medizinunternehmer „hingerissen“ und hatte die richtige Kandidatin für sein neues Konzept gefunden. Nachdem er zuvor einen „Ehrenhof-Preis“ an junge Absolventen der Akademie vergeben hatte, kümmert er sich jetzt um Künstler und Künstlerinnen, die sich schon einige Jahre auf dem Markt behaupten mussten.

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Vor der schwarzen Wand (von links): Kay Heymer, Abteilungsleiter für Moderne Kunst, Galeristin Daniela Steinfeld und Preis-Stifter Georg Landsberg.

Was den Stifter bewegt

Mit insgesamt 15.000 Euro ist der Preis dotiert, verbunden mit einer kleinen Ausstellung und einer Publikation: Goldes wert für eine Künstlerkarriere. Dass der Preis jetzt nach seinem Spender Georg Landsberg benannt wurde, war dem kultivierten Herrn eigentlich nicht recht, er wollte wie bisher diskret im Hintergrund bleiben. Dann aber befand er, dass man sich in Zeiten wachsender Rohheit und schrumpfender Kulturetats unbedingt zur Kunst bekennen muss, sie ausdrücklich fördern muss. Er betrachtet die Nennung seines Namens jetzt als „politisches Statement“. Vorbildlich!

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Vorne lockt Emil Noldes „Blumengarten“ von 1908, um die Ecke leuchtet der Raum der heutigen Malerin Sabrina Fritsch.

Extra im Sammlungsflügel

„Sabrina Fritsch: Charlie Mike Yankee Kilo“: bis 14. Juni im Kunstpalast, Ehrenhof 4-5. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Do. bis 21 Uhr. Wer den Raum der Landsberg-Preisträgerin sehen will, muss eine Mund-Nase-Maske tragen und durch den Ausstellungsflügel in den zweiten Stock des Kunstpalastes gehen oder mit dem Aufzug fahren. Am Übergang zum Sammlungsteil des Hauses, gleich hinter Emil Noldes „Blumengarten“ von 1908, öffnet sich der mit leuchtenden Farben gestaltete Saal. Bei der Gelegenheit kann man übrigens ein paar expressionistische Highlights der städtischen Kunstsammlung wiederentdecken – der Eintritt in die Sammlung kostet nur fünf Euro. Kombiticket mit den laufenden Wechselausstellungen: 14 Euro. www.kunstpalast.de

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