Kultur Kunstkritik

D_Bikoe_Birkenstock_28022020

Anspruchsvoll: Eva Birkenstock, die Direktorin des Düsseldorfer Kunstvereins.

Genderspiel: Theater aus Korea im Düsseldorfer Kunstverein

Eva Birkenstock macht es dem Publikum nicht leicht. Die Chefin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen erwartet mehr als ein bisschen Kunstinteresse am Sonntagnachmittag. Ihre Ausstellungen, durchweg feministisch geprägt, erfordern intellektuelle Zuwendung. Man kann auch sagen, sie sind ganz schön anstrengend. Das kann nerven, oft lohnt es sich. Wer sich einlässt auf das „Deferral Theatre“ der koreanischen Konzeptkünstlerin siren eun young jung (von Experten kleingeschrieben), der/die erfährt Interessantes aus Koreas Kulturgeschichte.

D_Bikoe_Frauentheater_28022020

Blick zurück nach vorn: Die koreanische Künstlerin Siren Eun Young Jung beschäftigt sich mit traditionellem Frauentheater.

Gewiss, nur ganz fleißige Besucher(innen) werden sich die Namen und Begriffe dieses Projekts merken. Aber worum es geht, bleibt in der Erinnerung. Die 1974 geborene, in Seoul lebende Siren Eun Young Jung (wir erlauben uns die Großschreibung), die in England ihren Master in Feministischer Theorie und Praxis der Bildenden Kunst gemacht hat, erforscht seit 2008 die Strukturen des sogenannten Yeoseong Gukgeuk-Theaters. Diese Spielform ähnelt der traditionellen koreanischen Oper Changgeuk mit ihren festgelegten Kunstfiguren, Dramen und Gesängen, wird aber durchweg von Frauen präsentiert.

Die Damen als Herren

Das war gegen die Tradition und ziemlich revolutionär in den 1950er- und 60er-Jahren und erfreute sich großer Beliebtheit, vergleichbar vielleicht mit den Drag-Queen-Shows in unserer westlichen Gegenwart. Ein historisches Hochzeitsbild aus den 50ern, auf dem eine bürgerliche koreanische Braut sich spaßeshalber mit den als Männer verkleideten Schauspielerinnen ablichten ließ, zeugt von der Popularität des Genres. Doch schon Ende der 1960er geriet Yeosong Gukgeuk in Vergessenheit, das Frauentheater passte nicht in die reaktionäre Modernisierungsideologie des Militärregimes von Park Chung-hee, der bis 1979 an der Macht blieb.

D_Bikoe_Maennertheater_28022020

Fremde Welt: eine Darstellerin des koreanischen Yeoseong Gukgeuk-Theaters in einer Männerrolle.

Trotzdem hat das Yeoseong Gukgeuk-Theater seine Spuren hinterlassen, denen Siren Eun Young Jung auch im Rahmen ihrer Doktorarbeit über „Genderpolitik und die Ästhetik des Dissens“ beharrlich folgte. Sie hat Männerdarstellerinnen aus mehreren Generationen besucht und dokumentiert die Interviews und Performances in ihrer Video-Arbeit. Da sieht man zum Beispiel eine alte Dame, die bei einem Vortrag lebhaft demonstriert, wie männliche Helden agieren müssen, breitbeinig, mit großen Gesten und lauter Stimme, „like roaring towards the sky“, als brüllten sie zum Himmel. Ein anderer Film zeigt, wie sorgfältig sich die Frauen mit Puder und schwarzer Schminke in einen grimmigen Mann verwandeln. Malerisch ist die Kostümierung. Kraftvoll und anmutig das Ergebnis.

Eine leere Bühne in der Mitte

Die geistigen Töchter des Yeoseong Gukgeuk haben schlichtere Mittel. Anzug, Krawatte und Kunst-Schnäuzer genügen für einen kabarettistischen Auftritt. Zur Queer-Szene gehört auch Kirara, eine Musikerin, deren Elektro-Beats hinter einem Vorhang ein raumfüllendes Video beschallen. Die schummerig beleuchtete Installation der Schau mit rot gestrichenen Wänden, hübsch collagierten Plakaten sowie einem objekthaften Bühnenpodest auf Silberboden ist ästhetisch recht ansprechend. Leider nicht sehr aufschlussreich. Wer will, kann sich über Kopfhörer koreanische Originalstimmen der Theaterfrauen (mit englischen Untertiteln) anhören. Dabei erhascht man jedoch nur flüchtige Eindrücke des Phänomens Yeoseong Gukgeuk und würde sich vom deutschen Erklärtext mehr kulturhistorische Information über das Frauentheater wünschen und weniger akademische Floskeln wie „subversive Subjektivitäten“ und „affektbezogene Fragestellungen“. Aber Eva Birkenstock macht es uns nun mal nicht leicht.

D_Bikoe_Mittelpunkt_28022020

Eine leere Bühne ist der Mittelpunkt der Rauminstallation von Siren Eun Young Jung.

Was, wann und wo

Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in der Düsseldorfer Kunsthalle am Grabbeplatz 4 präsentiert bis zum 5. April das „Deferral Theatre“ von Siren Eun Young Jung. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. www.kunstverein-duesseldorf.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Bikoe_Karo_02062020

Nein, die Künstlerin möchte nicht fotografiert werden – Sabrina Fritsch ist eigen. Aber es tragen ja sowieso alle ihre verschnauften Masken im Gesicht, Menschen machen derzeit nichts her. Dafür leuchtet umso mehr der Saal 4 im zweiten Stock des Kunstpalasts, wo für zwei Wochen elf Bilder der Trägerin des neu konzipierten Landsberg-Preises auf ungewöhnlich farbig gestalteten Wänden zu sehen sind. „Charlie Mike Yankee Kilo“ ist der augenzwinkernde Titel für das Gesamterlebnis, so buchstabiert man CMYK, die Abkürzung für die vier Grundfarben des Offsetdrucks: Cyan, Magenta, Yellow und Key – Blau, Rot, Gelb und Schwarz.

D_Bikoe_Bogen_01062020

Hätte Charlotte Posenenske geahnt, wie sie im fernen Jahr 2020 geehrt werden würde, hätte sie 1968 ihr Werk vielleicht nicht resigniert aufgegeben, um dann doch lieber Soziologie zu studieren. Nach entschlossenen Aktionen in der wilden Zeit der Nachkriegs-Avantgarde kam ihr das künstlerische Handeln mit einem Mal völlig wirkungslos vor. Tatsächlich wurde ihr Name weitgehend vergessen – bis Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW und immer auf der Suche nach weiblichen Positionen der Moderne, beschloss, die minimalistischen Konzepte der 1985 verstorbenen Charlotte Posenenske im großen Saal des K20 wie eine Offenbarung zu präsentieren.

D_hetjens_youme_30052020

Reine Nervensache, in diesen Tagen die Kunst zu suchen. Statt einer Vernissage gab es im Hetjens-Museum eine abendliche „Sonderöffnung“, bei der ordentlich maskierte Besucher einzeln und paarweise vorgelassen wurden und sich nach Plan stets vorwärts, nie zurück bewegen durften. Die atemberaubenden Zwänge der Corona-Krise haben uns alle im Griff. Doch man darf sich nicht abschrecken lassen. Denn die Keramiken des Düsseldorfer Bildhauers Thomas Schütte sind einfach hinreißend und sorgen für Heiterkeit und Seelenruhe

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D