Kultur Kunstkritik

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Auf in die Zukunft: Mit kühnen Looks und neuen Materialien traf Pierre Cardin in den 1960er-Jahren den Zeitgeist.

Glamour im Düsseldorfer Kunstpalast: die Modenschau des Pierre Cardin

Die Puristen unter den Kulturbürgern sind sicher not amused. Doch Felix Krämer denkt anders. Ein Ausstellungshaus voller Kontraste – das ist für ihn „der perfekte Kunstpalast“. Nachdem der Generaldirektor im letzten Jahr hochglanzpolierte Autos am Düsseldorfer Ehrenhof würdigte, als wären es Skulpturen, präsentiert der Direktor nun, gleich neben der furchtbar ernsten und politisch gewichtigen Kunst der DDR, den Pariser Modeschöpfer Pierre Cardin: „Fashion Futurist“. Muss das sein? Nein. Aber es macht ungeheuren Spaß, lockt ganz neue Leute und vertreibt den letzten Rest von Langeweile aus dem Museum. Mit Spiegeln, Filmen und funkelnder Beleuchtung wurde der Kunstpalast in eine glamouröse Bühne verwandelt. Man kommt sich gleich ganz plump und underdressed vor.

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Im Gespräch mit Textilunternehmerin Stella Ahlers: Cardins Neffe und Firmenchef Rodrigo Basilicati Cardin.

Zur Preview mit Lounge-Atmosphäre kamen duftende Herrschaften aus Paris, darunter die schöne grauhaarige Marys Gaspard, Senior-Model und Haute-Couture-Direktorin des 97-jährigens Meisters, der immer noch aktiv ist in Sachen Mode. Die Reise nach Düsseldorf war ihm zu anstrengend, er wurde beeindruckend vertreten von seinem hünenhaften Neffen Rodrigo Basilicati Cardin, der die Firma jetzt leitet und bei der Pressekonferenz eine witzig überschnittene Weste zur lila Krawatte trug. Ein bisschen Raumschiff Enterprise – das ist typisch für Cardin, der von sich sagt: „Meine liebsten Kleider sind diejenigen ... für die Welt von Morgen.“

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Für den kämpferischen Auftritt: Das Kleid „Armure“ (Rüstung) links besteht aus Plexiglasscheiben.

Der Traum vom Weltraum

Dabei war der Kultschneider stets weit entfernt von dem zivilisatorischen Pessimismus, der unsere Gegenwart prägt. „Mich begeistern der Kosmos, die Wissenschaft, die Satelliten und das Universum“, so wird Cardin zitiert. Die anmutig-spröden Schaufensterpuppen, die 80 seiner Kreationen vorführen, ähneln Protagonisten einer coolen Weltraumserie aus den Zeiten, als man noch an die Zukunft glaubte. Aus sechs Jahrzehnten stammen die ausgestellten Modelle, wirken aber moderner als die meisten Fummel auf dem aktuellen Markt der Saison.

1945 war der gebürtige Italiener nach Paris gekommen und trotzte der Erinnerung an den verheerenden Krieg mit einer Huldigung der Schönheit. Neben Künstlern wie Jean Cocteau lernte er den Modeschöpfer Christian Dior kennen, der hingerissen von dem hübschen jungen Mann war und ihn zum Assistenten machte. Cardin half Dior bei der Entwicklung des ikonischen „New Look“, gründete aber schon 1950 seine eigene Firma und folgte seiner Vision eines Looks, der kühn, jung und sexy sein sollte. Die Haute Couture war, wie er sagte, sein „Labor“, aber er wollte nicht nur für reiche Madames arbeiten und vergab schon in den 1960er-Jahren Lizenzen für eine breitere Vermarktung seiner Ideen.

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Eleganz mit dem Cardin-Kick: Das silberne Minikleid vorn entstand schon 1963.

Frei fühlen im Bodysuit

Der Zeitgeist liebte Cardin und hatte, ganz wie er, keine Angst vor spacigen Schnitten und künstlichen Materialien, die wir heute mit Skepsis sehen. Wir mit unserer Cashmere-Pullis und unser Polyester-Phobie stehen verblüfft vor Cardins zweiteiligem Minikleid aus schwarz-glänzendem Vinyl, bauchfrei, oder dem Modell „Armure“, einer Cocktail-Rüstung aus grün schillernden Plexiglasscheiben aus den Jahren 1968/69. Das Kämpferische, witzig interpretiert, passte zur Jugendbewegung. Schon 1966 hatte Cardin in einer geometrisch geprägten Kollektion sein berühmtes „Zielscheibenkleid“ entworfen, rot und gelb leuchten die Kreise – man war ja so herrlich unbefangen.

Damit sich Frauen lässig bewegen konnten in luftigen Kreationen wie dem „Spirale-Rock“ von 1969, erfand Cardin farbige „Bodysuits“, eine Art Ganzkörper-Strumpfhose aus elastischem, blickdichtem Strickmaterial. Darüber lassen sich tulpenhafte Leibchen oder seitlich offene Teile auch bei kühleren Temperaturen ohne Weiteres tragen. Für die Olympischen Spiele 1972 in München (die tragisch endeten) entwarf Pierre Cardin optimistisch leuchtende Overalls in Gelb und Orange. Von japanischen Kimonos ließ er sich zu einem asymmetrischen Kleid mit langen Ärmellappen inspirieren. Das ist auf eine schräge Weise hochelegant, genau wie die Origami-Mäntel, die Cardin in den 80ern im Stil der Papierfaltkunst schnitt.

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Glitzermeile: Cardin-Abendkleider für den ganz großen Auftritt.

Großer Auftritt für die Braut

Mit Schnittmustern hielt er sich allerdings nicht lange auf. Cardin soll zahlreiche Modelle entworfen haben, indem er den Stoff seinen Models direkt auf den Leib schnitt und steckte. Dass er darüber hinaus wunderbar leicht zeichnen konnte, zeigen ein paar zauberhafte Original-Skizzen auf dem Weg in die spektakuläre Abteilung der Nacht. Dort glitzern die Abendkleider des Meisters. Ein Strampelanzug aus Lamé mit plissierten Cape machte die Frau der späten 80er zum goldenen Schmetterling. Golden ist auch eine Hochzeitsrobe aus steifer Spitze von 1991, in der zu laufen man sich kaum vorstellen kann. Haute-Couture-Brautkleider dienen eher der Krönung einer Modenschau. Das gilt sicher auch für die weiße Kunststoff-Kreation von 2011 mit rechteckigem Reifrock.

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Hochzeit nach Art von Cardin: bronzefarbene Harnischjacke für den Herrn (1994), rechteckiger Reifrock für die Braut (2011).

Daneben steht der Bräutigam als moderner Ritter mit bronzefarbenem Vinyl-Harnisch von 1994. Denn die Männer werden auch von Cardin angezogen. Und zwar überaus originell. Schon 1960 brachte er seine erste Herrenkollektion heraus. 1963 trugen die Beatles auf einem Plattencover kragenlose Cardin-Anzüge im Nehru-Look. Das sah noch ziemlich brav aus – nicht zu verglichen mit dem weinroten, knöchellangen, asymmetrisch geschlossenen Lackmantel, den Cardin 1970 für mutige Jungs entwarf.

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Auch Männer müssen modisch mal was wagen: 1970 entwarf Cardin den roten Lackmantel.

Bloß nicht spießig werden

Natürlich tragen Männlein und Weiblein keine spießigen Accessoires zu einer Cardin-Kreation. Monsieur entwarf mit Begeisterung auch passende Hüte, Schuhe und Schmuckstücke für seine Outfits. Da sind Stahlhalsbänder, markante Emaille-Anhänger, orangerote Lackstiefel und Kappen mit tiefen Krempen und Gucklöchern. Und wer am Ende unbedingt auch ein bisschen Schick nach Art von Pierre Cardin mit nach Hause nehmen will, der wird im Museumsshop fündig, wo die deutsche Firma Ahlers AG aus Herford, größter europäischer Lizenznehmer von Cardin-Herrenmode, für 79,90 Euro ein ziemlich futuristisches Cardin-Sweatshirt anbietet. Diving Blue oder Apple Green, mit einem schrägen schwarzen Balkenkreis. Wie war das? Ein bisschen Raumschiff Enterprise ...

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Der Meister Pierre Cardin ist auf etlichen Fotografien und Filmen bei der Arbeit zu bewundern.

Modischer Markt

„Pierre Cardin. Fashion Futurist“: bis 5. Januar 2020 im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Eintritt: 10 Euro. Kombiticket (auch für die Kunst der DDR und die Malerei von Norbert Tadeusz): 14 Euro. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Der schicke Katalog aus dem Kerber Verlag kostet im Museum 39,90 Euro. Am ersten Wochenende, 21./22. September, jeweils 11 bis 18 Uhr, gibt es im Foyer und im Schumann-Saal einen „Super Markt“ mit Mode und Kunst von rund 50 deutschen Designern. Eröffnet wird der Markt am Freitag, 20. September, 19 bis 24 Uhr. Informationen über das weitere Rahmenprogramm unter www.kunstpalast.de

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