Kultur Kunstkritik

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Das Leben einer „Agata“ wird in einer Fotoserie von Bieke Depoorter verfolgt

„Gute Aussichten“ im Düsseldorfer NRW-Forum: leider vernebelt

Was ist die große Kraft der Fotografie? Dass sie keine Worte braucht. Dass sie uns ohne Geschwätz und Gezappel ein Bild der Welt, der Natur, des menschlichen Lebens schenkt. Ob schön, zart, hart oder schockierend – ein Foto hat seinen eigenen stillen Ausdruck. So war es zumindest, bevor die Konzeptkunst das Medium erobert hat. Beispiele für die neue Art, Fotografie als Mittel anstrengender Planspiele einzusetzen, sieht man jetzt im NRW-Forum. „Gute Aussichten“ werden da versprochen, leider vernebelt von Absichten und Erklärungen.

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In einer andauernden Aktion folgt Bieke Depoorter den Spuren von „Michael“.

Bieke Depoorter, 1986 in Belgien geborene Fotografin der renommierten Agentur Magnum, will partout die Distanz des Reporters überwinden, keine Außenseiterin mehr sein. Deshalb präsentiert sie nicht einfach die atmosphärisch dichten Aufnahmen, die sie ab 2011 für ein Fotobuch in den Behausungen einfacher Ägypter gemacht hatte, sondern Kopien mit unleserlicher Beschriftung. Bei einer zweiten Reise 2017 forderte sie nämlich andere Ägypter auf, Kommentare auf die fertigen Bilder zu schreiben. Wir sehen nun die Ergebnisse dieser Bemühungen und dazu Blätter mit den englischen Übersetzungen wie: „I think you should start the book all over again“, du solltest das Buch nochmal neu beginnen.

Agata und ihr Nasenring

So etwas nimmt sich Bieke Depoorter zu Herzen. Sie will sich einbringen, Verbindung aufnehmen, nicht mehr die Unberührbare hinter der Kamera sein. Deshalb zitiert sie auch den ziemlich intimen Briefwechsel mit Agata, einer jungen Frau aus dem Rotlicht-Milieu, die sie in einem Pariser Strip-Club kennengelernt und immer wieder fotografiert hat – auf gemeinsamen Reisen. Man kann sich die schrille Person genau ansehen mit ihren Kratzern, ihrer Schminke, ihrem Kreuz-Tattoo und ihren stoppelig rasierten Schamhaaren. In Athen trägt sie einen Nasenring. Zum Konzept gehören Agatas Kommentare, von Hand geschrieben. Da fragt sie sich, ob die Bilder, auf denen sie „too tired to pose“, zu müde zum Posieren war, die wahre Agata zeigen.

Ob wir’s nun wissen wollen oder nicht, allerlei wird offenbart. Auch der Widerwillen der Fotografin beim Ablichten von Agatas Knutscherei mit einem notgeilen Beiruter Friseur. Bieke Depoorter konnte es nach eigener Aussage kaum noch ertragen. Trotzdem blieb sie dabei, fotografierte weiter, wie besessen. Und so, konsequent bis zum Zwang, verfolgt die Künstlerin auch die Spur von Michael, einem verschrobenen, vielleicht verrückten Mann aus Portland, der ihr angeblich Koffer voll Fotos und Zetteln übergab und dann verschwand. Sehr geduldige, hoch interessierte Besucher können sich stundenlang in den mit Türen verschlossenen Kabinetten aufhalten und Bieke Depoorters Ideen entschlüsseln. Auch zwei durchaus suggestive Video-Arbeiten haben eine komplizierte Entstehungsgeschichte.

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„Identity Negotiation“ in Kaliningrad ist das Thema von Lukas van Bentum.

Mit Fleiß durchdachte Konzepte

So trainiert, wendet man sich der anderen Seite des NRW-Forums zu, wo neun mit dem „Gute Aussichten“-Preis für junge deutsche Fotografie bedachte Nachwuchs-Lichtbildner(innen) ihre Projekte zeigen. Lukas van Bentum von der Fachhochschule Bielefeld führt eine „Identity Negotiation“, eine Identitätsverhandlung, indem er Punker-Typen und uniformierte Soldaten aus Kaliningrad neben trostlose Stadtansichten montiert. Auch Juliane Jaschnow aus Leipzig widmet sich russischen Verirrungen in einem Video, das unter anderem Touristen am Berliner Reichstag, Jungarmisten bei Marschübungen und das groteske Kriegsspiel um einen Show-Reichstag im „Park Patriot“ bei Moskau zeigt.

Lisa Hoffmann aus Kiel schafft aus unzähligen Schichten von Kriegs- und Katastrophenfotos einen fast abstrakten „Atlas der Essenz“, während ihre Bielefelder Kollegin Victoria Vogel in einer Installation mit kessen Fotos, Söckchen, Plüschhockern und einem Soundtrack flüsternder Stimmen den Charme asiatischer Schulmädchen analysiert. Larissa Rosa Lackner aus Leipzig hingegen beschwört mit Fotos, Texten, Heften, Video das geheimnisvolle Leben einer gewissen Heide aus der DDR.

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Ein Video von Juliane Jaschnow untersucht das russische Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg.

Auf der Suche nach der Bildmagie

Alles an diesen beiden Ausstellungen ist gewiss mit Fleiß durchdacht. Was fehlt, ist die Magie des einzelnen Bildes. Immerhin gibt es in der oberen Etage des Forums noch eine geistige Erholung in der kleinen Extra-Schau aus der von der Stadtsparkasse gesponserten Reihe „Made in Düsseldorf“. Fotografische Stillleben des Turner-Preisträgers Wolfgang Tillmans („Düsseldorf Raum 2001-2007“) werden der gestischen Malerei der Anzinger-Schülerin Natascha Schmitten gegenübergestellt. Auch zu diesen Werken existieren umfangreiche Erläuterungen, aber sie wirken trotzdem, wie sie sollen: ohne Worte.

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Um asiatische Schulmädchen geht es in der Installation von Victoria Vogel.

Ein Haus, drei Ausstellungen

Bis zum 16. Februar 2020 präsentiert das NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, die belgische Fotografin „Bieke Depoorter“ mit Arbeiten aus den Jahren 2015 bis 2019 sowie die Preisträger des Wettbewerbs „Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie“. Im Obergeschoss sind in der Reihe „Made in Düsseldorf“ einige Fotografien von Wolfgang Tillmans und Malerei von Natascha Schmitten zu sehen. Geöffnet Di.-Do. 11 bis 18 Uhr, Fr. bis 21 Uhr, Sa 10 bis 21 Uhr, So. 10 bis 18 Uhr. www.forum.de

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