Kultur Kunstkritik

D_Aiwei_16052019

Der Künstler Ai Weiwei ist selber anwesend, wenn am Freitag seine große Retrospektive im K20 am Grabbeplatz eröffnet wird

In der Düsseldorfer Kunstsammlung zeigt Ai Weiwei seine größte Show

Die westliche Kunst verschanzt sich oft in einem Gedankengebäude, zu dem nur wenige einen Zugang haben. Dort hütet sie ihre Geheimnisse und schert sich nicht um die ratlose Außenwelt. Der Chinese Ai Weiwei (61) geht mitten hinein in das Drama des Lebens. Er schafft Filme, Objekte und Installationen, die jeder versteht, verstehen soll. Und obgleich sie strengen Konzepten folgen, haben sie eine emotionale Wucht, die das Publikum überwältigt. Einfach atemberaubend ist Ai Weiweis Doppelausstellung in den beiden Häusern der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Und für ihn „the most important show“ seines bisherigen Lebens.

D_Aiwei_PK_16052019

Star am Podium: Ai Weiwei zwischen Kunstsammlungschefin Susanne Gaensheimer und den Kuratoren Doris Krystof (rechts) und Falk Wolf (links).

Man muss Susanne Gaensheimer wirklich Abbitte leisten. Ihr intellektueller, an einem globalen Netzwerk orientierter Ansatz erzeugte manche Irritation in den heiligen Hallen der klassischen Moderne. Aber jetzt sorgt die Direktorin mit ihren Beziehungen für den Clou der nationalen Kultursaison. 2013, als Kuratorin des deutschen Pavillons, hatte sie den seit der Documenta 2007 bekannten Ai Weiwei zur Biennale von Venedig eingeladen, konnte ihn aber nicht persönlich begrüßen. Die chinesischen Behörden hatten dem systemkritischen Künstler, der schon geschlagen, verfolgt und enteignet wurde, nach einer Inhaftierung 2011 den Pass abgenommen.

D_Aiwei_Puppenspiel_16052019

Puppenspiel des Terrors: Szene aus der Installation „S.A.C.R.E.D“, die von Ai Weiweis Inhaftierung 2011 erzählt.

Alles ist Kunst, alles Politik

Erst 2015 durfte er wieder ausreisen, seither lebt er vorwiegend in Berlin und in vermeintlicher Sicherheit. Zwar schreibt er an seinen Memoiren, doch zur Ruhe setzt er sich nicht. Seine Kunst ist immer noch geprägt von persönlichen und allgemeinen katastrophalen Ereignissen, denen er mit einer wunderbaren Liebe und Achtsamkeit begegnet. Denn, so seine Losung: „All is art. All is politics.“ Alles ist Kunst. Alles ist Politik. Und es betrifft jeden von uns.

D_Aiwei_Porz_16052019

Chinesische Porzellangefäße gehören wie Kleiderständer und Fotografien zu den Installationen im K20.

Wo soll man anfangen? Am besten am Eingang des Untergeschosses im K21, wo man gleich in Ai Weiweis „Waschsalon“ läuft. An 40 weißen Ständern hängen da über 2000 zurückgelassene Kleidungsstücke, die der Künstler mit seinem Team 2016 nach der rigorosen Auflösung des Flüchtlingslagers Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze gefunden und gesammelt hatte. In seinem Berliner Atelier ließ er die Sachen sorgfältig waschen, flicken, bügeln und sortieren – von der Baby-Strampelhose bis zum Wintermantel. Niemand weiß mehr, was wem gehörte und warum die Menschen ihre Habseligkeiten nicht mitnehmen konnten. Aber so, wie Ai Weiwei damit umgeht, werden die Kleider zu einem Denkmal für die Heimatlosen. Eine Tapete mit 17.000 Handy-Fotos, die Ai mit seinem iPhone auf seinen Reisen durch 40 Flüchtlingslager gemacht hat, zeigt Leben und Alltag in diesen seltsamen Zwischenstationen.

D_Aiwei_Geisterschiff_16052019

Aus Bambus und Sisalschnur baute Ai Weiwei  ein Geisterboot, um auf das Flüchtlingsdrama aufmerksam zu machen.

Ein Boot für die Geister

Nicht alle, wissen wir, erreichen überhaupt ein solches Lager, ein rettendes Ufer. Ai Weiwei hat den Verlorenen ein Geisterboot gebaut, aus Bambusstäbchen und Sisalschnur, ganz leicht und transparent. Auch die Figuren darin sind aus dem gleichen Material, könnten jederzeit vom Wind verweht werden. Einige tierische Köpfe sind dabei – die zwölf chinesischen Tierkreiszeichen, Symbole für das Werden und Vergehen. Die Bildtapete verweist mit antiken Illustrationen auf die Odyssee, die alte Geschichte vom Umherirren. Videos von treibenden Booten und Lagertumulten stellen den Bezug zur Realität her.

D_Aiwei_Kisten_16052019

Der Künstler is watching you: In den eisernen Kisten sind besondere Offenbarungen verborgen.

Sehr real war für Ai Weiwei auch die Zeit im Gefängnis, wo man ihn 2011 ohne Angabe von Gründen nach seiner Verhaftung am Flughafen von Peking 81 Tage festhielt. Täglich wurde er verhört. Die Zelle prägte sich ihm so nachhaltig ein, dass er sie aus Fiberglas nachbauen lassen konnte – als Kulisse für ein besonderes Theater. In sechs gewaltigen Eisenkisten, die kleine Guckfenster haben, inszenierte er ein starres Puppenspiel, das die typischen Gefängnisszenen zeigt: Er, der Häftling, wird selbst beim Duschen und Schlafen von strammstehenden Polizisten bewacht. In einem Video verarbeitet er die absurden Rituale als satirisches Musical.

D_Aiwei_Fotos_16052019

Auch die Tapeten erzählen politische Geschichten: Fotos, die Ai Weiwei bei seiner Reise durch Flüchtlingslager mit dem Handy gemacht.

Die Dinge wieder zusammensetzen

Dieser Mann, Sohn eines verfolgten Dichters, lässt sich nicht unterkriegen. Milde lächelnd, die Arme gekreuzt, so sitzt er zwischen seinen Kuratoren am Podium der Pressekonferenz. Er kann nichts ändern an Verletzungen und Zerstörungen, aber er kann dafür sorgen, dass die Opfer gewürdigt werden. Dabei zeigt er uns nicht die üblichen Grässlichkeiten, sondern Zeichen der Mühe und der Hoffnung. „Ich setze die Dinge wieder zusammen“, erzählt er. So entstand auch eins seiner aufwändigsten Projekte. Nach dem Erdbeben in Sichuan 2008, bei dem 70 000 Menschen ums Leben kamen, darunter 5000 Schulkinder, ließ er die verbogenen Stahlstangen aus eingestürzten, schlampig gebauten Schulhäusern einsammeln. Er ließ sie bündeln, mit LKWs nach Peking transportieren und in jahrelanger Kleinarbeit mit Hämmern, Schneidbrennern und ungeheurer Konsequenz wieder gerade biegen.

D_Aiwei_straight_16052019

„Straight“ im K20: Wie in riesigen Särgen liegen gerade gebogene Stahlstangen aus eingestürzten Schulen.

„Straight“ (gerade und auch gerade heraus) heißt die Installation aus 164 Tonnen dieser Stahlstäbe, die Ai Weiwei hier in ihren 142 Transportkisten präsentiert. Wie Riesensärge stehen die offenen Kisten im Seitenlichtsaal des K20 und weisen hin auf die Pfuscherei am Bau, die damals von den Behörden vertuscht wurde und viele Kinder das Leben kostete. Ein dokumentarisches Video der Sammelaktion beweist ganz unaufgeregt, dass es sich um authentisches Material handelt.

Sonnenblumenkerne aus Porzellan

Das ist nicht immer so. An den Millionen von Sonnenblumenkernen („Sunflower Seeds“), mit denen Ai Weiwei den Boden der großen Klee-Halle auf einer Fläche von 650 Quadratmetern hat bedecken lassen, würde man sich die Zähne ausbeißen. Sie sind allesamt aus Porzellan und wurden 2010 nach Ais Konzept von 1600 fleißigen Leuten in einer Manufaktur in Jianxi hergestellt. Der Eindruck ist gigantisch, der tiefere Sinn allerdings nicht so zugänglich wie bei anderen Werken. Zum Einen will der Künstler die chinesischen Kunsthandwerkstraditionen feiern, zum Anderen auf die industrielle Massenproduktion hinweisen. Außerdem geht es um den Großen Vorsitzenden Mao Zedong, den die Staatspropaganda gerne als Sonne des Volkes darstellte. Die Menschen sollten sich gefälligst wie Sonnenblumen nach ihm richten. Doch aus den hübschen Porzellansamen kann nie etwas wachsen.

D_Aiwei_Kleesaal_16052019

Groß denken: Der Klee-Saal mit einem Feld von Millionen Sonnenblumenkernen („Sunflower Seeds“) und einem Tierkreis aus Legosteinen.

Wie eine seltsame Ahnengalerie wachen über dem Feld die Tierkreiszeichen in Form kunterbunter Lego-Bilder – eher ein dekorativer Effekt. Aber die Tapete hat es in sich: Sie besteht aus den 13.719 Schuldscheinen, die Ai Weiwei den Spendern in aller Welt ausgestellt hat, die 2011 dazu beigetragen haben, dass er dem chinesischen Staat eine angebliche Steuerschuld von umgerechnet 1,7 Millionen Euro bezahlen konnte, weshalb man ihn aus der Haft entlassen musste. Eins ist sicher: Ai Weiwei mit seiner erzählenden Kunst wird in diesem Sommer für viele Diskussionen sorgen.

Wann und wo?

Die große Retrospektive „Ai Weiwei“ wird am Freitag, 17. Mai, um 19 Uhr im K20 am Grabbeplatz mit einem Künstlergespräch eröffnet. Das Programm wird per Video auf die Piazza im K21, Ständehausstr. 1, übertragen. Die Ausstellung in beiden Häusern ist dann bis zum 1. September zu sehen. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Reguläres Kombiticket: 15 Euro. Am KPMG-Kunstabend jeden 1. Mittwoch im Monat von 18 bis 22 Uhr ist der Eintritt frei. Der Katalog in deutsch-englischer Sprache kostet 32 Euro. www.kunstsammlung.de

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Cardin_1960_18092019

Die Puristen unter den Kulturbürgern sind sicher not amused. Doch Felix Krämer denkt anders. Ein Ausstellungshaus voller Kontraste – das ist für ihn „der perfekte Kunstpalast“. Nachdem der Generaldirektor im letzten Jahr hochglanzpolierte Autos am Düsseldorfer Ehrenhof würdigte, als wären es Skulpturen, präsentiert der Direktor nun, gleich neben der furchtbar ernsten und politisch gewichtigen Kunst der DDR, den Pariser Modeschöpfer Pierre Cardin: „Fashion Futurist“. Muss das sein? Nein. Aber es macht ungeheuren Spaß, lockt ganz neue Leute und vertreibt den letzten Rest von Langeweile aus dem Museum. Mit Spiegeln, Filmen und funkelnder Beleuchtung wurde der Kunstpalast in eine glamouröse Bühne verwandelt. Man kommt sich gleich ganz plump und underdressed vor.

D_Kunstpunkte_Rheinblick_16092019

Dieses Faltblatt kann einen ganz kirre machen. Alle Jahre wieder verwirrt das Düsseldorfer Kulturamt seine Bürger mit einer winzig bedruckten Liste von Kunstpunkten, die beim besten Willen kein Mensch abarbeiten kann. 484 Maler und Bildhauer (natürlich beiderlei Geschlechts) präsentieren in diesem Jahr ihre Werke in offenen Ateliers mit 217 verschiedenen Adressen im gesamten Stadtgebiet. Wer genießen und entdecken will, sollte daraus bloß keine Schnitzeljagd machen. Einfach was aussuchen. Wir sind am Sonntag (15.9.) zwischen Bilk und Holthausen unterwegs gewesen.

D_DDR_Bus_04092019

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, meine Herrschaften! Zwei Wochen vor der musealen Modenschau über „Fashion Futurist“ Pierre Cardin im Düsseldorfer Kunstpalast präsentiert der vielseitige Direktor Felix Krämer „Utopie und Untergang – Kunst in der DDR“. Man ist ja schließlich der Bildung verpflichtet. Und der Moral. Nach Krämers Ansicht ist es beschämend, dass sich seit dem Mauerfall kein anderes Institut im deutschen Westen (Berlin gilt nicht) für das Thema zu interessieren scheint. So wird das natürlich nichts mit der inneren Einheit. Denn, so Krämer eindringlich: „Es ist wichtig, dass man sich füreinander interessiert.“ Da hat er Recht.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D