Kultur Kunstkritik

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Aus Stoff geformt und genäht: der „Kopf“ von Elisabeth Busch-Holitschke.

Kasematten Düsseldorf: Starker Auftritt - Frauenkunst

Gewöhnlich gucken Spaziergänger am Altstadtufer lieber auf die Fluten des Rheins als auf die Ufermauer, in deren Nischen nicht viel zu sehen ist außer Müll und Kritzeleien. Jetzt ist das anders. Denn die GEDOK Regionalgruppe A 46 sorgt für eine Kunstschau, die der Pandemie, dem Lockdown und der Verzagtheit trotzt. Fünf Frauen des kreativen Vereins zeigen Lieblingswerke, die auf wetterfeste Planen gedruckt und in fünf Kasematten-Nischen befestigt wurden: „Künstlerinnen für die Zukunft – Eigenwillig im Verbund“.

Die GEDOK hat Tradition: Vor 150 Jahren, 1926, wurde die „Gemeinschaft Deutscher und Oesterrreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen“ im feinen Hamburg gegründet – von der Sponsorin, Autorin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel. Die engagierte Dame der Gesellschaft, 1870 in Bingen als Tochter eines jüdischen Weinhändlers geboren, überlebte die Nazi-Zeit nicht. Um der drohenden Deportation zu entgehen, beging sie 1942 mit 72 Jahren Selbstmord. Doch Ida Dehmel ist nicht vergessen. In ihrem Namen halten die 2750 Künstlerinnen der GEDOK bis heute zusammen und fördern einander – auch in der erst 1996 gegründeten Düsseldorfer Regionalgruppe, die nach der nahen Autobahn A 46 benannt wurde, weil sie über die Stadtgrenzen hinaus agiert.

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Keck und kämpferisch: „Die rote Zora“ von Mariele Koschmieder an den Kasematten.

Gemalte und genähte Wesen

„Wir sind die Farbe auf dem Beton“ heißt es unter anderem im Motto des Vereins. Und entsprechend leuchten die zwei mal zwei Meter großen Drucke in ihren Mauernischen zwischen KIT und der Kasematten-Gastronomie. Alle fünf Bilder zeigen Frauen – sicher kein Zufall. Kuratorin Mariele Koschmieder, die Medizin studierte und in der Malerei ihre Berufung fand, präsentiert ihre eigene „Rote Zora“, Hommage an die wilde Kinderbuchheldin und zugleich eine Symbolfigur für selbstbewusste und kämpferische junge Frauen.

Der „Kopf“ von Elisabeth Busch-Holitschke wirkt riesenhaft, ist aber in Wirklichkeit lebensklein – und weich. Die Keramikerin probiert neue Materialien, formt und näht ihre Plastiken aus Stoffen, zerschneidet dafür Tischdecken, Tücher und Servietten, stickt Gesichter mit hängenden Fäden, macht aus ordentlichen Haushaltstextilien in ein herrlich widerborstiges Wesen.

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„Die Erinnernde“ von Johanna Hansen leuchtet zwischen blauen Übermalungen.

Gesichter und Geschichten

Auch Johanna Hansen liebt Verwandlungen. Sie übermalte frühe Werke mit freier Geste, um sie sich neu anzueignen. Dabei entstand eine Serie, die sie „Die Göttinnen“ nennt. „Die Erinnernde“ mit ihren blauen, nach innen sehenden Augen, ist eine davon – umflutet von leuchtendem Blau. Man wird magisch von diesem Gesicht angezogen. Daneben mustert uns der misstrauische Blick einer alten Dame: „Erna“, mit Brille und Charakterfalten. Die Fotografin Hanne Horn porträtierte die damals 90-Jährige schon vor zwei Jahrzehnten in deren bescheidenem Holzhäuschen in Mettmann. Erna Sarring fotografierte ebenfalls – hauptsächlich Landschaften und Blumen. Sich selbst hatte sie nie beachtet. Angeblich besaß sie nicht mal einen Spiegel. Als Hanne Horn ihr die schwarz-weißen Porträts vorlegte, war Erna höchst erstaunt: „Ich wusste nicht, wie ich aussehe.“ Jetzt wissen es alle, die vorübergehen. Hallo, Erna!

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Die Düsseldorfer Fotografin Hanne Horn porträtierte ihre Kollegin „Erna“ schon vor 20 Jahren.

Und dann ist da noch ein Mädchenbild von Andrea Temming, die gerne junge Menschen zeigt, im Aufbruch, am Scheideweg. Das Mädchen auf dem Bild, von hinten zu sehen, trägt ein rotes Sommerkleid und balanciert ohne Schuhe mit anmutiger Gebärde über ein Gestänge: „Leichtfüßig“. Ganz schön riskant, wie sie da in luftiger Höhe die Kurve. Aber man spürt: Sie wird nicht stürzen, sie wird es schaffen.

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„Leichtfüßig“ balanciert das junge Mädchen auf dem Bild von Andrea Temming.

Schau an der frischen Luft

Die Ausstellung „Künstlerinnen für die Zukunft – Eigenwillig im Verbund“ an den Düsseldorfer Kasematten, Unteres Rheinwerft (Nähe KIT), wird am Sonntag, 28. März, um 11 Uhr mit Musik und kurzen Reden eröffnet. Wer Maske trägt und Abstand hält, darf dabei sein. Eine im Stadtmuseum geplante Vernissage mit den Original-Werken muss wegen Corona verschoben werden. Ab 30. Mai, 11 Uhr, zeigen fünf weitere Künstlerinnen der GEDOK A 46 ihre Werke an den Kasematten: die Vorsitzende Hilla Hueber sowie Annu Koistinen, Sabine Krueger, Dagmar Reichel, Ingrid Schwarz. Der Verein hofft, bis dahin auch die Originale im Stadtmuseum präsentieren zu können.

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