Kultur Kunstkritik

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Farbtafeln über der Wüste: aus der Werkgruppe „Umbra“ von Vivianne Sassen.

NRW-Forum Düsseldorf: Neues Sehen wie im alten Bauhaus

Bauhaus! Das ist zweifellos einer der coolsten Begriffe in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts – auch wenn im gefühllosen Internet erst mal die gleichnamige Baumarktkette erscheint. Die 1919 von den Architekten Walter Gropius und Henry van de Velde in Weimar gegründete Gestaltungsschule steht für alles, was wir bis heute an der Moderne vergöttern: Klarheit, Geradlinigkeit, die kühnen 20er-Jahre, die Idee des Gesamtkunstwerks in einer demokratischen Gesellschaft. Irgendwie will jeder ein bisschen Bauhaus sein. Das gilt besonders für Künstler und Kuratoren. Eine ganze Schar Kreativer präsentiert jetzt im NRW-Forum „Bauhaus und die Fotografie – Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst“.

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Papiergebirge mit „Selfie-Point“: eine Installation von Dominque Teufen.

Vor 100 Jahren wurde die Moderne aus den Trümmern des Kaiserreichs geboren. Das wird auch in Nordrhein-Westfalen gefeiert – mit 40 vom Land geförderten Ausstellungen. Wer allerdings von Mies van der Rohes puren Häusern, Marcel Breuers legendären Clubsesseln oder anderen Zeitlosigkeiten schwärmen will, muss nach Krefeld oder Steinfurt fahren. In Düsseldorf geht es nur um die Inspiration, die aus dem Bauhaus kommt.

Ein bisschen virtuelle Realität

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Die Schönheit der Gebrauchsspuren: „Marks and Traces“ von Kris Scholz.

Als eine Art Grundlage betrachtet das Team um den erfolgreichen Fotografen Kris Scholz ein historisches Ereignis: die Ausstellung „Film und Foto“, die 1929 eingerichtet und vom Deutschen Werkbund von Stuttgart über Berlin und Wien bis nach Tokio geschickt wurde. Eine Ahnung der damals vom Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy nüchtern arrangierten Schau kann bekommen, wer sich eine von drei Virtual-Reality-Brillen auf den Kopf setzt und mithilfe des dazugehörigen Joysticks im virtuellen Saal umherhüpft – ein eher fades Vergnügen. Wir sind mit dieser neuen Technik eben (noch) nicht auf dem Holo-Deck vom Raumschiff Enterprise.

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Ungefähr so hat es 1929 ausgesehen, als das Bauhaus in Berlin die Ausstellung „Film und Foto“ präsentierte.

Besser sind die Fotos der damaligen Ausstellung in einer rekonstruierten Ecke zu sehen, wo sich die bescheidenen Schwarz-Weiß-Formate um einen Originaltext von der (kleingeschriebenen) „menschlich sozialen intensität des optisch erfassten“ drängen. Man sieht uneitle Gesichter, Figuren und ihre Schatten, Gebäudeteile, ein Schneckenhaus von innen, eine ganz einfach Bandspirale. Auf solche Bauhaus-Formen bezieht sich zwei große abstrakte Arbeiten von Thomas Ruff an der Wand gegenüber – sehr prägnant und repräsentativ.

Die Gegenwart mag es groß

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Inspiriert vom Bauhaus: Thomas Ruffs abstrakte Werkserie „phg“.

Und da wären wir schon beim großen Unterschied: Die Künstler der Gegenwart begnügen sich nicht mit unauffälligen Formaten. Sie nehmen Räume ein wie die bekannte zweiteilige Video-Installation „Play Dead; Real Time“, für die der Schotte Douglas Gordon 2003 einen dressierten Elefanten in einer Galerie niedersinken ließ. Ein kleines Selbstbildnis von Gordon, auf dem nur ein Auge unter einer Stirnnarbe zu sehen ist, gibt es auch, das wiederholt sich aber 180 Mal in seinem Künstlerbuch „Exercise in Gothic“. Und ich finde nicht, dass man es mit der 1928 entstandenen Foto-Ikone „Lotte“ des Bauhaus-Kritikers Max Burchartz vergleichen kann, wie behauptet wird.

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Sehr fern vom Bauhaus: Douglas Gordons elefantöse Videoinstallation „Play Dead; Real Time“.

Weiter geht es schick und schön. So sind zum Beispiel die transparenten Farbfelder, die von der niederländischen Mode- und Kunstfotografin Viviane Sassen über Wüstenlandschaften gelegt wurden. Sie erinnern nicht wirklich an die Quadrate des Bauhausmeisters Josef Albers. Wolfgang Tillmanns erregte 2016 Aufsehen mit seiner bunten Plakatserie gegen den britischen Brexit („No Man is an Island“). Die Politik war leider nicht zu beeindrucken. Im selben Jahr entstand Dominique Teufens Installation „Selfie-Point“, der sich vor dem bis auf den Boden lappenden Fotografie einer aus Papier bestehenden Gebirgslandschaft befindet.

Spuren der Vergangenheit

Kurator Kris Scholz selbst, auch aktiv für die global agierende Fotokunstgalerie Lumas, zeigt „Marks and Traces“, malerische Abdrücke und Spuren, die er in Ateliers zwischen Golzheim und Marokko auf Tischplatten und Fußböden fand. Humor beweist er mit einer kitschigen „Anti-Bauhaus“-Vitrine, deren Glas er mit Dias gespickt hat: „Form ohne Funktion“.

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„Studentenblick: „Metamorphose“ von Philipp Rabe.

In seiner Eigenschaft als Professor für Künstlerische Fotografie an der Hochschule Darmstadt hat Scholz seine Beziehungen zum Nachwuchs genutzt. Im oberen Stock zeigen Studenten aus Darmstadt und Nürnberg, wie sie die Zukunft der Fotografie sehen und erweisen sich als erstaunlich romantisch. Da gibt es verschwommene Gräser in Weiß von Jasmin, Bewegungsabläufe nackter Tänzer von Mirko, und Philipp zeigt „Metamorphosen“ von Augen und Gesichtern. Nun ja, auch im Bauhaus war nicht alles streng. Aber vom Bauhaus wird leider sehr wenig erzählt in dieser Ausstellung. Man darf nicht enttäuscht sein. Hier geht es allein um Positionen der Gegenwart und ihre äußerst vagen Verbindungen zu einer kühneren Zeit.

Was, wo und wann?

„Bauhaus und die Fotografie – Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst“: bis 10. März 2019 im Düsseldorfer NRW-Forum, Ehrenhof 2. Di.-Do. 11 bis 18 Uhr, Fr. 11 bis 21 Uhr, Sa. 10 bis 21 Uhr, Sa./So. 10 bis 18 Uhr. www.nrw-forum.de

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