Kultur Kunstkritik

D_Helga_Meister_17032017

Immer dabei: Helga Meister wird bei der Kunstaktion „Strauss ist raus“ vom Star-Architekten Walter Brune für ihr Buch gepriesen

Neue Düsseldorfer Kunstszene: Was die Helga mag

So ist sie nun mal: Kommt meistens zu spät, in Eile und zerzaust, redet dazwischen, drängelt sich vor, grinst wie ein freches Mädchen und kennt einfach keine Zurückhaltung. Über Dr. Helga Meister wird in der Düsseldorfer Kulturszene viel gestöhnt und noch mehr getratscht. Aber letztendlich stehen alle stramm vor der meinungsfreudigen Journalistin, deren Alter niemand so genau kennt. Seit circa 50 Jahren gehört sie zu dieser Stadt wie eine Institution.

Als feste freie Mitarbeiterin der Westdeutschen Zeitung arbeitet sie sich bienenfleißig durch Ausschüsse und Ausstellungen, schreibt über Kunst und alles Mögliche und macht nebenbei ihre eigene Show – als Kuratorin, Rednerin, Sammlerin, Autorin. Ihr jüngstes Buch, „Neue Düsseldorfer Kunstszene in 70 Porträts“, liegt jetzt pink, fett und fordernd auf den Couchtischen der Kulturbürger.

Gnadenlos subjektive Auswahl

Um es gleich zu sagen: Von einer systematischen Untersuchung der aktuellen Kunstszene kann hier keine Rede sein. Da ist der Buchtitel eher irreführend. Es geht um eine gnadenlos subjektive Auswahl. Von 1800 Männern und Frauen, die in der Region als Profi-Künstler gelten, stellt Helga Meister 70 vor. Immerhin. Auch das ist eine Mordsarbeit, bewältigt auf 400 Seiten, eng zweispaltig bedruckt. Nur überaus entschlossene Leser werden dieses Werk komplett bewältigen. Man darf die journalistisch flotten Texte – mal Story, mal Interview – genau so konsumieren, wie sie entstanden sind: nach persönlichem Interesse. Und da sind etliche Entdeckungen zu machen.

Wie Helga Meister im Vorwort betont, konzentriert sie sich nicht „auf die ältere Generation der Heroen, die längst einen Platz in der Kunstgeschichte gefunden haben“. Auch den „rheinischen Klüngel“ und die Spekulationen des Marktes lässt sie außen vor, um sich künstlerischen Strategien, „Ideen und Visionen, Farben und Formen“ zu widmen. Sie vertraut ihrem eigenen Blick – was, nebenbei bemerkt, immer noch die beste Art ist, Kunst zu beurteilen. Und sie schafft Nähe, wie man nicht nur daran merkt, dass sie die Probanden im Interview kameradschaftlich duzt.

D_Helga_Meister_B_17032017

Lange Texte, farbige Werkbilder, aber keine Künstlergesichter: Blick in Helga Meisters Buch

Keine Gesichter zu den Geschichten

„Ein Werk erwächst niemals aus dem luftleeren Raum“, stellt sie fest. Deshalb erzählt sie auch von der Herkunft, vom Leben, von den Ansichten der Künstler(innen), die fast ausnahmslos nicht aus Düsseldorf stammen, sondern aus der Provinz und aus aller Welt in die Stadt mit der immer noch weithin leuchtenden Akademie kamen.

Leider, leider werden zu den Geschichten keine Gesichter gezeigt, lediglich Werkaufnahmen. Vielleicht wollte man grundsätzlich keine Ablenkung durch fotografische Künstlerporträts, vielleicht sind es auch nur profane Kostengründe. Auf jeden Fall bleiben die Persönlichkeiten unsichtbar – bis auf die Künstlergruppe HobbypopMUSEUM, die sich selbst, heiter winkend, im Sinne einer Performance präsentiert. Ansonsten sieht man nur Objekte, Bilder, Skulpturen und Dokumentationen von Aktionen, wie sie zum Beispiel der Projektmanager Markus Ambach inszeniert. Ambach arbeitet „ergebnisoffen mit Künstlern“ – am Neusser Hauptbahnhof oder am Autobahnkreuz. Helga Meister braucht kein schickes Ambiente, um sich mit der Kunst wohl zu fühlen. Sie sucht das Neue und Frische, geht überall hin, spürt Talente auf.

Performance ums goldene Kalb

Und so berichtet sie von ganz verschiedenen Geistern, sachlichen und fast romantischen, auffälligen und scheuen. Da ist der „Bilderbauer“ Jan Albers mit seinen skurrilen, oft sehr schönen Objekten, die fotografierende Bildhauerin Christine Erhard, der bulgarische Tablet-Maler Russlan Daskalov, der nur Digitaldrucke präsentiert, und der Amerikaner Joseph Sracic mit seinen surrealen Szenen in Öl. Es gibt Angela Fette, die „Performerin ums goldene Kalb“, Henning Fehr und Philipp Rühr, die sich mit Technik und Rollenspiel als „Storyteller & Engineers“ profilieren, Martin Pfeifle und die „Kunst der Schaustellerei“.

Es gibt die Pop-Mülltonnen von Katharina Maderthaner, die zart verträumte Malerei des Japaners Takeshi Makishima und die suggestiven Räume des Gregor Schneider. Der Akademie-Professor vom Niederrhein, schon 2001 mit dem Goldenen Löwe der Biennale von Venedig ausgezeichnet, gehört zu den wenigen Prominenten auf Helga Meisters Künstlerliste. Die meisten Namen sind dem interessierten Museumsbesucher sicher unbekannt. Und man muss sich nicht alle merken. Aber sie haben mit einer Kunst zu tun, die so lebendig ist wie die unermüdliche Helga Meister.

Buchtipp

Helga Meister: „Neue Düsseldorfer Kunstszene in 70 Porträts“. Wienand Verlag. 400 Seiten, 133 farbige Abbildungen. 29,80 Euro.

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_Bild_1_27032017

Nein, das ist keine dieser Ausstellungen, die jeden Museumsbesucher auf Anhieb betören. Ehrlich gesagt, könnte man die vergilbten und ergrauten Papiere, oft nur Fetzen, in ihren dezenten Rahmen leicht übersehen – auf dem Weg zu spektakulärer Malerei. Doch ehe uns der alte Meister Cranach (ab 8. April) mit seinen raffinierten Schönheiten in den Kunstpalast lockt, sollten wir doch einen Blick werfen auf „Idea et Inventio“ (Idee und Erfindung), eine Auswahl von 100 italienischen Zeichnungen des 15. und 16 Jahrhunderts aus der historischen Sammlung der Kunstakademie.

D_HausLange_Auto_20170307

Das Haus ist verkauft, man sieht es auf dem Maklerschild vorn an der Straße. Vor dem Eingang steht ein Jaguar, beladen mit Gepäck. Rechtssteuerung. Ein Wagen aus England, ganz offenbar. „I voted stay“, sagt ein Aufkleber an der Heckscheibe. Well, der neue Bewohner scheint ein Gegner des Brexit zu sein. Ganz offenbar hat da jemand Großbritannien verlassen und ist vor den politischen Verhältnissen auf den Kontinent geflohen, nach Krefeld. Why not? Die Tür zu der klassisch modernen Villa steht offen, jeder darf eintreten – falls er ein Ticket gekauft hat. Denn, Ladies und Gentlemen, was Sie hier wahrnehmen, ist Kunst. Und die Immobilie ist ein Museum, Haus Lange, wo das skandinavische Künstlerduro Elmgreen & Dragset das ebenso spannende wie rätselhafte Drama um „Die Zugezogenen“ inszeniert hat.

D_Bild1a_03032017

Es ist so eine Sache mit der konzeptuellen Kunst der 1960er- bis 70er-Jahre. Grauköpfe, die damals sehr jung waren – jaja, auch ich – sehen die Relikte recht gerne. Sie verstärken unsere Illusion, dass wir alle frei, kühn, scharfsinnig und mit der Nase dabei waren, lauter Helden der Epoche. Mal abgesehen davon, dass wir in Wahrheit keine große Rolle spielten, ist der Zeitgeist uns flott davongerannt. Und es stellt sich die Frage, ob ein Projekt wie die Ausstellung über den belgischen Kunstdenker und Zwischendurch-Düsseldorfer Marcel Broodthaers (1924-1976) im K21 das heutige Publikum überhaupt noch interessiert.

report-D: Social Media / RSS

Düsseldorf, Helau!

Tausend und ein Karnevalsbild