Kultur Kunstkritik

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Digitaler Veitstanz: Hito Steyerls neueste Video-Installation „SocialSim“.

Nur nicht nervös werden: Hito Steyerl im K21 Düsseldorf

Aufgepasst! Wer diese Ausstellung voll erfassen möchte, braucht Zeit, Nerven und eine akademische Entschlossenheit. Denn es dauert ungefähr acht Stunden, hat eine Journalistenkollegin ausgerechnet, um alle 17 Video-Installationen der Deutschjapanerin Hito Steyerl (54) im Souterrain des K21 gebührend zu würdigen. Die in München geborene und in Berlin lehrende Professorin für Experimentalfilm arbeitet, so Institutsleiterin Susanne Gaensheimer, „einfach konsequent und kompromisslos“. Immerhin hat der von einem alten Disco-Hit ausgeliehene Titel der Schau etwas Tröstliches: „I will survive“ – ich werd’s überleben.

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Immer auf Abstand: Direktorin Susanne Gaensheimer (Mitte), Kuratorin Doris Krystof (rechts) und Jeanne Bindernagel von der Kulturstiftung des Bundes.

Die Wachleute sind nicht zu beneiden. Mit resignierten Blicken lassen sie über sich ergehen, dass es aus allen Ecken flimmert, quasselt, kracht. Die Unruhe, die eine Zusammenstellung von einzeln durchaus subtilen Video-Arbeiten mit sich bringt, ist wie eine exaltierte Demonstration des digitalen Overkills, dem wir ohnehin tagtäglich bei der Arbeit und in der Freizeit ausgesetzt sind. Eigentlich möchte man zur geistigen Erholung lieber etwas Stilles betrachten, aber das ist hier nicht vorgesehen. Die zierliche Powerfrau Hito Steyerl, die trotz eines Doktortitels in Philosophie alle Erklärungen den Kuratorinnen überließ, reflektiert die Welt nun mal mit den dominanten Mitteln der Technik.

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Geduld und gute Nerven braucht man im Souterrain des K21.

Stress-Test mit Mensch und Robotern

Das fängt noch relativ konventionell, fast reportagenhaft an – mit einem Film aus den späten 1990er-Jahren über „Die leere Mitte“, den ehemaligen Todesstreifen in Berlin. Da werden Arbeiter und Marktleute interviewt und Erscheinungen neuer Fremdenfeindlichkeit mit Berichten von historischem Antisemitismus und Kolonialismus verbunden. Hito Steyerl hatte ursprünglich Dokumentarfilmregie in Tokio und München studiert und zwischendurch als Assistentin für Wim Wenders gearbeitet. Aber seit sie 2007 mit der gewagten Filmcollage „Lovely Andrea“ an der Documenta 12 teilnahm, tritt sie als Medienkünstlerin auf.

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In Hito Steyerls Arbeit „Hell Yeah We Fuck Die“ werden Roboter auf Standfestigkeit getestet.

Die Einrichtung des Raums spielt dabei auch eine Rolle. Gleich als erstes fällt der Blick auf leuchtende Sitzblöcke mit den in englischsprachigen Songs am meisten verwendeten Wörtern „Hell Yeah We Fuck Die“ (etwa: Hölle, jaaa, wir, Scheißdreck, sterben). Das ist wahr und wenig ermutigend. Wer Platz nimmt, sieht dazu auf drei Bildschirmen zwischen Stangen und Paneelen sonderbare Filme mit Robotern, deren Standfestigkeit durch Hindernisse und gezieltes Schubsen getestet wird. In einem Nebenraum darf man es sich in First-Class-Ledersesseln gemütlich machen und in dem Film „Free Fall“ beunruhigende Geschichten über Flugzeugabstürze und Börsencrashs verfolgen.

Wo das Glas zerbricht

Weitere Stress-Versuche eröffnen sich in „The City of Broken Windows“, wo eine Firma versucht, ein Alarmsystem so zu programmieren, dass es bei einem Einbruch das Geräusch von zerbrechendem Fensterglas erkennt. Klirr, so geht das immer wieder. Der Mensch erkennt es nur zu gut und schleicht lieber weiter, vorbei an Storys von bewaffneten Security-Männern in einem Chicagoer Museum sowie einem Video-Vortrag der Künstlerin über unselige Verquickungen von Kunstmarkt und Waffenhandel („Ist das Museum ein Schlachtfeld?“). Dahinter öffnet sich ein dunkler Raum, wo auf acht Monitoren digitale „Power Plants“ blühen. Die farbenprächtigen Blumen sind jedoch nicht ganz geheuer, sie entfalten sich nämlich nicht, wie Mutter Natur es will, sondern nach dem Programm einer Künstlichen Intelligenz. Alles Illusion, begleitet von flackernden Satzfetzen wie: „und vertreibe die Verwirrung“. Selbige wird leider gesteigert durch Texte aus der Augmented Reality, die man mit Hilfe einer über QR-Code aufs Handy geloadeten App im Raum schweben sieht.

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Rätsel in der Bel Étage: das Objekt „Amazon Worker Cage“ gehört zur Ausstellung von Simon Denny.

Aber so richtig meschugge wird man erst durch „SocialSim“, Hito Steyerls neueste, unter Corona-Bedingungen entstandene Arbeit, bei der sich ein kurzarbeitender Fernsehkommissar in einen Avatar verwandelt und mit anderen virtuellen Figuren eine Art Veitstanz aufführt. Die Besucher (nur elf auf einmal) stehen inmitten mehrerer Projektionen mit Disco-Musik und zuckenden Lichtern. Ein digitales Fegefeuer.

Ohne Erklärung geht nichts

Wer in den oberen Etagen des Hauses nach etwas Beruhigung sucht, kann sich an die Denkaufgaben von Simon Denny (38) machen. Der gebürtige Neuseeländer ist Professor für Zeitbezogene Medien an der Universität Hamburg und (über)fordert das Publikum mit „kontext- und recherchebasierten Arbeiten“, die sich nur dem fleißigsten Museumsbesucher entschlüsseln. Zwischen Animationsfilmen und Pappmodellen von modernen australischen Bergbau-Maschinen geht es um die Zusammenhänge zwischen dem Abbau von Rohstoffen, der Verarbeitung von Daten und dem Klimawandel.

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In gestalteten Räumen präsentiert Hito Steyerl ihre Video-Arbeiten.

Ein seltsamer Gitterkäfig mit Roboterarm wurde angeblich 2016 vom Lieferkonzern Amazon zum Schutz von Arbeitern entwickelt und wegen heftiger Kritik nie eingesetzt. In Dennys Kunstobjekt „Amazon Worker Cage“ kann man nun – wieder mit Hilfe einer downgeloadeten App – einen virtuellen Vogel umherflattern lassen, den vom Aussterben bedrohten australischen Roststirn-Dornschnabel. Vor ökologischen Katastrophen soll er laut dem im Saal erhältlichen kuratorischen Beipackzettel warnen. Ich warne davor, die Konzepte der Kunst so zu verschlüsseln, dass sie nicht mehr für sich selbst spricht.

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Bitte Platz nehmen: Die Blöcke aus leuchtenden Buchstaben sind zugleich Sitzbänke.

Was, wann und wo?

Die Ausstellung „Hito Steyerl: I Will Survive“ im Düsseldorfer K21, Ständehausstr. 1, wird am Samstag, den 26. Oktober, ohne Vernissage von 11 bis 20 Uhr eröffnet. Bis 15 Uhr sind Art Guides ansprechbar. Zutritt nur mit Maske. Die Ausstellung läuft bis 10. Januar und geht dann weiter ins Pariser Centre Pompidou. Der telefonbuchdicke Katalog erscheint im Leipziger Verlag Spector Books, hat 420 Seiten und kostet 34 Euro. Die Parallelausstellung „Simon Denny: Mine“ ist bis 17. Januar in der Bel Étage des Hauses zu sehen. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 12 Euro. www.kunstsammlung.de

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