Kultur Kunstkritik

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Die monumentale Kohlezeichnung „Der jüngste Tag“ entstand schon 1956.

Pilger der Kunst: Bert Gerresheim im Stadtmuseum Düsseldorf

Dieser Künstler ist anders. Ihn interessiert nicht, was die Kuratoren der Biennalen für avanciert halten oder was der Zeitgeist gerade am höchsten handelt. Der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim folgte nur den eigenen Visionen. Sein Brot verdiente er lange als Lehrer am Lessing-Gymnasium, das machte ihn unabhängig. Als die Kollegen die Kunst von der erkennbaren Form befreiten, zeichnete und modellierte er seine Figuren umso wahrhaftiger. Liebe und Verdammnis sind seine Themen. Nur Gott und der Menschlichkeit fühlt er sich verpflichtet. Das Stadtmuseum würdigt den Meister jetzt zum 85. Geburtstag.

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Bert Gerresheim, Foto: Stadt Düsseldorf, David Young

Beharrlich ignoriert von den Experten der Kunstszene, hat Bert Gerresheim in seiner Heimatstadt Düsseldorf so manches Zeichen gesetzt, gern im Auftrag von Gemeinden und Vereinen. Doch das Gefällige war nie von ihm zu erwarten. Mancher brave Bürger reagierte entsetzt, als Gerresheim dem Freiheitsdichter Heinrich Heine 1981 ein Denkmal setzte, das die verschobene Totenmaske zum Vorbild hatte. Das Stadterhebungsmonument an einer Ecke neben dem Burgplatz zeigt nichts Heroisches, sondern die Rüstungen der Schlacht von Worringen und die Fratze des Todes. Man spürt, dass der Krieg tiefe Wunden in der Empfindung des Künstlers hinterlassen hat, der 1935 an der Ratinger Straße geboren wurde und als Kind so manche Bombennacht erlebte.

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Der Tod ist immer präsent, wie im „Ensor-Disput“, den Bert Gerresheim 2009 schuf.

Pankoks menschliche Haltung

Dass er irgendwie seltsam war, hatte die Mutter schon geahnt, als ihr braver Jong immer nur malen wollte und mit stiller Inbrunst die Heiligenfiguren in St. Lambertus betrachtete. So, wie der kleine Bert veranlagt war, würde der sicher ein hungriger Maler werden oder ein Pastor, der Kakteen züchtet. „Um Jottes Willen, donn mich dat nich’ an“, sagte sie, kaufte ihm aber eine große Tafel zum Zeichnen, zeigte der Künstlermutter Ey seine kindlichen Werke und ermutigte ihn nach dem Krieg, mal beim Akademieprofessor Otto Pankok zu klingeln, der ganz in der Nähe wohnte. Ab 1956 studierte Gerresheim dann in der Klasse des alten Expressionisten und lernte viel von dessen „menschlicher Haltung“.

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Gesten in Bronze: Details aus kirchlichen Kunstwerken der letzten Jahrzehnte. Im Hintergrund: Zeichnungen von Bert Gerresheim.

Was er vermisste, war die Magie, der Mythos. Solches fand der junge Künstler in den Werken von Max Beckmann, James Ensor oder Max Ernst, dessen Surrealismus „wie eine Befreiung“ für ihn war. Von da an folgte er der Spur des Traums, hungerte, um zu inneren Bildern zu gelangen, und studierte die visionären Schriften des heiligen Franz von Assisi. Seit 1972 ist er weltliches Mitglied des Franziskanerordens. Dem Leiden Christi widmete er sich in zahlreichen Werken zur Passion, jeder Düsseldorfer kennt die Kreuz-Figur an der Fassade der Rochus-Kirche. Der Heiland trägt am Arm die KZ-Nummer des in Auschwitz ermordeten Franziskanerpaters Maximilian Kolbe.

Inneres nach außen kehren

„Das Leben als Pilgerreise“ ist eine Überschrift, die nicht zu vielen Künstlern passen würde – man findet sie jetzt im ersten Stock des Stadtmuseums unter zahllosen Texten, Bildern, Kleinskulpturen und Modellen aus dem Haus von Bert Gerresheim. Die Schau wirkt ein bisschen vollgestopft, sie lässt Kunsthallen-Klarheit vermissen, dafür hat sie Atmosphäre. Denn der Bildhauer stellte nicht nur Werke zur Verfügung, sondern auch Mobiliar aus seinem Atelier: Tische, Konsolen, Treppchen und Hocker, deren Schrammen von langem Gebrauch zeugen. Als erstes begegnen wir dort den sogenannten Vexierporträts (vom lateinischen Wort vexare, verzerren). Das sind Köpfe, die nicht glatt und heldenhaft wirken wie Gerresheims Modell für eine Heine-Büste in der Walhalla (ja, das kann er auch), sondern das Innere nach außen kehren wie bei dem gehetzten Herbert Wehner, Großkämpfer der Nachkriegs-SPD, den Gerresheim 1977 mit zerklüfteten Zügen und schweren Grübelfalten von der Gießerei Schmäke in Bronze gießen ließ.

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Typisch Gerresheim: das 1977 geschaffene Bronze-Porträt von Herbert Wehner.

Gleich dahinter steht das Bildnis des „Bruder Walter Dodde“, eines kämpferischen Mönchs, der die bergischen Bauern 1288 bei Worringen in den Kampf gegen den Kölner Erzbischof führte. Er hat den Mund zum Schlachtruf geöffnet, doch die zweite Hälfte des Gesichts ist bereits skelettiert, denn es wird ein furchtbares Gemetzel geben. Bert Gerresheim scheut nicht zurück vor der Darstellung des Leids. Schon als Teenager zeichnete er 1956 ein monumentales Werk zum Jüngsten Tag, das er jetzt für die Ausstellung aus dem Keller holte. Immer wieder trieb ihn die Apokalypse um, die Offenbarung des Johannes. Eine große Bleistiftzeichnung von 1977 zeigt ein Chaos aus Tier- und Menschenleibern, von Erlösung keine Spur.

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Aus der Serie Vexiergrotesken: „Stelzenschnabel“ und „Eulenspiegelfisch“ (2015/18).

Das tägliche Golgatha

Auch ein Text in der feinen Handschrift des Künstlers spricht uns nicht gerade Trost zu: „Apokalypse ist kein Endzeitpunkt, wohl eher Offenbarung der Struktur unserer Lebenswirklichkeit ...“ Angst und Schmerz gehören zu dem, was Gerresheim „das tägliche Golgatha“ nennt. Beschönigung ist wahrlich kein Ziel seiner Kunst, und sie hat doch ihre ganz eigene Schönheit im Antlitz eines leidenden Dichters oder in den markanten Händen des Auferstandenen. Und manchmal muss man sogar schmunzeln, wenn der Alptraum zur surrealen Komödie wird wie in den „Vexiergrotesken“, wo Wesen erscheinen wie Schnabelgnom und Schellenratte sowie der Eulenspiegelfisch.

In moderner Kommunikations-Absicht zeigt das Stadtmuseum auf kleinen Monitoren allerlei Bild- und Textpostings, die Gerresheim-Fans unter dem Hashtag #bertgerresheim auf Instagram gepostet haben. Das ist zum Teil ganz rührend, aber man kommt Bert Gerresheim näher, wenn man selbst hinausgeht und seine großen Werke unter freiem Himmel wiederentdeckt. Nur einen kleinen Spaziergang entfernt sind Heine-Denkmal (Schwanenmarkt) und Stadterhebungsmonument (Joseph-Wimmer-Gasse).

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Inspiriert von der Totenmaske des Dichters ist das Heine-Denkmal am Schwanenmarkt.

Was und wo?

„Bert Gerresheim. Geschichten“: bis 3. Januar 2021 im Stadtmuseum Düsseldorf, Berger Allee 2. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, sonntags freier Eintritt. www.duesseldorf.de/stadtmuseum

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