Kultur Kunstkritik

D_Kalzua_3_14082020

Nachdenken am Fluss: Künstler Stephan Kaluza hockt zwischen Galerist Dirk Geuer (links) und Frankonia-Chef Uwe Schmitz im Andreas Quartier auf seiner Bodenarbeit „Kommt rhein“.

Rhein-Treppe: Neuer Kunstfluss im Düsseldorfer Andreas Quartier

Alles fließt dahin – sogar die Angst vor Corona. Als der Düsseldorfer Allroundkünstler Stephan Kaluza im April sein Rhein-Fotobanner an der Fassade des Düsseldorfer Andreas Quartiers präsentierte, durften die Medienmenschen nur einzeln und draußen vortreten. Jetzt, im August, kann von virologischer Entwarnung keine Rede sein, aber man saß entspannt in der Lounge beim Kaffee. Die Show muss weitergehen, das Leben braucht Kultur und Abwechslung. „Kommt r(h)ein“ heißt deshalb die Indoor-Fortsetzung von Kaluzas Fotoprojekt.

D_Kalzua_Treppe_14082020

Auch schön: Der Blick vom oberen Treppenabsatz auf das fließende Kunstwerk.

Die Luxusherberge war bekanntlich mal ein Landgericht mit einer einschüchternden Marmor-Freitreppe, die seit dem Umbau einen eleganten blauen Teppich trägt. Dieser Teppich ist nun unter einer „temporären Fußbodeninstallation“ verschwunden. Und über die Stufen rauscht der Rhein. Rein optisch. Wobei, wie Hausherr Uwe Schmitz, Vorstand der Frankonia AG, erzählt, in Überschwemmungszeiten während der Bauarbeiten tatsächlich das Wasser in der Grube stand.

Vertikale Perspektive

Aber dem geliebten Vater Rhein kann kein Düsseldorfer böse sein. Der Strom ist „identitätsstiftend“, stellt Künstler Kaluza fest, der, 1964 in Bad Iburg geboren, seit dem Studium in Düsseldorf lebt. Nachdem er, wie berichtet, für sein Fotoprojekt „Alles bleibt im Fluss“ die ganze Länge von der Quelle bis zur Mündung über Jahre wandernd erfasst hatte, sann er nun mit dem Galeristen Dirk Geuer auf eine ergänzende Idee für das Innere des Andreas Quartiers. Und weil Kaluza mit seinen Hunden immer so gerne am Löricker Ufer spazieren geht, suchte er sich dort eine Stelle für eine neue Perspektive aus.

Statt wie bisher horizontal, untersuchte er das Gewässer diesmal vertikal mit seiner Kamera. Um das „Rheingehen“ deutlich zu machen, fotografierte er zunächst, was ihm zu Füßen lag: die Kiesel am Ufer, den Sand, Muscheln, einen kleinen Krebs. Dann richtete er die Linse immer ein Stück weiter auf das Wasser, bis zum gegenüberliegenden Ufer. Aus etwa 50 Aufnahmen entstand schließlich ein Bilder-Fluss von etwa 40 Metern Länge, der auf robustes PVC gedruckt und auf der gewaltigen Mitteltreppe des Andreas Quartiers verlegt wurde.

So steigt man empor über den fotogenen Strand und sich malerisch kräuselnde, graublau verspielte Wellen bis zum oberen Flur, wo der Fluss abrupt an einer Zwischentür endet. Nichts fließt mehr, aber man kann ja zum Glück wieder hinabsteigen und in der Lounge einen Kaffee trinken.

D_Kalzua_Sport_14082020

Überraschung: Plötzlich kommt die Fußballmannschaft des FC Sevilla, zu Gast im Hyatt House, die Kunst-Treppe herunter.

Bitte eintreten!

Die Fotokunstinstallation „Alles bleibt im Fluss“ von Stephan Kaluza ist weiter an der Fassade des Andreas Quartiers an der Mühlenstraße 34 zu sehen. Ergänzend wurde jetzt die temporäre Bodenarbeit „Kommt rhein“ auf der Treppe im Inneren des Hauses installiert. Eintritt frei.

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D-Bikoe_Mainacht_01052021

Hoffen kann man ja mal. Dass die Düsseldorfer „Kunst im Tunnel“ (KIT) am Mannesmannsufer bald wieder zugänglich sein wird und die Filme von Silke Schönfeld nicht ungesehen bleiben. Denn sie haben Zeit und Aufmerksamkeit verdient – „Über alles vernünftige Maß hinaus“, wie der Ausstellungstitel aus einer 1956 gehaltenen Rede des Düsseldorfer Kunstvereinsdirektors Hildebrand Gurlitt zitiert. Eigentlich möchte man stundenlang da unten bleiben, im Dunklen und Stillen unter der Rheinpromenade, wo bewegte Bilder besondere Geschichten vom Menschen erzählen.

D_Kasematten_Kopf_27032021

Gewöhnlich gucken Spaziergänger am Altstadtufer lieber auf die Fluten des Rheins als auf die Ufermauer, in deren Nischen nicht viel zu sehen ist außer Müll und Kritzeleien. Jetzt ist das anders. Denn die GEDOK Regionalgruppe A 46 sorgt für eine Kunstschau, die der Pandemie, dem Lockdown und der Verzagtheit trotzt. Fünf Frauen des kreativen Vereins zeigen Lieblingswerke, die auf wetterfeste Planen gedruckt und in fünf Kasematten-Nischen befestigt wurden: „Künstlerinnen für die Zukunft – Eigenwillig im Verbund“.

D_Bikoe_K20_aussen_26032021

Ach, Beuys, was hätte er wohl dazu gesagt? Zu Abstandsregeln, Maskenpflicht, Zeitfenstern und Zoom-Konferenzen? Hätte er das ausgehalten, der große Narr, der unermüdliche Kämpfer für eine befreite, verrückte Kunst, die sich seiner Ansicht nach im Leben selbst manifestieren sollte – als „Soziale Plastik“? Womöglich wäre der Kerl ja mit den Corona-Rebellen marschiert. Joseph Beuys (1921-1986) suchte und brauchte die Nähe der Menschen, trug seine esoterisch bewegten Botschaften unbeirrt in die Menge, pfiff auf den Segen der Obrigkeit. Der akademische Diskurs, der jetzt, im Jahr seines 100. Geburtstags, pflichtgemäß anschwillt, war für ihn viel weniger wichtig als der schlichte Satz: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, der zum Titel für eine erstaunlich frische Schau im Düsseldorfer K20 wurde.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D

SONDER-
VERÖFFENTLICHUNG