Kultur Kunstkritik

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Bunte Empörungskunst: der „Arch“ von Thomas Hirschhorn neben „Black Sails“ aus Russland und (hinten) ein Video von Signe Pierce.

Schau der Aufregung im Kunstpalast Düsseldorf: „Empört Euch!“

Die Kunst mag ja munter aus dem Augenblick entstehen, ein Museumsbetrieb hat nichts Spontanes. Ausstellungen werden Jahre im Voraus geplant. Auch das Konzept der neuen Schau „Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns“ entstand, als die Welt noch nichts wusste vom Kampf gegen ein Virus. Es geht um Themen wie Frauenrechte, Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit. „Eine herausfordernde Ausstellung in einer politisch verdichteten Zeit“, sagt Ehrenhof-Direktor Felix Krämer. Leider wird man sie nur noch bis zum Wochenende sehen können. Dann ist mal wieder Lock-Down.

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Zwölf Meter hoch: Provokante Plakatkunst der Bosnierin Sejla Kamerić.

Sollte es Empörung darüber geben, dass Kulturinstitute mit ihrem strikten Hygiene-Konzept wie eine Bierbude geschlossen werden, so spielt das in der Ausstellung keine Rolle. Merkwürdig unaktuell wirken deshalb die 35 zeitgenössischen künstlerischen Positionen, die der Immobilienunternehmer und Privatsammler Florian Peters-Messer zusammen mit der Berliner Kunstautorin Linda Peitz arrangiert hat. Aber auf eine anhaltende Krise wie diese war eben niemand vorbereitet.

Ärger in der Luft

So werfen wir schnell noch mal einen Blick auf die Schau, die bunter und unterhaltsamer ist als es der politisch korrekte Vortrag des Kuratorenduos befürchten ließ. Gleich am Eingang läuft man vor einen torartigen Bogen („Arch“), den der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn mit Schildern wie „Wild and Crazy“ und „Trouble in the Air“ (Ärger in der Luft) gespickt hat. An der Wand hängen drei schwarze Segel („Black Sails of Care“), die das russische Kollektiv „Chto Delat“ für Blut, Tränen und Schleim der revolutionären Bewegungen gehisst hat – unter einem Totenkopf wie auf einem Kinder-Piratenschiff.

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Eine Lumpenpuppe aus ihrer Aktion „Superheroes“ hat Iris Kettner im Kunstpalast platziert.

Viele der beteiligten Künstler zeigen einen gewissen Spieltrieb im rebellischen Geiste. In einem Video von 2015 sorgt die Amerikanerin Signe Pierce als Blondine im Minikleid mit spiegelnder Maske und aufreizenden Posen an einer Promenade in Myrtle Beach (South Carolina) für Aufregung. Die Passanten reagieren teils belustigt, teils übel aggressiv – genau wie angesichts des lebensgroßen Lumpenkerls, den Iris Kettner 2005 an die U-Bahn-Station Berlin Alexanderplatz gesetzt hatte. Nun hockt er im Kunstpalast und sorgt dort für dezentere Irritationen.

Hübsche Provokation

Provokation ist das Mittel der politisch geprägten Kunst. Die Bosnierin Sejla Kamerić beschämt den Betrachter mit einem zwölf Meter hohen Plakat, auf dem sie bildhübsch mit ruhigem Riesinnenblick hinter einer fiesen Schmiererei posiert, die ein niederländischer Soldat während der Jugoslawienkriege 1995 auf einer Kasernenwand bei Srebenica hinterließ: „No teeth? A moustache? Smell like shit? Bosnian Girl!“ Man möchte es nicht übersetzen, kann sich das Plakat aber in Kleinformat mit nach Hause nehmen – falls man es erträgt.

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Stolze Porträts: Die Südafrikanerin Zanele Muholi hat lesbische Frauen und Transgender-Menschen aus Johannesburg fotografiert

Die etwas beliebige Werk-Auswahl mit internationalem Anspruch zeigt Transgender-Porträts aus Südafrika (Zanele Muholi), Bronze-Polizeihunde aus der Türkei (Ahmet Ögüt), ein Video über Polizeigewalt aus Frankreich (Kader Attia) und einen Container für Nazi-Relikte, die der japanische Konzeptkünstler Yoshinori Niwa draußen vor der Tür aufgestellt hat. Am sprachlichen „Giftschrank“ der Soziologin Natasha A. Kelly werden böse Wörter wie „Mischling“ oder „Schwarzafrikaner“ erklärt und in einem kleinen Video durch erwünschte Bezeichnungen wie „Afro-Deutsche“ ersetzt. Wem das gerade zu anstrengend ist, der geht einfach ins Erdgeschoss des Hauses und vergisst die Gegenwart in der wunderbaren Ausstellung „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“.

Was, wann und wo?

Theoretisch ist die Ausstellung „Empört Euch! Kunst in Zeiten des Zorns“ bis 10. Januar im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5, zu sehen. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Für den Eintrittspreis von 14 Euro ist auch die Ausstellung „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“ zugänglich. Direktor Felix Krämer hofft auf Wechselwirkungen. Im November wird es allerdings keine geben. Das Haus soll wie alle Museen für mindestens vier Wochen geschlossen bleiben. www.kunstpalast.de

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