Kultur Kunstkritik

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Kuratorin Linda Conze, die Leiterin der neu eingerichteten Abteilung Fotografie am Kunstpalast, neben kleinen Kostbarkeiten von Georg Trump (links, 1930) und Lotte Stam-Beese (1928, Abzug von 1985)

„Sichtweisen“: Der Düsseldorfer Kunstpalast feiert die Fotografie

Über Fotografie wird viel geschnattert in der Stadt Düsseldorf. Schließlich gab es hier die legendäre Becher-Klasse, aus der Superstars wie Andreas Gursky und Candida Höfer hervorgingen. Schließlich flirten Mode und Werbung heftig mit der Kunst. Schließlich zankt man sich gern um Photo-Weekends und andere Events. Eine museumsreife Sammlung zur Geschichte der Fotokunst besaß die Stadt bisher jedoch nicht – bis Felix Krämer, gewitzter Direktor des Kunstpalasts, das Rathaus überzeugen konnte, über 3000 Lichtbilder aus den Beständen der Berliner Galerie Kicken zu erwerben. Erste „Sichtweisen“ mit einer Auswahl von 200 Fotografien aus dem 19. und 20. Jahrhundert werden jetzt dem Publikum präsentiert.

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Bewegungsabläufe studierte Eadweard Muybridge um 1880 – unter anderem bei einer „Frau gehend und sich abwendend“.

Man würde ja zu gern nur jubeln. Aber so einfach ist das nicht angesichts der dritten Schau, die Krämer und sein Team in diesem Frühjahr am Ehrenhof eröffnen. Anders als die schwelgerische Rokoko-Malerei von Angelika Kauffmann und die optischen Wow-Effekte von Peter Lindbergh sind die „Sichtweisen“ kein pures Vergnügen. Man muss sich schon mit Fleiß und besonders scharfen Augen durch die dunklen Säle arbeiten, in denen die Kuratorin Linda Conze (35) die kleinen, zum Teil winzigen Exponate nach Themen geordnet hat.

Spätere Vergrößerung erlaubt

Von zusätzlichen Vergrößerungen und anderen Tricks hält die neue Abteilungsleiterin für Fotografie nichts. Man will „keine Effekthascherei“. Dabei ist die Authentizität des Originals ohnehin angegriffen. Denn etliche Klassiker des Genres existieren in der Sammlung nur als nachträglicher Abzug oder „Print“. Eine Reihe von August Sanders typisierten Porträts aus den 1920er-Jahren zum Beispiel wurde 60 Jahre später von seinem Sohn Gunther Sander frisch auf den Markt gebracht. Und Man Rays berühmtes Frauenauge mit den künstlichen Tränen („Les Larmes“, 1926) entstand neu 1990 im Pariser Labor Picto von Pierre Gassmann. Selbst bei Helmut Newtons „Walter Steiger Schuh“, einem Stöckelding aus dem Jahr 1983, handelt es sich um eine „spätere Vergrößerung“.

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Faszination der Dinge: eine Maske von Walker Evans (1935) und ein Stöckelschuh von Helmut Newton (1983).

Das finden offenbar nur Laien seltsam. Kuratorin Linda Conze hält nichts von der „Fetischisierung“ des Originals. Maßstab für den Wert von Fotografie auf dem Kunstmarkt ist die Autorisierung durch Erben und Rechteinhaber. Der aus Aachen stammende Fotogalerist Rudolf Kicken (1947-2014) war dafür ein ausgewiesener Experte. Von seiner Witwe Annette Kicken, die das Berliner Geschäft Ende 2018 auflöste, kaufte die Stadt Düsseldorf die verbliebenen Bestände der Galerie, nachdem die persönliche Sammlung des Paares bereits 2013 vom Frankfurter Städel Museum übernommen worden war. Auch diesen Deal hatte übrigens Felix Krämer eingefädelt. Damals war er noch in Frankfurt der Abteilungsleiter für Moderne – bevor er 2017 nach Düsseldorf wechselte.

Experimente mit Licht und Schatten

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Moderne Klassik in neueren Abzügen: Man Rays berühmte Bilder „Les Larmes“ (1933) und „Noire et Blanche“ (1926).

Über Preise wird nicht allzu gern geredet. Aber man weiß, dass die Stadt Düsseldorf acht Millionen Euro für den Ankauf von rund 2000 Fotografien locker machte, die restlichen 1000 Stücke kamen als steuergünstige Schenkung hinzu. Alles in allem soll’s ein Schnäppchen gewesen sein, der Handelswert der Sammlung wird wesentlich höher eingeschätzt. Wie dem auch sei: Der Kunstpalast besitzt nun endlich einen beachtlichen Grundstock im Bereich Fotografie. Man wird, wie der Direktor verspricht, weitere Anschaffungen machen und auch den wenig beachteten Sammlungsbereich des Hauses 2022 entsprechend neu gestalten.

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Kalter Krieg: Die Agentur Associated Press verbreitete Fotos von Atomtests in der Wüste von Nevada in den frühen 1950er-Jahren.

Zukunftsmusik! Jetzt gucken wir erst einmal die Bilder dieser Ausstellung an. „Licht“ heißt das erste Kapitel und vereint ganz verschiedene Arbeiten wie eine 1920 entstandene, winzige Doppelbelichtung von Renata Bracksieck und ein paar schöne Seestücke, die Joel Meyerowitz in den 1980er-Jahren am Strand von Provincetown, Massachusetts, aufgenommen hat. Laszlo Moholy-Nagy entwickelte in den 1920ern sogenannte „Fotogramme“ ohne Negativ und belichtete das Fotopapier direkt. Seine Schattenspiele sind ein Kontrast zu den Blitzlicht-Experimenten der österreichischen Foto-Pionierin Marianne Strobl, die schon 1905 mit Plattenkamera, Glasnegativen und Blitzlampen eine Tunnelbaustelle erhellte.

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Strenge Ästhetik: ein „Wasserturm“ von Bernd und Hilla Becher (1966) neben Karl Blossfeldts Pflanzenstudien 1900-1928 (Abzüge von 1975).

Von Dingen und Menschen

Unter dem Saaltitel „Raum“ geht es unter anderem um zweckdienliche Architekturfotografie am Bauhaus und die Stufen der Arena von Verona, 1935 aufgenommen von Alfred Renger-Patzsch. Die kaum erkennbaren Übungen zu „volumetrischer Komposition“ und andere Spezialitäten aus den Moskauer „VKhUTEMAS Workshops“ der 1920er-Jahre sind eher von akademischem Interesse. Packender ist das Thema „Zeugnis“ mit Fotoreportagen von Atomtests in Nevada 1951 und Nick Úts ikonischem Bild von weinenden fliehenden Kindern im Vietnam-Krieg. Der „Tod eines spanischen Loyalisten“, den Robert Capa 1936 an der Front in Córdoba aufnahm, ist, wie man lernt, umstritten. Es gibt Gerüchte, dass der renommierte Fotograf die Szene inszeniert habe. Fake News?

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Blumen der Vergangenheit: Um 1900 fotografierte Eugène Atget in Paris den Quai Bourbon und einen Margeritenbusch.

Weiter geht es zum Thema „Alltag“ mit Szenen aus dem Paris der Belle Époque von Eugène Atget an Kölner Kiosken um 1980 von Tata Ronkholz. Für „Ordnung“ sorgen die Leibesübungen deutscher Turnerinnen in der Nazi-Zeit und Karl Blossfeldts historische Pflanzenstudien neben einem „Wasserturm“ von Bernd und Hilla Becher. Es ist noch viel Einzelnes zu betrachten in den Kapiteln „Dinge“ und „Menschen“ – von Monstranzen, die in den 1860er-Jahren fotografisch katalogisiert wurden, bis zu dem reizenden Kind „Uwe“, dessen Sommersprossen in den 1960er-Jahren von Heinrich Riebesehl in seiner Serie „Gesichter“ festgehalten wurden.

Von der Blume bis zum Mond

Die „Neugier“ des letzten Kapitels führt vom Röntgenbild einer Lilie bis zum Mond, dessen Oberfläche schon vor über 100 Jahren fotografisch untersucht worden ist. Man sieht viel, sicher zu viel Verschiedenes in dieser Ausstellung. Da kommt zusammen, was nicht unbedingt zusammen gehört. So ein Überblick kann ziemlich anstrengend sein, und die Stichworte, unter denen der neue Schatz des Hauses arrangiert wurde, sind nicht gerade zwingend. Aber man freut sich schon auf künftige Erlebnisse mit der Kunst der Fotografie am Ehrenhof.

Was, wann und wo

Sichtweisen. Die neue Sammlung Fotografie“: bis 17. Mai im Düsseldorfer Kunstpalast, Ehrenhof 4-5. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Eintritt 10 Euro, zu empfehlen ist das Kombiticket für alle Ausstellungen im Kunstpalast (mit Angelika Kauffmann und Peter Lindbergh): 14 Euro. Der Katalog mit 200 Abbildungen ist auf Deutsch oder Englisch erhältlich und kostet im Museum 29,80 Euro. www.kunstpalast.de

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