Kultur Kunstkritik

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So süß? Die Kohlkopf-Babys der Fotografin Anne Geddes auf einem Badetuch.

So schaurig süß: die Cute-Schau im NRW-Forum Düsseldorf

Nun erzählen Sie mir bloß nicht, Sie täten das nie! Wir alle können es doch nicht lassen und klicken gern mal auf eins dieser putzigen Videos, von denen es im Netz nur so wimmelt: tollpatschige Welpen, freche Babys, schmusende Raubtiere. So süß! Und ehrlich gesagt, habe ich mir bei Snapchat auch schon digitale Hasenohren aufgesetzt. Unser inneres Kind ist ja leicht irre. Und die Welt ist völlig verrückt nach allem, was cute (niedlich) aussieht. Die Frankfurter Medienwissenschaftlerin Birgit Richard bezeichnet die „Cuteness“ allen Ernstes als „zentrale Ästhetik der Gegenwart“. Sie hat dazu im Düsseldorfer NRW-Forum eine schaurig süße Show inszeniert: „#cute: Inseln der Glückseligkeit?“

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Wo ist hier der Panda-Bär? Suchbild aus der Gothic-Szene.

Nun war das goldige Thema schon geplant, bevor die Corona-Pandemie das Lebensgefühl lahmlegte. Das interaktive Konzept hat wie wir erheblich an Unbefangenheit eingebüßt. Wer süßlich bunte Modelliermasse anfassen oder ein Panda-Bären-Steckspiel machen möchte, muss dabei für sich bleiben und Einweg-Handschuhe tragen. Immerhin darf man es sich auf einem der vorwiegend pinkfarbenen Verweilstationen bequem machen – die sehr vereinzelten Plüschkissen sind im vorgeschriebenen Abstand befestigt worden. Tja, es ist nun mal Schluss mit spontan. Zwar trug Alain Bieber, der künstlerische Leiter des Forums, einen supersüßen rosa Teddy-Hoodie, aber die Gefühle, die passen gerade nicht so. „Sind wir nicht alle ein bisschen unterkuschelt?“ seufzt Bieber dazu.

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Nur auf den ersten Blick putzig: die Hündchen von FALK.

Die Blumen des Bösen

In der Tat, und das wird sich auch so bald nicht ändern. Umso erfreulicher, dass die Kultur nicht aufgibt. Wer sich ordentlich maskiert und desinfiziert, darf im NRW-Forum dabei sein. Und eine Ausstellung erleben, die erheblich reflektierter ist, als man vielleicht auf den ersten Blick meint. 50 künstlerische Positionen zeigen in sanft-entschiedener Form, wie sich das Niedliche dem Schrecklichen entgegen neigt. So hat das großäugige Hündchen aus der Lasercut-Serie eines gewissen FALK (@betrayal_junkie) nicht nur einen komischen Hut aus rosa Blütenblättern, sondern auch einen Leib aus rohen Eingeweiden. Da wird das verzückte Ooooh ganz schnell zum Igitt.

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Eine Expertin zum Fürchten: „Dr. Cute“ in einem Video von Rachel Mac Lean.

Nicht alles ist so nett wie die populären Arbeiten der Australierin Anne Geddes, die Babys in niedlichen Kostümen als Früchte oder Insekten fotografiert. Wobei man sich fragt, ob schon Säuglinge so einen Model-Stress gebrauchen können. Ein Geddes-Badetuch mit zwei molligen, in Kohlköpfen hockenden Babys lockt die Besucher jedenfalls in einen Saal voller Zweideutigkeiten. Die New Yorker Video-Künstlerin Katie Torn lässt da mit allerlei verzerrten Niedlichkeiten die Blumen des Bösen blühen, eine Barbiepuppe wird zum Horrorwesen, und ihre Kollegin Carla Gannis hat aus dem „Garten der irdischen Freuden“ von Hieronymus Bosch einen „Garden of Emoji Delights“ gemacht – schließlich drücken wir unsere Emotionen in der digitalen Kommunikation bevorzugt mit Fertigsymbolen aus.

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Kuscheln auf Abstand: Kuratorin Birgit Richard neben einem Plüschsitz vor Jill Greenbergs Bärenbild „Ursine“.

Was treibt das Einhorn?

Selbst im Gothic und Heavy-Metal-Milieu, hat Professorin Richard erforscht, gibt es, wie sie es nennt, „Dark Cuteries“ – Weihnachtspullis mit Totenköpfen, ein schwarzes, mit Metallspitzen gespicktes Bobby-Car für den Baby-Punker oder Suchbilder mit dem Panda-Bärchen unter Geisterköpfen. Während in Jonathan Monaghans „Disco Beast“ ein Einhorn durch menschenleere Räume irrt und schließlich mit dem Raumschiff in andere Galaxien flieht, kann man in der „Cute“-Schau noch allerhand Abgründiges entdecken: die aus verschiedenen Kuscheltieren zusammengesetzten „Creatures“ von Anastasia Ward zum Beispiel oder, noch gemeiner, den ausgestopften Kopf eines verblichenen Chihuahua auf dem Körper eines Plüschtiers.

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Ganz gemein: „Bambirette“ von Les Deux Garçons, ein Hundekopf auf Plüschtier.

„Bambirette“ heißt die niedliche Monstrosität aus dem Atelier des niederländischen Künstlerduos Michel Vanderheijden van Tinteren and Roel Moonen alias Les Deux Garçons. Wer schwarzen Humor schätzt, wird diese verrückte Ausstellung lieben. Dem Kitsch wird hier gewissermaßen der Hals umgedreht. Empfindsame Fans und Follower des Hashtags #cute müssen ganz tapfer sein. Denn selbst Rachel Mac Lean, die in einem quietschbunten Video als plüschohrige Expertin „Dr. Cute“ erklärt, wie uns Werbung mit Niedlichkeit manipuliert, hat ganz fiese spitze Zähne. Sie ist zum Fürchten, die süße Glückseligkeit.

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Buchtitel werden zu Gedichten auf den Fotografien der Gursky-Schülerin Alex Grein. 

Die Kunst in der ersten Etage

Wer sich geistig überzuckert fühlt, kann sich im ersten Stock des Hauses erholen. Dort zeigt die Kulturstiftung der Sparkasse mit Kuratorin Katharina Grote in der Reihe „Made in Düsseldorf“ wieder bemerkenswerte Kunst aus der Sparkassen-Sammlung: „Uncover“. Johanna Reich, die unter anderem bei Wim Wenders studiert hat und multimedial arbeitet, lässt in einem Video die silber-goldene Rettungsfolie für die weibliche Kunst flattern und entreißt mit zarten Fotografien und neuen Wikipedia-Texten etliche historische Kolleginnen dem Vergessen. Gursky-Schülerin Alex Grein hat Bücher aus verstaubten Bibliotheken so fotografiert, dass die Titel auf den optisch reizvollen Buchrücken wie Gedichte gelesen werden können: „Die heile Welt, vom Winde verweht, denn der Wind kann nicht lesen“ oder einfach: „Die Manager reden“. Eine überaus poetische Idee, die so gar nichts Süßliches hat.

Was, wann und wo?

„#cute: Insel der Glückseligkeit?“ Bis 10. Januar 2021 im NRW-Forum Düsseldorf, Di.-Do. 11 bis 18 Uhr, Fr. 11 bis 21 Uhr, Sa. 10 bis 21 Uhr, So. 10 bis 18 Uhr. Der Katalog ist im Kerber Verlag erschienen und kostet 28 Euro. Bis 8. November zeigt die Kulturstiftung der Sparkasse im ersten Stock parallel eine Ausstellung der Reihe „Made in Düsseldorf“ mit Werken von Alex Grein und Johanna Reich: „Uncover“. Eintritt: 7,50 Euro. Masken- und Abstandspflicht. www.nrw-forum.de

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