Kultur Kunstkritik

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Als junger Mann hat er hier an der Akademie studiert, jetzt kehrt er mit Vergnügen in die Düsseldorfer Altstadt zurück: HA Schult in der Kapuzinergasse.

Trash People im Glashaus: HA Schult und sein Düsseldorfer Museum auf Zeit

Die harten Kerle sind weit gereist in den letzten 25 Jahren. Sie standen stramm vor den Pyramiden und am Matterhorn, auf der Chinesischen Mauer, in Moskau, Paris, Rom und im Rittersaal eines oberschwäbischen Schlosses. Aus Müll hat HA Schult seine friedliche Armee der „Trash People“ geschaffen, und wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht mehr. Eigentlich hätten die markanten Typen in diesem Frühjahr vor dem Mailänder Dom antreten sollen. Aber Corona kam dazwischen, auch aus einem Afrika-Projekt wurde nichts. Dafür machen 100 von Schults 1000 reisenden Müll-Männern jetzt „HALT im Glashaus“ an der Düsseldorfer Kapuzinergasse.

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Blick durchs Schaufenster: Im Glashaus an der Kapuzinergasse 24 stehen die Trash People von HA Schult.

Aber was heißt hier Männer? Schult hat schon früher versichert, dass die mannshohen Figuren „übergeschlechtlich“ seien und insofern neutrale Ebenbilder von uns selbst, den Betrachtern und Betrachterinnen. Nun ja, auf jeden Fall haben sie eine breitschultrige Ausstrahlung, sind robust und wetterfest, gepresst aus Dosenmüll und anderen Abfällen, wobei vermeintlich verderbliche Essensreste wie Muffins oder Bockwürste aus gehärtetem Schaumstoff bestehen. Genaues bleibt des Künstlers Geheimnis. Seine Trash People verweisen jedenfalls sehr beständig auf die Vergänglichkeit: Wir Menschen machen im Leben zu viel Müll und werden am Ende selbst zu Müll.

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Ein Aufzug führt hinauf in den Galerieraum der dritten Etage.

Picture Boxes und ein Flügelauto

Bis dahin sind manche von uns allerdings besonders vital und kreativ – wie HA Schult, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Parchim als Hans-Jürg Schult geboren wurde, in den Trümmern von Berlin aufwuchs und Ende der 1950er-Jahre an der Düsseldorfer Akademie bei dem informellen Maler K. O. Götz die Freiheit und die Kunst studierte. Die Altstadt war sein Revier und insbesondere das Kreuzherreneck, „wo Beuys noch ohne Hut reinstolperte“. Anders als der Schamane vom Niederrhein überforderte Schult das Publikum nicht mit schwierigen Aktionen und Fettecken, sondern schuf fotogene Objekte, deren Botschaft jeder verstehen konnte und sollte – auch Kulturbanausen und vor allem Kinder, denen er gern seine Kunst zeigt.

Schon in den 1970er-Jahren inspirierte ihn die Wegwerfgesellschaft, er schuf malerische „Picture Boxes“ aus Müll und Farbe. Viele Düsseldorfer erinnern sich bestimmt noch an die „Plastiktüten-Show“, die er 1982 mit seiner damaligen Frau und Muse, der schrill kostümierten Ex-Schauspielerin Elke Koska, in der Kunsthalle veranstaltete. 1986 gründete er in Essen ein Museum für Aktionskunst, mit dem er 1992 nach Köln umzog, wo er mit einem goldenen „Flügelauto“ den Fetisch Auto zugleich gefeiert und angeprangert hatte. Das Ding landete auf dem Turm des historischen Stadtmuseums, von wo es aus Denkmalschutzgründen entfernt werden sollte. Aber das Ministerium duldete einen bis heute andauernden „vorübergehenden Verbleib“. Alle freuten sich.

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Für immer jung: HA Schult mit seiner vierten Ehefrau und Muse Anna Zlotovskaya zwischen Trash-Figuren.

Immer noch ein junger Künstler

Gesellschaftskritik muss ja nichts Trostloses sein. HA Schult macht daraus eine Schau. Und ein Geschäft, was er auch in den führenden Bling-Bling-Metropolen München und New York ausgeübt hat. Nach einer Zwischenstation in Berlin lebt er heute mit seiner hübschen vierten Ehefrau, der Moskauer Geigerin Anna Zlotovskaya, wieder am Rhein. Seit 2019 hat er ein Atelier am Florapark in Bilk, lässt sich von der Galerie Geuer vertreten (ein Trash-Mann für zu Hause kostet da 9800 Euro) und macht mit seinen 81 Jahren einen überaus frischen Eindruck: „Ich bin ja noch ein junger Künstler!“

In Pumphose und Sneakers, bestens gelaunt, empfängt Schult die ersten Neugierigen im (2017 vom Architekturbüro Corneille-Uedingslohmann erbauten) Glashaus an der Kapuzinergasse, das ihm nach der Schließung eines schicken, aber schlecht besuchten Cafés vom Hausbesitzer zur Verfügung gestellt wurde. Schon durch das Schaufenster sieht man die ersten Trash People stehen, manche in Coca-Cola-Rot und Limodosen-Grün, andere silbern schimmernd im Blechbüchsen-Look, geschmückt mit Ravioli-, Champignons- und Heringskonserven. Einige tragen lange Haare aus Drahtbändern, einige haben die Last der schnelllebigen Technologie in Form klobiger Tastaturen und ausrangierter Festplatten am Hals. Hier und da klebt auch ein Kronkorken von einem lange ausgetrunkenen Bier.

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Die haltbar gemachte Substanz der Müll-Figur: Coladosen und gehärtete Teigwaren.

Lieber frei und bodenständig

Jede Figur erzählt ihre eigenen Geschichten, man kann sich nicht satt sehen an den Details. Und obgleich das Thema Verfall so traurig ist und die Vermüllung ein todernstes globales Problem, wird man heiter und fühlt sich für ein Weilchen von pandemischen Gedanken befreit. Auch HA Schult wirkt lockerer, seit er nicht mehr im Luxus-Ambiente des Andreasquartiers bei Schickimicki-Events den Hauskünstler geben muss. Er agiert lieber frei und bodenständig. Wie es mit seinen Trash People weitergeht, weiß er noch nicht. „Wir ziehen weiter“, sagt er – aber noch hat die Corona-Krise die Welt im Griff.

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Angetreten: ein Trupp der Trash People im dritten Stock des Glashauses.

Wo und wann?

„HALT im Glashaus“: 100 Trash People, die aus Müll geformten Skulpturen von HA Schult, werden für etwa drei Monate an der Kapuzinergasse 24 gezeigt. Das Erdgeschoss mit etlichen Figuren kann von außen eingesehen werden, eine große Installation von Müll-Figuren steht im Galerie-Raum im dritten Stock. Geöffnet ist das Haus unter Beherzigung der herrschenden Hygiene- und Abstandsregeln jeweils Freitag und Samstag 16 bis 19 Uhr und individuell auf Voranmeldung per E-Mail unter haschult@hotmail.com. Für Sammler: Zur Ausstellung erscheint eine Foto-Edition in einer 50er-Auflage für 2000 Euro.
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