Kultur Kunstkritik

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Werke aus dem Verein Düsseldorfer Künstler: Kurt Sandwegs Bronzeskulptur „Skepsis“ vor Günter Sengers „Gruppenbild des Vorstands" von 1979 und einem 1978 entstandenen Bild von Norbert Tadeusz (rechts).

Überleben ist auch eine Leistung: 175 Jahre Verein Düsseldorfer Künstler

Irgendetwas stimmt nicht: Während der 1898 gegründete Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen alljährlich am Ehrenhof den Glanz der „Großen“ zelebriert, spricht man kaum noch von dem viel älteren Mutter-Verein der Düsseldorfer Künstler. Das ist gemein. Und es soll sich ändern durch eine Ausstellung im Stadtmuseum und ein Buch zum 175-jährigen Bestehen der Gemeinschaft, die heute um ihr Überleben kämpft.

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Die Vielfalt des Vereins wird durch eng gehängte Kleinformate demonstriert.

Nun gehört Vereinsgeschichte nicht gerade zu den prickelnden Themen für ein großes Publikum. Und, ehrlich gesagt, sind die langen Wandtexte und aufgedruckten Illustrationen im Stadtmuseum kein echtes Lockmittel. Aber da hängen etliche Original-Kunstwerke, die es wert sind, gewürdigt zu werden, der Katalog ist hübsch gemacht, und wer sich fleißig durcharbeitet, wird interessante Fakten zutage fördern.

Die Erfolgreichen helfen den Armen

Es begann in der glorreichen Zeit der Düsseldorfer Malerschule: 100 Herren der damaligen Elite, unter Leitung ihres Stars Wilhelm von Schadow, gründeten den „Verein der Düsseldorfer Künstler zur gegenseitigen Unterstützung und Hülfe“. Denn es gab, genau wie heute, einerseits große Erlöse auf dem Kunstmarkt, andererseits bittere Armut bei glücklosen Talenten. Gründungsmitglied Wilhelm Camphausen schuf eine Reihe von Lithographien über die „Schattenseiten der Düsseldorfer Maler nebst verkürzten Ansichten ihrer letzten Leistungen“. Da sieht man zum Beispiel den mittellosen Kollegen Paul Kiederich, der in seinem Atelier von einem uniformierten Beamten gemaßregelt oder sogar gepfändet wird.

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Auch die Verfolgung jüdischer Mitglieder des Düsseldorfer Künstlervereins in der Nazi-Zeit ist ein Thema in der textreichen Ausstellung.

Erfolgreiche Mitglieder des Vereins verlosten ihre Kunstwerke zum Wohle des Vereins für 852 Taler, was damals beachtlich war, und zeigten sich auch sonst nicht geizig. Schon 1848 gründete man den „Malkasten“ für den geselligen Ausgleich: „Immer zu zwei’n“. Es wurde viel gefeiert, und das Vermögen des Vereins wuchs mit den Chancen seiner Mitglieder. 1874 stiftete der preußische Staat die erste Kunsthalle (am heutigen Grabbeplatz) und ließ sie zur Hälfte vom Verein bespielen. Aber man träumte von einem „Grand Palais“ wie in Paris, wollte einen eigenen Kunstpalast und gründete 1898 das historisch fatale Extra: den „Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen“.

Als Damen noch nichts durften

Das 1917 vom Rat festgelegte Nutzungs-Vorrecht gilt bis zum heutigen Tage und beschert auserwählten Künstlern die „Große“ Ausstellung. Allerdings wird diese Schau frei juriert. Nur noch wenige Mitglieder des ursprünglichen Vereins der Düsseldorfer Künstler (VdDK) sind dabei – zum Verdruss alter Kämpfer und Kämpferinnen wie der Malerin und Beuys-Schülerin Brigitte Dümling, die von 2011 bis 2014 die erste und einzige Frau an der Spitze des VdDK war.

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Frauenpower: Brigitte Dümling (links) war bis 2014 die erste und einzige weibliche Vorsitzende des Vereins Düsseldorfer Künstler, sie diskutiert hier mit den Kolleginnen Johanna Hansen (Mitte) und C. U. Frank. 

Bei einer kleinen, von der Malerin Johanna Hansen moderierten Talkshow entstand der Eindruck, dass der Verein bis heute von Männern dominiert sei. In der Vergangenheit war das jedenfalls eine Selbstverständlichkeit. Wie die Malerin und Konzeptkünstlerin Chris U. Frank bei den Recherchen für einen Katalogbeitrag herausfand, gab es zwar schon 1881 ein „Namensverzeichniß der Damen, welche zur Beschickung der auswärtigen Ausstellungen durch die Kommission des Vereins berechtigt sind“, aber keinerlei Rechte für Künstlerinnen. Sie durften im preußischen Staat weder an der Akademie studieren noch ordentliches Mitglied eines Künstlervereins werden.

Ein Chef für zwei Vereine

Heute ist das natürlich anders. Von den 236 aktiven Mitgliedern des Vereins der Düsseldorfer Künstler sind 111 weiblich, rund 47 Prozent. Die meisten Neuaufnahmen sind Frauen. Kein Grund zur Klage also. Dass der im historischen Atelierhaus Sittarder Straße residierende Klub von einem Mann geleitet wird, ist ja nichts Falsches, zumal der 2014 gewählte Vorsitzende Michael Kortländer neue Verbindungen schafft. Denn er sitzt schon seit 2008 auch an der Spitze des Vereins zur Veranstaltung von Kunstausstellungen.

Seit 2016 kuratiert der Maler, Bildhauer und eloquente Chef der „Großen“ außerdem die kleinen Ausstellungen im Gartenpavillon des Malkastens. Ganz nebenbei verfolgt er die Idee eines „WerkKunstHauses“ für die praktische Umsetzung von kreativen Ideen aus der regionalen Szene. Wer weiß, vielleicht werden so am Ende die unnötigen Spaltungen überwunden.

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Düsseldorfer Kunstgeschichte im Stadtmuseum: Walter Opheys grimmiges „Selbstbildnis“ von 1925 (links) und der zarte „Zigeunerjunge“ von Bernhard Gobiet (1931).

Ein Verein und seine Geschichte

„Zwischen Hungertuch und Kunstpalast – 175 Jahre Verein der Düsseldorfer Künstler“: bis 5. Januar 2020 im Stadtmuseum Düsseldorf, Berger Allee 2. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 4 Euro, ab 17 Uhr sowie sonntags frei. Der Katalog kostet 25 Euro. www.duesseldorf.de/stadtmuseum

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