Kultur Kunstkritik

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Der Blick der Künstlerin: Selbstbildnisse von Angelika Kauffmann in Bregenzerwälder Tracht (1781, links), mit der Büste der Minerva (1784) und als 12-jähriges Mädchen (1753).

Verrückt nach Angelika: Düsseldorfer Kunstpalast feiert Rokoko-Malerin

Sollten Sie noch nie etwas gehört haben von der Rokoko-Malerin Angelika Kauffmann (1741-1807), so ist das kein Zufall. Die auf männliche Meister konzentrierten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts haben ihren Namen nur beiläufig erwähnt. Dabei war sie, wie die Kauffmann-Forscherin Bettina Baumgärtel versichert, „der Liebling ihrer Epoche, ein Superstar, eine Stilikone“. In den europäischen Metropolen huldigten ihr die höchsten Herrschaften, man feierte und kopierte sie begeistert. „The whole world is angelicamad“, erzählte man in London, die ganze Welt war verrückt nach Angelika. Dank einer großen und liebevoll arrangierten Schau im Düsseldorfer Kunstpalast wird sich der Glanz dieser fabelhaften Frau erneuern.

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Medienstar aus dem Rokoko: Kamerateam an Angelika Kauffmanns „Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei“ von 1794.

Ein bisschen Show gehört dazu. Das „Decorum“ muss stimmen, fand auch Angelika Kauffmann. Gleich am Anfang zeigen verschnörkelte Tapeten und Teller mit Angelika-Motiven, was da los war in den Salons, wo man für die Künstlerin schwärmte. In stimmungsvoller Dekoration werden hundert Kauffmann-Gemälde am Ehrenhof gezeigt – und später an der Londoner Royal Academy, deren Gründungsmitglied die ausländische Künstlerin 1768 war. Eins der kostbarsten Exponate, das Porträt der Königsschwester Augusta Friederike Luise mit ihrem Baby Charles, stammt aus dem persönlichen Besitz von Queen Elizabeth II. und durfte von Kuratorin Baumgärtel nach einigem Antichambrieren in den Privatgemächern Ihrer Majestät inspiziert werden.

Von nun ging’s bergauf

Und obgleich der Brexit die Laune und die Rechtslage nicht verbesserte, hängt jetzt das fast drei Meter hohe Monumentalwerk hier, und wir sehen das Besondere: Die Prinzessin mit ihrem locker wallenden Gewand und nackten Füßen in Zehensandalen erinnert an eine Madonna, der strampelnde Kleine in ihren Armen ist nur mit einem Tuch bedeckt wie das Christuskind. Das traf 1767 den empfindsamen Geschmack der Zeit. „Der Beyfall mit jener meiner Arbeit ist so groß“, schrieb Angelika Kauffmann an ihren Vater, „daß die öffentlichen Blätter rühmlich derselben erwähnen, und ich oft Verse in verschiedenen Sprachen zum Lobe meiner Gemälde daran geheftet finde“. Von da an ging es nur noch bergauf für die Kunstkarrierefrau.

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Upper Class: Britische Herrschaften ließen sich mit der ganzen Familie von Angelika Kauffmann porträtieren.

Das war keineswegs selbstverständlich in einer Zeit, die zwar das weibliche Talent würdigte, aber den Frauen dennoch nur eingeschränkte Rechte einräumte. Angelika, geboren im schweizerischen Chur, hatte Glück. Ihr Vater Joseph Kauffmann, ein renommierter Maler aus dem österreichischen Vorarlberg, förderte sie von Anfang an und ließ sie mithelfen bei der Renovierung der Kirche in seinem Heimatdorf Schwarzenberg im Bregenzerwald. Sie blieb der Gegend stets verbunden und malte sich, die Grande Dame, auch mal gerne in Tracht: „Ich liebe das Vatterland so innig, dass ich manches Mahl wünsche, meiner Tage dorten zu enden“, schrieb sie. Aber sie war eine Frau von Welt und starb in Rom, wo ihre Büste im Pantheon neben der des großen Raffael aufgestellt wurde.

Zwischen Musik und Malerei

Wäre es nach ihrer musikalischen Mutter Cleophea gegangen, wäre alles anders gekommen. Tatsächlich war Angelika auch eine begabte Sängerin, die als Mädchen erfolgreich auftrat. Erst nach dem Tod der Mutter traute sich die 16-jährige, eine moderne Lebensentscheidung zu treffen – gegen den Gesang, für die Malerei. Das war nicht leicht für sie. Eins ihrer berühmtesten Bilder in einer Version von 1794 zeigt sie im weißen Kleid zwischen den Allegorien der Musik und der Malerei. Während sie mit der brünetten Schönheit Musik noch Händchen hält und zärtliche Blicke austauscht, scheint die blond-energische Frau Malerei sie zu ermahnen und weist mit ausgestrecktem Arm hinauf zum Tempel des Ruhms.

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Porträts von Damen und Herren: Zwei Frauen als Musen (1791) und zwei männliche Auftragsbildnisse.

Ein anspruchsvoller Weg. So sollte es sein. Auf langen Reisen durch Italien studierte Angelika Kauffmann die Meister der Renaissance, lernte Kollegen kennen, trat in die Akademien ein, zeichnete viel, auch männliche Akte, malte Porträts britischer Bildungsreisender und ließ sich nicht aufhalten. 1765 zog sie nach London, wo man sie sofort liebte und engagierte. Auf weiteren Selbstbildnissen ist sie ganz standesbewusste Künstlerin, blickt uns gerade aus ihren braunen Augen an, trägt Griffel oder Pinsel wie Insignien der Macht. Sie war eine selbstständige Frau, die sich 1757 allerdings vom falschen Charme eines Schwindlers betören ließ. Die heimliche Heirat wurde später diskret annulliert.

So schön kann doch kein Mann sein

Reden wir nicht über Irrtümer, sondern über Erfolge. Nach dem Deal mit der Königsfamilie wollten sich alle Ladys und Gentlemen von dieser Frau porträtieren lassen – am liebsten in malerischer Verkleidung, das war sehr in Mode. Mary Lennox, die Herzogin von Richmond, posierte 1774 wie eine Haremsdame in türkischen Glitzer-Pumphosen. Lord Bruce, der Marquess von Ailesbury, gefiel sich 1795 im schwarz-seidenen Anzug mit Spitzenkragen nach Art des flämischen Barockmeister van Dyck. Angelika folgte gern solchen Wünschen. Das Business lief gut. Bis zu drei Personen pro Tag lud die Malerin in ihr Atelier ein, sie arbeitete mit schnellem Pinsel. Wichtig war das Gesicht der Kundschaft, die Figur konnte später mit Hilfe von Ersatzmodellen ausgeführt werden.

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Auch Männer erscheinen mit anmutiger Gebärde wie hier Tarquinius auf dem Bild „Servius Tullius als schlafendes Kind im Flammenwunder“ (1785).

Der Ehrgeiz der Angelika Kauffmann wollte allerdings mehr. Das Historienbild galt ihr als nobelstes Genre. Und so malte sie 1775 zum Beispiel den trojanischen Krieger Hektor, der seinen allzu zarten Bruder Paris ermahnt, in den Kampf zu ziehen. „Weichlichkeit“ wirft Hektor dem blondgelockten Jüngling vor. Doch weich wirkt auch er selbst, obgleich die Künstlerin seinen Unterarmen deutliche Muskelstränge verpasste. Der rote Umhang flattert kokett, das Füßchen hat er hübsch nach hinten aufgesetzt, die Hand ist anmutig gebogen, die ganze Szene könnte aus einem Ballett stammen. Grazie ist bei Angelika Kauffmann keine Frage des Geschlechts. Die Schönheit von Haltung und Gebärde sollte die schöne Seele in der Malerei sichtbar machen.

Das süße Leben in Rom

Und so gelangte Angelika Kauffmann immer höher hinaus – zum Beispiel zu den allegorischen Deckengemälden für das Somerset House, das sie 1778/80 im Auftrag der Royal Academy malte. Hinter Säulen werden diese ausgeliehenen Schätze theatralisch präsentiert. Als sie entstanden, war die Kauffmann schon fast 40 – und wagte noch einmal etwas Neues. Sie zog nach Italien, nicht ohne zuvor eine Vernunftehe mit dem italienischen Maler Antonio Zucchi einzugehen. Der ältere Kollege wurde gewissermaßen ihr Manager und löste den Vater ab, der 1782 starb.

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Schöne Dekoration: Mit Salontapeten und einem Säulenraum wurde im Kunstpalast eine historische Atmosphäre geschaffen.

In Rom, wo sie sich im selben Jahr mit Antonio niederließ, genoss sie bis zuletzt den Erfolg und die Freiheit. In ihrem Palazzo oberhalb der Spanischen Treppe trafen sich Adelige und Geistesgrößen zur Plauderei. Auch Goethe und die Herzogin Anna-Amalia aus Weimar besuchten die hochgebildete und sprachgewandte Künstlerin gerne. In Angelikas Salon ging es munter zu. Die Porträts der lebhaft gestikulierenden Dichterinnen Fortunata Sulgher Fantastici und Teresa Bandettini Landucci geben einen Eindruck wieder: Man erfreute sich an Stegreif-Poesie, was so etwas war wie der Poetry-Slam des Rokoko. Es muss ein Vergnügen gewesen sein – und ein erfülltes Leben für Angelika Kauffmann. 1807 starb sie nach kurzer Krankheit und wurde in Rom mit allen Ehren bestattet.

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Im römischen Salon von Angelika Kauffmann traten Stegreif-Poetinnen auf – und wurden von ihr gemalt.

Was, wann, wo?

„Verrückt nach Angelika Kauffmann“: bis 24. Mai im Kunstplast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Eintritt: 10 Euro. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Ausnahmen: Am 4. Februar schließt das Haus bereits um 16 Uhr, am 12. Februar ist es ganztägig geschlossen. Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet 39,80 Euro und ist in deutscher oder englischer Sprache erhältlich. www.kunstpalast.de

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Schlussbild: Büsten zu Ehren von Angelika Kauffmann für die Walhalla (links) und die Kirche von Schwarzenberg.

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