Kultur Kunstkritik

D_Koelgen_2_11012019

China trifft Usbekistan an deutscher Kunst: Der chinesische Kulturmanager Jian Guo vom Verein DCKD (links) und der usbekische Konsul Nuriddin Y. Mamajonov neben der Collage „Rauch“ von Vera Lossau.

Von Taschkent nach Düsseldorf: Die Kunst der Neuen Seidenstraße

Die Chinesen kommen. Der wirtschaftliche Aufbruch des Riesenreichs ist nicht aufzuhalten. Das wird allenthalben konstatiert und diskutiert – halb bang, halb fasziniert. Während die einen das große Geschäft wittern, fürchten die anderen den Ausverkauf der europäischen Zivilisation. Umso wichtiger ist es, auch weichere Aspekte der neuen Öffnung nach Fernost zu beachten. Was können wir entdecken, was voneinander lernen? Jian Guo, ein Chinese in Düsseldorf, Vorsitzender des Vereins für Deutsch-Chinesischen Kulturaustausch (DCKD), macht die Neue Seidenstraße zwischen Düsseldorf und Peking mit seinem Projekt „Blue Container“ zu einer Trasse der Kunstbegegnung. 15 Künstler(innen) aus Deutschland und Usbekistan zeigen jetzt im Schloss Elbroich, wie spannend das sein kann: „Interlocal“, zwischen den Orten.

D_Koelgen_Buessow_11012019

Als Kurator bewährt sich der ehemalige Regierungspräsident und Mitbegründer des Kunstvereins 701, Jürgen Büssow – hier zwischen den Fotoarbeiten von Corina Gertz.

Zunächst einmal schickt der Verein ein Geständnis voraus: Der Zug mit den blauen Containern voller Kunst, dessen Abfahrt im Juni letzten Jahres mit einer großen Zeltausstellung und 20 000 Besuchern im Duisburger Hafengebiet gefeiert wurde, steht immer noch auf dem Abstellgleis in Duisburg. Es gibt Probleme mit der Technik und mit lückenlosen Genehmigungen in allen Ländern der sogenannten Neuen Seidenstraße zwischen Deutschland und China. Man kann es sich lebhaft vorstellen. Guo ist dennoch überzeugt, dass der Zug bald rollen wird: „Das klappt!“ Bis dahin ruht er nicht, sondern arbeitet mit dem „Blue Container“ als Idee.

D_Koelgen_Affen_11012019

Besondere Herren: In der Serie „The Sing Peintre“ zeigt der Schweizer Maler Stefan à Wengen würdevolle Schimpansen in Renaissance-Posen.

Die Idee der blauen Container

Und so hielt der (noch) imaginäre Kultur-Zug mit Kunst aus Düsseldorf im Gepäck vor ein paar Wochen bereits in einer der ehrgeizigsten Metropolen der Neuen Seidenstraße: Taschkent, 2,35 Millionen Einwohner, Hauptstadt Usbekistans. Das unter dem neuen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev liberalisierte, hauptsächlich von weltlich orientierten Muslimen bewohnte Land will einen Platz im globalen Wirtschaftstheater – und öffnet sich auch dem Kulturtourismus. Hauptattraktion ist das sagenhafte Samarkand mit seinen prachtvollen Moscheen und orientalischer Ornamentkunst, berühmte Station der historischen Seidenstraße. Wie der aus Frankfurt angereiste Konsul Nuriddin Y. Mamajonov vor der Presse versicherte, brauchen deutsche Besucher ab sofort keine Visa mehr.

D_Koelgen_Wuerfel_11012019

Der chinesische Kurator Yang Shu neben einem abstrakten Wandobjekt von Dior Razikov aus Usbekistan.

Aber man kann ja erst mal im Schloss Elbroich eine Annäherung versuchen. Vier usbekische Künstler der progressiveren Generation beweisen mit neuen abstrakten Arbeiten, was sich in der lange vom sozialistischen Pathos geprägten akademischen Tradition Usbekistans bewegt hat. Und elf Künstler und Künstlerinnen aus der Düsseldorfer Region, die im Dezember in der palastartigen nationalen Galerie von Usbekistan in Taschkent präsentiert wurden, zeigen ihre weitgereisten Werke jetzt in Düsseldorf. Die Verbindung hergestellt hat Guos Berater Jürgen Büssow, ehemaliger Regierungspräsident und engagierter Mitbegründer des Düsseldorfer Kunstvereins 701. Die Hängung hat der chinesische Kurator Yang Shu besorgt.

D_Koelgen_Lippenstift_11012019

Konzept mit Lippenstift: Die in Moskau geborene und in Düsseldorf lebende Künstlerin Jewgenija Tschuikowa präsentiert ein Rot der besonderen Art.

Fotografien, Konzepte und Lippenstifte

Der Besuch lohnt sich. Denn Büssow und seine Künstler sind frei von den Exaltiertheiten des Kunstmarkts, und sie sind frei von den üblichen kuratorischen Abgrenzungen. Sie offenbaren, wie vielfältig die Produktion aktueller Kunst hier sein kann. Gleich vorne prangt eine der typischen, weithin erkennbaren Fotoarbeiten mit dem Gesicht von Katharina Sieverding: „Kunst und Kapital“. Hinten im Dunkeln zeigt ihre Tochter Pola Sieverding ihre Video-Arbeit „the epic“ und teilt sich die Leinwand mit der „Metamorphosis“ des usbekischen Kollegen Sanjar Djabbarov. Über einem Stehtischchen für die Vernissage hängt wie zufällig ein kleines Schild an der Wand: „All drama must remain on stage“, jedes Drama muss auf der Bühne bleiben. Witziger Teil der konzeptuellen Arbeit von Installationskünstlerin Ulrike Möschel.

Jewgenija Tschuikowa, die in Moskau geboren ist und an der Düsseldorfer Akademie studiert hat, war mit besonderen Gefühlen nach Taschkent gereist: Ihre Großmutter stammte aus Usbekistan. Doch die Bilder dieser Ausstellung haben nichts Nostalgisches, sie beschäftigen sich mit der Umwandlung von Schminke in künstlerisches Material. Tschuikowa arbeitet mit Lippenstiften, „Poppy Love, Coral Lady and others“, und druckt Kussmünder in dichter Abfolge auf Leinwände. Aus der Distanz erkennt man nichts als eine streng geordnete, sehr schöne Symphonie in wolkigen Rottönen. Nur aus nächster Nähe erkennt man die Küsschenform – aber sie hat ihren albernen Sinn vollkommen verloren. Sie ist abstrakte Malerei geworden.

D_Koelgen_Dia_11012019

In einer dunklen Ecke gibt es Video-Kunst – unter anderem die „Metamorphosis“ des Usbeken Sanjar Djabbarov.

Die Pracht der verlorenen Dinge

Das kann man von den Bildern Stefan à Wengen (ja, mit Accent auf dem a) nicht sagen. Der in Basel geborene Wahl-Düsseldorfer arbeitet figurativ und jenseits aller künstlerischen Trends. Seine Schimpansen in Posen und Gewändern von Renaissance-Herrschaften sind ein ironischer Hinweis auf die biologische Verbundenheit von Mensch und Tier. Große Beachtung finden auch die Fotoserien von Corina Gertz, die Frauen in leuchtenden Trachten von hinten zeigt. Ohne Gesichter, umgeben von undurchdringlichem Schwarz, haben diese „Abgewandten Porträts“ nichts Folkloristisches oder gar Kitschiges. Sie zeigen dennoch die Pracht der traditionellen Stoffdesigns. Und sie erzeugen sogar eine kleine Traurigkeit über das, was wir mit diesen Trachten verloren haben.

D_Koelgen_Sieverding_11012019

Auch die Kunst-Prominenz ist dabei: Katharina Sieverding zeigt ihre neue Arbeit „Kunst und Kapital“.

Es ist noch viel zu sehen in dieser Ausstellung – von den seltsam surrealen Landschaften der Rita-Mc-Bride-Schülerin Vera Lossau bis zum impressionistisch aufleuchtenden „Orientalischen Motiv“ des Usbeken Nuriddin Rasulov. Die Saalfolge im helllichten Nebengebäude des Schlosses Elbroich ist ideal für Ausstellungen mittleren Umfangs. Der Park lädt zu kleinen Spaziergängen ein. Gäbe es ein Café in der Nähe, würde man sich wünschen, dass die Chinesen hier regelmäßig Kunst für die Düsseldorfer zeigen.

Wo und wann?

Die Ausstellung „Interlocal – Zeitgenössische Kunst aus Deutschland und Usbekistan“ wird an diesem Samstag, 12. Januar, ab 14 Uhr im Rahmen eines Usbekistan-Festes beim Verein DCKD (Deutsch-Chinesischer Kulturaustausch) im Schloss Elbroich eröffnet. Bis 28. Januar kann die Kunst von der Neuen Seidenstraße im Rahmen des Blue-Container-Projekts dann Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden. Adresse: Am Falder 4. Parkplatz am Eingang des Schlossparks. Der Eintritt ist frei.

Zurück zur Rubrik Kunstkritik

Zurück zur Startseite

Weitere Nachrichten aus Kunstkritik

D_grosse_BB_02072019

Als gemeiner Beobachter könnte man fragen, was die gemischten Werke eines Vereins eigentlich in einem ambitionierten städtischen Kulturinstitut zu suchen haben. Gewiss, der Düsseldorfer „Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen e. V.“ hat den alten Kunstpalast von 1900 bis 1902 auf eigene Kosten gebaut und sich damit nach einem Ratsbeschluss von 1917 ein dauerhaftes Nutzungs-Vorrecht erworben. Aber, pardon, das ist nun 102 Jahre und unzählige Umbaumaßnahmen her. Man darf darüber streiten, ob die Vereinssache noch ins Konzept passt. Aber Museumsdirektor Felix Krämer ist nett und lobt den „intensiven Austausch“, für den er dieses Jahr sogar fünf statt drei Wochen eingeräumt hat.

D_Briefwechsel_Paar_20190623

Zuerst war da wieder diese Zappeligkeit in mir, der ewig Ungeduldigen: Warum fängt es jetzt nicht an, worauf warten die denn noch? Puh, ist das heiß heute! Wegen zahlreicher Absperrungen in Event-City Düsseldorf kamen etliche angemeldete Gäste spät zur Lesung der Düsseldorfer Lyrikerin und Malerin Johanna Hansen und ihres amerikanischen Autorenfreundes David Oates im Oberkasseler OK25, dem „Raum für jede Art“. Doch dann spielte das Frauen-Duo KontraSax seinen schwerelosen Klangzauber – zur Einstimmung auf einen Briefwechsel der besonderen Art, der das Publikum stundenlang lächelnd lauschen, träumen und nachdenken ließ.

D_Krefeld_Bauhaus_statue_20190618

Zugenagelte Läden, verrottete Fassaden, Müll auf der Straße, kaum Menschen am Beuys-Platz und kein Café weit und breit: Die Krefelder Innenstadt, keine 20 Kilometer entfernt vom Shopping- und Party-Paradies Düsseldorf, ist nicht gerade the place to go. Nach dem Zusammenbruch der Textilwirtschaft lässt der Strukturwandel zu wünschen übrig. Dafür kann man in aller Ruhe richtig gute Kunst erleben. Im altehrwürdigen Kaiser Wilhelm Museum gibt es eine fabelhafte Bauhaus-Ausstellung: „Von Albers bis Zukunft“.

report-D: Social Media / RSS

Bildergalerien von report-D