Kultur Kunstkritik

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Literaturstar Karl Ove Knausgård präsentiert in Düsseldorf seine Munch-Ausstellung.

Wie der Dichter den Maler sieht: Knausgårds Munch-Schau im Düsseldorfer K20

Prominenten-Alarm! Das norwegische Kronprinzenpaar Haakon und Mette-Marit erschien zur Vernissage im Düsseldorfer K20. Dort wird eine Ausstellung mit Bildern von Edvard Munch (1863-1944) gezeigt, kuratiert von Norwegens derzeit renommiertestem Schriftsteller Karl Ove Knausgårde, einem markant-melancholischem Mann, der in der Literaturszene seine ergebenen Fans hat und bei der Pressekonferenz von Kameraleuten nur so umschwirrt wurde. Wenn Ruhe eingekehrt ist, wird man sehen, was eigentlich an den Wänden hängt: viel Munch von der weniger berühmten Sorte, beschaulich präsentiert.

Der norwegische Expressionist, immer fertig mit den Nerven, war selbst nie zufrieden mit seinen Bildern. Er verfluchte sie, zerkratzte sie, trat sie mit Füßen und war doch so besessen, dass er die gleichen Figuren immer wieder malte, um seine Faszination für die Liebe und den Tod auszudrücken. Einige davon sind, um den abgedroschenen Begriff mal zu gebrauchen, zu Ikonen geworden: „Der Schrei“, „Der Kuss“, die nackte „Madonna“, schön wie „Die Sünde“. Um es gleich zu sagen: Die sind nicht dabei. Denn es geht, so heißt es, um „eine frische Perspektive“, um den persönlichen Blick des Dichters Karl Ove Knausgård auf Edvard Munch.

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Mit zwei sonnigen Bildern von Edvard Munch startet die Schau im K20.

Vom Kämpfen und Sterben

Knausgård, Spezialist für eine introvertierte Mischung aus Essay und Erzählung, stieg mit einem sechsbändigen autobiografischen Roman mit Titeln wie „Sterben“ und „Kämpfen“ in den Olymp der preisgekrönten skandinavischen Dichter auf. Er befindet sich derzeit auf Promotion-Tour für die Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast ab nächster Woche bekanntlich das Land Norwegen sein wird. Dort präsentiert wird auch Knausgårds ins Deutsche übersetztes Buch über sich und die Munch-Betrachtung: „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“. Trifft sich also fabelhaft, dass Susanne Gaensheimer, die Chefin der Düsseldorfer Kunstsammlung, gerade jetzt eine Ausstellung übernimmt, die Knausgård schon 2017 für das Munch-Museum Oslo eingerichtet hat.

Damals – ein toller Nebenjob für einen Schriftsteller – durfte er in aller Ruhe in den Magazinen des Museums forschen und unbeeinflusst die 140 Bilder seiner Ausstellung wählen. Der kunsthistorische Rang eines Stücks war ihm offenbar nicht so wichtig wie vier emotionalen Themen, nach denen er die Schau in Oslo sortiert hat. Bis hin zur den Wandfarben wurde sein Konzept jetzt in Düsseldorf wiederbelebt. Kein Problem, wir kennen es ja noch nicht.

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Um „Licht und Landschaft“ geht es im ersten Raum der Munch-Austellung.

Eingänge zur Wirklichkeit

Dann schauen wir mal. Das Didaktische interessiert den Dichter nicht, es gibt nicht mal Bildtitel an der Wand, nur Knaugårds übergeordnete Sätze wie: „In der Kunst geht es ebenso sehr darum zu suchen wie darum zu erschaffen. Aber wenn es so ist, wonach? Nach Eingängen zur Wirklichkeit, nach Öffnungen zur Welt.“ Gleich am Anfang steht diese schmerzlose Erkenntnis, und dazu leuchten die eigentümlich zersplitterten Strahlen einer Munch’schen „Sonne“ über dem Meer von 1912.

Um „Licht und Landschaft“ geht es in Knausgårds erstem Munch-Kapitel. Auf himmelblau gestrichenem Hintergrund baden da nackte Knaben (um 1898), und Männerfiguren von 1915 heben sich kaum ab vom wilden Strich der Klippen, auf denen sie sich sonnen. Lebensfreude oder Panik? Man weiß es nie bei Munch. Er hat es mit der Heiterkeit versucht. Aber sie wollte ihm nie so recht gelingen. Die „Mädchen beim Blumengießen“ stehen wie erstarrte Puppen, und die leeren Gesichter der „Zwei Frauen unter dem Baum“ sehen schon fast wie Totenschädel aus.

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„Der Wald“ ist ein weiteres Thema, das Knausgård bei Munch entdeckt hat.

Zwischen Chaos und Harmonie

Seit Mutter und Schwester früh an der Schwindsucht starben, war Munch von Ängsten umgetrieben, die seine Malerei so fiebrig machten wie die Felder und Himmel des Kollegen van Gogh. Auch „Der Wald“, grün gestrichenes Thema des zweiten Kapitels der Schau, hat nichts Beruhigendes. Wie ein waberndes Monster erscheint da ein riesiger Stamm „Im Ulmenwald“ von 1923, winzige Menschlein im Hintergrund wirken wie hilflose Insekten. Der „Kohlacker“ (1915) ist aufgewühltes Terrain. Und „Unter den Sternen“ (1900-05) vor kleinen Häusern kauert ein Paar, das verloren scheint. Aus hohlen Augen starrt die Frau, oder ist es ein Gespenst?

„Chaos und Kraft“ sieht der Schriftsteller im Werk Munchs und zeigt auf schwarzen Wänden mehr einsame Figuren und verirrte Paare, eine traurige „Sphinx“ aus dem „Menschenberg“ sowie eine „Trinkgesellschaft“ aus der Geisterbahn. Auch eine kleine „Bronze“, ein „Weinendes Mädchen“ von 1914, gehört dazu, sowie eine Reihe von Holzschnitten, die mit wenigen kruden Linien die Trostlosigkeit feiern.

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Schwarz sind die Wände, um „Chaos und Kraft“ bei Munch zu betonen.

Das Gesicht des Anderen

Dabei konnte Munch auch ganz anders, er konnte Menschen liebevoll porträtieren – und hat damit auch gutes Geld verdient. Im letzten Kapitel geht gewissermaßen die Sonne auf. Auf gelben Wänden präsentiert Knausgård „Die Anderen“, die so wichtig sind, denn, so erklärt uns der Dichter schon in dem dunklen Ausstellungskapitel: „Wir leben im Gesicht des anderen, nicht in unserem eigenen, das sehen wir nicht.“

Von Zuneigung geprägt ist das frühe Porträt von Munchs Schwester Inger, die sanft lächelt in einem schwarzen Trauerkleid. Konsul Sandberg, sicher ein guter Kunde, steht breitbeinig da, und „Ludwig Meyers Kinder“ gucken niedlich wie rotbackige Püppchen. Außerdem treten etliche feine Herrn und elegante Damen in reizvoll-modernen Kompositionen auf, dazu „Zwei Backfische“ und „Zwei Dienstmädchen“ in fröhlicher Farbigkeit.

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In leuchtendem Gelb erscheinen „Die Anderen“: Munchs freundlich-expressive Porträts.

Über die Abgründe des Malers und seine kunsthistorische Einordnung erfährt man nur, wenn man den Katalog auch den Text der hiesigen Kuratorin Annette Kruszynski eingängig studiert. Und so kommt es, dass man heiteren Sinns die Ausstellung verlässt, die der so nachdenkliche Dichter vielleicht unabsichtlich zu einem leichten bürgerlichen Kunstvergnügen gemacht hat.

Wann, wo und wie lange?

Die Ausstellung „Edvard Munch, gesehen von Karl Ove Knausgård“ ist ab 12. Oktober für das Publikum geöffnet und läuft bis 1. März 2020 im K20, Grabbeplatz 5. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. und Feiertage 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 12 Euro. Ein Begleitheft mit den Werktiteln ist gratis. Der Katalog kostet 26 Euro. Ebenfalls erhältlich ist das vom Luchterhand-Verlag ins Deutsche übersetzte Munch-Buch von Karl Ove Knausgård: „Soviel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“ (24 Euro). www.kunstsammlung.de

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Alles Knausgård: Werke des norwegischen Schriftstellers im Museumsshop.

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