Kultur Kunstkritik

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Ein Werk auf Zeit: Die in London lebende Kanadierin Megan Rooney hat die zweistöckige Wand in der Kunsthalle mit hellen Farben und leidenschaftlichen Gesten bemalt.

Zwei starke Frauen in der Düsseldorfer Kunsthalle

Okay, Ai Weiwei hat die größere Show. Zur Vernissage im K20 stand die Warteschlange quer über den Grabbeplatz. Aber vielleicht machte der eine oder andere Ungeduldige doch auf dem Absatz kehrt und ging stattdessen lieber in die niemals überlaufene Kunsthalle. Direktor Gregor Jansen freut sich jedenfalls über „Synergien“. Und er präsentiert unbeirrbar, was jenseits des Massenandrangs neue Perspektiven eröffnet. „Fire On The Mountain“ heißt eine leidenschaftliche Schau von Bildern und Objekten der jungen Kanadierin Megan Rooney. Strenger, aber nicht minder interessant: die Fotokunst der New Yorkerin Eileen Quinlan im Kunstverein.

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Zusammenarbeit: Kunsthallendirektor Gregor Jansen mit seiner Kuratorin Anna Lena Seiser (links) eröffneten ihre Ausstellung gemeinsam mit Kunstvereinschefin Eva Birkenstock und der New Yorker Künstlerin Eileen Quinlan (rechts).

Die beiden Institutionen sind ja prinzipiell unabhängig voneinander, aber sie leben nun mal unter einem Dach in einer Art Galerie-WG und müssen sich vertragen. Es macht einfach Sinn, Projekte im gemeinsamen Haus auch zusammen vorzustellen. Diesmal passt es richtig gut. Zwei nordamerikanische Frauen der jungen und mittleren Generation zeigen, was wir nicht schon zur Genüge kennen. Beide arbeiten selbstbewusst mit Material und Eindrücken aus ihrer unmittelbaren Umgebung.

Die verborgenen Gesichter

Megan Rooney, 1985 aufgewachsen zwischen Südafrika, Brasilien und ihrer Heimat Kanada, lebt seit zehn Jahren in London und lässt sich von der Stadt, ihren Klängen, von den Menschen und dem Müll inspirieren. Sie sammelt, was die Zivilisation für überflüssig hält und macht daraus verblüffende, witzige, absurde Objekte. „Überall“, sagt sie, „sehe ich Gesichter“. Und Figuren. Und verrückte Konstellationen. Ein paar Straßenschilder, vermummt mit Stoffen, frisiert mit Seilen, werden zu Typen im „Renter’s Paradise“ (Mieterparadies), sehr entfernte Verwandte von Picassos Treibholzgruppe „Die Badenden“.

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Malerei und Müllskulptur: 40 Aquarelle von Megan Rooney hinter einem bemalten Container mit dem Titel „Clack-Clack-Bang-Bang“.

„Kaputt! Kaputt“ sind verbeulte, mit Zement gefüllte und mit Abfällen wie einer Badematte ausgestatteten Ölfässer. Es ist keine heile Welt, die Megan Rooney umtreibt. Auch das Malen von Gesichtern und Gefühlen empfindet sie oft als Kampf gegen eine Leinwand – oder eine richtige Wand. Zehn Tage im Mai hat Megan Rooney mit Hilfe eines Hubfahrzeugs, für das sie einen Führerschein brauchte, die 17 mal acht Meter große hohe Wand des zweistöckigen Saals mit dem titelgebenden „Fire on the mountain“ bemalt. Feuer auf dem Berg also – eine furiose gestische Arbeit, in deren Abstraktion man durchaus Augen und Gestalten erahnen kann. Die Form spielt mit dem Chaos. Die heiter schwebenden Farben jedoch – orange, pink, gelb und ein Fetzen von Himmelblau – erzeugen geradezu ein Glücksgefühl. Schade, dass die Pracht nach Ende der Ausstellung wieder weiß überpinselt wird. Der Verlust gehört für Rooney zur Kunsterfahrung.

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Fotoarbeiten von Eileen Quinlan und ein Spiegelobjekt für die Selbstbetrachtung im Kunstverein.

Schönheit und Vergänglichkeit

Von Vergänglichkeit spricht auch die 1972 in Boston geborene und in Brooklyn lebende Fotografin Eileen Quinlan, deren künstlerisches Werk sich nicht mit der reportagehaften Abbildung beschäftigt, sondern mit Rissen, Brüchen, Veränderungen – in den Dingen, an den Menschen. Dass man vor allem Schönheit wahrnimmt, hat damit zu tun, dass Eileen Quinlan mit kommerzieller Fotografie ihr Geld verdient hat und sich auskennt mit der Wirkung von Farbe und Linie. Aus der Nähe erkennt man zum Teil realistische Details: die Kaiserschnittnarbe im Unterleib einer Mutter, das Schnürchen eines Tampons zwischen Pobacken, weibliche Lebenspuren, die in der Aktfotografie gewöhnlich verborgen bleiben.

Ein feministischer Ansatz, meint Kunstvereinschefin Eva Birkenstock. Allerdings findet man auch ganz neutrale Motive, die Quinlan mit Kamera, Scanner und Computer für ihre beeindruckenden Bilderserien bearbeitet: Yoga-Matten, Spiegelfolien, eine Steppdecke verwandeln sich da in abstrakte Strukturen. Und einige persönliche Motive – das Gesicht von Eileens Schwester, ein Fuchs (das Seelentier ihres Sohns), ein paar vertrocknete oder erfrorene Blumen – wahren dennoch ihr Geheimnis.

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Scanner-Arbeiten und eine Bilderserie mit Fotografien von Spiegelfolie gehören zur Schau von Eileen Quinlan.

Wann und wo?

Megan Rooney: Fire On The Mountain“ ist bis 11. August in der Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4 zu sehen. Am Fr., 24. Mai, um 20 Uhr, Sa., 25. Mai, um 16 Uhr und So., 26. Mai, um 12 Uhr präsentiert die Künstlerin jeweils eine Performance mit Sound und Tänzerinnen. Im selben Haus und ebenfalls bis 11. August zeigt der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen Fotokunst von „Eileen Quinlan: „Wait For It“. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. www.kunsthalle-duesseldorf.de und www.kunstverein-duesseldorf.de

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