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Kilian Land: „Spucken konnte ich schon den ersten Tag“

Affenstark: Kafkas „Bericht für eine Akademie“ im Schauspiel Düsseldorf

Es ist ja nicht alles schlecht an den Corona-Bedingungen. Dass man im Schauspielhaus nicht mehr so dicht beieinander hockt, immer einen freien Platz neben sich hat und die Handtasche abstellen kann, hat durchaus etwas Angenehmes. Viele freuen sich gewiss auch, derzeit keine vierstündigen Inszenierungen durchhalten zu müssen. Da Pausen verboten sind, wird alles knackig kurz gehalten. Als Kilian Land allerdings schon nach einer furiosen Dreiviertelstunde mit Kafkas „Bericht für eine Akademie“ fertig war, fühlte sich das verdutzte Premierenpublikum dann doch etwas unterversorgt. Wenigstens ein Stündchen hatte man erwartet.

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Kilian Land kam mit wenigen Requisiten aus

Nun gehört der „Bericht“ nun mal zu den Quickies der Weltliteratur. Schließlich handelt es sich nicht um ein ausgebautes Drama, sondern um eine kuriose Erzählung, die Franz Kafka 1917 in einer Zeitschrift veröffentlichte. Inspiriert von einer Tiernummer im Prager Varieté, formulierte Kafka den Monolog eines Affen namens Rotpeter, der sich menschliche Fähigkeiten angeeignet hat und so etwas wie ein Star geworden ist. Der Text wurde unverzüglich mit Vergnügen rezitiert, die deutschsprachige Erstaufführung am Theater gab es aber erst 1963 in Berlin, wo Klaus Kammer als Menschen-Affe brillierte.

Hohe Herren und Damen!

Eine Charakterrolle voller Witz und Abgründe – und eine fabelhafte One-Man-Show für den 30-jährigen Schauspieler Kilian Land in der „szenischen Einrichtung“ von Roger Vontobel. Soll wahrscheinlich heißen, dass der Mime selbst die meiste Arbeit gemacht hat. Anders als damals der Kollege Kammer kommt Land allerdings nicht in aufwendiger Affenmaske. Lediglich ein paar struppige Fellsträhnen, die aus dem weißen Hemdkragen, den Hosen und den Manschetten ragen, sowie ein paar Mundpolster, die er alsbald ausspuckt, deuten die tierische Herkunft an.

Der Affe spricht tadelloses Deutsch. Er hat sich feingemacht, trägt einen schwarzen Anzug wie ein Geschäftsmann, denn er soll für eine Akademie einen Vortrag über sein äffisches Vorleben halten. Aus sprachpolitischer Korrektheit wendet sich Kilian Land in dieser neuen Inszenierung nicht nur an die „Hohen Herren“, sondern auch an die Damen des Auditoriums. Ansonsten macht er keine Umstände, sondern spielt sich mit einem Affenzahn hochkonzentriert durch die Aufführung. Ein Stuhl, auf den er nach Affenart im Stand zu springen weiß, und ein paar Weinflaschen zum lustigen Schlabbern sind die einzigen Requisiten, die der Mime braucht.

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Kilian Land

Der Schatten gleicht dem Tier

Von einer Jagdexpedition des Tierparks Hagenbeck, hört man, war der Affe vor Jahren angeschossen und gefangen worden. Wie er behauptet, kann er sich kaum noch an seine sprachlose Existenz im Urwald erinnern und versichert den Wissenschaftlern vornehm: „Ihr Affentum kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine.“ Es ist uns, zeigt Kilian Lands Spiel, vielleicht aber doch näher, als der Mensch gemeinhin denkt. Denn während Rotpeter erzählt und gestikuliert, mitgerissen von den Ereignissen, gleicht sein menschlicher Schatten an der Wand einem Riesenaffen. Äffische Laute, die er gelegentlich ausstößt und von einer Loop Station multiplizieren lässt, erzeugen Rudellaute.

Hinter Käfigstäben in einem Schiffsladeraum, so wird erzählt, beschloss der Affe, nicht sinnlos auszubrechen, sondern den Menschen gleich zu werden, um der Gefangenschaft verlässlich zu entrinnen. Ein blendendes Lichtgewitter und Bühnennebel kennzeichnen die befreiende Erkenntnis. Es fiel dem Affen leicht, die Männer an Bord nachzuahmen: „Spucken konnte ich schon den ersten Tag.“ Pfeife rauchen, Schnaps saufen, den Bauch streichen, das lernte er schnell, und plötzlich konnte er auch sprechen: „Halloh!“

Verwirrung des dressierten Tieres

Das, lehrt uns Kafka, ist offenbar die Basis unserer stolzen Zivilisation. Der Affe eignet sich in kurzer Zeit eine Durchschnittsbildung an und reüssiert in der Unterhaltungsbranche. Nach Banketten und Gesellschaften, wo man ihm schmeichelt, erwartet ihn zu Hause „eine kleine halbdressierte Schimpansin“, mit der es sich nachts „nach Affenart“ wohlergehen lässt. Bei Tag kann er sie nicht ertragen, weil er in ihren Augen „den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres“ sieht.

Der hochsensible Kafka gab uns viel zu interpretieren über das gequälte Tier und das Bestialische im Menschen. Wir hätten gerne mehr erlebt, doch der Bericht ist abgeschlossen.

Information

Die nächsten Vorstellungen von Franz Kafkas Monolog „Ein Bericht für eine Akademie“ mit Kilian Land sind am 26. und 30. September (Restkarten) sowie am 17., 24. und 31. Oktober und am 7. November jeweils 20 Uhr im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses am Gründgens-Platz. Es herrscht Maskenpflicht. Die Vorstellung dauert weniger als eine Stunde. www.dhaus.de

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