Kultur Theater

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Viel los auf der Bühne und das Kunstblut spritzt

„Dantons Tod“ am Düsseldorfer Schauspielhaus: Haltet euch fest!

Kinder, da war noch was los, als das neue Düsseldorfer Schauspielhaus 1970 mit „Dantons Tod“ eröffnet wurde! Krawall vor der Tür, Polizeischutz für die Premierengäste. „Schmeißt die fetten Bonzen raus!“ schrien die Demonstranten. Heute kümmern sich die Kids ums Weltklima und nehmen das bürgerliche Theater gar nicht wahr. Sie würden es kaum finden inmitten der Baustelle auf dem Gründgens-Platz, wo Büchners Danton erneut starb – am halb sanierten Ort. Ein nostalgisch gestimmtes Seniorenpublikum betrachtete wohlwollend ein junges, sich verausgabendes Ensemble bei qualvollen Leibesübungen unter der Regie von Armin Petras.

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Ein kurze Einführung für die Premierengäste vom Intendanten, Foto: Birgit Kölgen

Zur Begrüßung im leider stickigen Vortragseckchen hatte der Intendant schon festgestellt, dass er selbst nie eine Danton-Inszenierung „in einem derart hohen Erregungszustand“ gesehen hätte: „Halten Sie sich fest!“ empfahl er schmunzelnd. Denn haltlos ist das Volk auf der Bühne, eine zitternde, bebende Horde in Lumpen, die entfernt an die Mode des monarchistischen Frankreichs erinnern. Man kreischt bis zur Heiserkeit, man beschmiert sich mit rot-blau-weißen Farben, das Kunstblut fließt in Strömen. Wieder und wieder stürzen sich die Furchtbaren und Leidenden in den Abgrund über eine steile Rutsche, über der Bühnenbildner Olaf Altmann eine gewaltige, guillotinenhafte Klappe schweben lässt.

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Eim imposantes Bühnenbild

Die Fanatiker sind junge Frauen

Daran klammern sich die Stürzenden, hoffnungslos. Sie müssen hinab, alle, immer wieder, beeindruckend wallt dazu der Theaternebel, Ketten rasseln, Galgenstricke baumeln. Das macht durchaus dramaturgischen Sinn. Denn nichts ist mehr in Ordnung in den Jahren nach der großen Revolution, es herrscht Hungersnot, Anarchie, sinnlose Gewaltbereitschaft, die großen Führer sind zerstritten. Georg Danton, der die Royalisten und gewöhnliche Gefangene schlachtete, ist des Mordens müde und wünscht sich eigentlich nur noch Frieden, Leben und Amour. Sein ehemaliger Mitstreiter Robespierre aber schwafelt gegen „das Lasterhafte“, er will den Freigeist blutig ausmerzen – und lässt Danton und die Seinen enthaupten, kurz bevor er in der wahren Geschichte selbst hingerichtet wird.

Regisseur Petras (52) lässt die Fanatiker von jungen Frauen spielen – da sieht er wohl was kommen. Lieke Hoppe, eine langhaarige Schönheit, ist Robespierre und muss sich zwischendurch in einer Art Liebespiel mit einem männlichen Alter Ego verkrampfen. Was will man uns damit sagen? Grässlich, diese Karriereweiber? Aber sie gewinnen – erst mal. Da nützt es auch nichts, dass sich Wolfgang Michalek in der Rolle des Danton, als einziger im selben reifen Alter des Regisseurs, sehr langsam splitternackt auszieht und schweigend vor dem Mädchen Robespierre steht, nicht als Sexist, sondern schutzlos.

Ein paar Momente der Ruhe

Michaliks souveräne Darstellung bringt ein paar Momente von Ruhe und Vernunft, die man unbedingt braucht, um von der dreieinhalb Stunden langen Vorstellung nicht genervt zu sein. Im Showdown sorgen ein paar große Projektionen von Szenen und Gestalten für die Fokussierung, die im dreckigen Gewimmel so nicht möglich ist. Dabei muss man bedenken: Hier wird kein würdevoller Klassiker demontiert. Georg Büchner, selbst ein 21-jähriger Rebell, schrieb „Dantons Tod“ 1835 im Überschwang des deutschen Vormärz, er musste aus Darmstadt fliehen. Der hessische Dialekt einer Hurenfigur deutet etwas penetrant darauf hin. So weit, so gut. Dass man Büchner allerdings noch weiterschreibt und historische Texte zum Frauenrecht und zur Sklavenbefreiung von hyperventilierenden Figuren brüllen lässt, ist überflüssig und macht die Sache noch anstrengender.

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Das junge Ensemble verausgabt sich in vielen Szenen auf der Bühne

Trotzdem war das Publikum gnädig und gut aufgelegt. Mögen auch manche Wände unverkleidet klaffen, so ist die Sanierung des geliebten, von Bernhard Pfau als moderne Welle gebauten Theaters im Inneren fortgeschritten. Kurz vor der Premiere wurde der Teppichboden im original-rostroten Farbton verlegt. Transparente Fenster und ein heller Anstrich der Innenbetons sorgen für neue Helligkeit, die von den Denkmalschützern nur zähneknirschend in Kauf genommen wurde. Toiletten und Garderoben haben noch, sagen wir mal, provisorischen Charakter. Und außen wird’s dauern – denn die geschwungene Fassade zu erneuern ist offenbar komplizierter als gedacht. „Wir sind mittendrin“, sagt der Intendant. Dann bleibt es ja auf jeden Fall spannend.

Und so geht es weiter

Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“ steht ab sofort auf dem Spielplan des Düsseldorfer Schauspielhauses. Im Kleinen Haus wird am 21. September „Bungalow“ uraufgeführt, ein schrilles Psychodrama aus der Gegenwart von Helene Hegemann. Am 28. September hat dort die Bürgerbühne Premiere – Düsseldorfer Jugendliche spielen Shakespeare: „Was ihr wollt“. Das nächste große Ding ist Robert Wilsons Version von Kiplings „Dschungelbuch“, für Erwachsene und Kinder ab acht Jahren. Premiere ist am 19. Oktober im Großen Haus, ab 16. Oktober gibt es drei öffentliche Proben als Voraufführungen. Information und Karten unter www.dhaus.de

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