Kultur Theater

D_Traumspiel_12032020

Lea Ruckpaul in "Ein Traumspiel", Foto: Thomas Rabsch

Letztes „Traumspiel“: Voraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus

Ist es nicht so, dass wir morgens, wenn wir erwachen, kurz denken, alles sei normal? Dann fällt uns ein: Es herrscht ja Corona, die Covid-19-Krise. Das Virus verbreitet sich, die Einrichtungen des öffentlichen Lebens werden nach und nach abgeschaltet, niemand weiß, was uns noch bevorsteht. Die Szenarien aus überforderten italienischen Krankenhäusern wirken wie ein böser Traum, aus dem wir zu erwachen wünschen. Doch er geht weiter. Genau so wie in August Strindbergs „Ein Traumspiel“, dessen für Samstag (14.3.) geplante Premiere im Düsseldorfer Schauspielhaus jetzt wegen der Theaterschließungen ausfällt, und dessen Voraufführung am Mittwoch (11.3.) ich zufällig gesehen habe. Ein geradezu unheimlich passender Stoff ...

Martina Aschmies, die Sprecherin des Schauspiels, steht blass hinter einem Stapel von Programmbüchern zum im Mai geplanten Festival „Theater der Welt“. Sie hofft, dass sich die Lage bis dahin beruhigt hat. Das Publikum, das munter zur Voraufführung der Strindberg-Inszenierung gekommen ist und seinen Foyer-Sekt trinkt, kann noch nicht ahnen, dass Oberbürgermeister Thomas Geisel am Donnerstag die Schließung der Bühnen bekanntgeben wird. Regisseur Andreas Kriegenburg begrüßt vor dem Vorhang „viele Risikobereite“. Sein Dramaturg Robert Koall, der eigentlich hätte sprechen sollen, ist krank. Nein, nicht Corana, Hexenschuss. Man lacht erleichtert.

Schade um die Menschen

Kriegenburg betont, was bei Voraufführungen immer gesagt wird. Es sei eine Probe, hier und da gebe es „Abstimmungsfragen und Ungereimtheiten“. Beim Applaus verbeugen sich die Schauspieler traditionell nicht, das machen sie erst bei der Premiere. Doch die findet erst mal nicht statt. Umso kostbarer sind die letzten Stunden am Theater, der demonstrative Beifall.

Natürlich hätten wir in dieser Situation lieber etwas Heiteres gesehen, oder besser etwas Aufbauendes, Tröstliches, Lessings „Nathan der Weise“ vielleicht. Aber ach, nun ist es eben dieses quälende „Traumspiel“, 1902 in die Welt gesetzt von Schwedens großem Dramatiker August Strindberg (1849-1912), der selbst durch die Hölle psychischer Erkrankungen gegangen war und seine Fantasien mit einem surrealen Drama zu bannen versuchte. Seine Heldin ist Agnes, die eine Tochter des indischen Götterkönigs Indra sein soll (Strindberg hatte sich stark mit fernöstlicher Mystik beschäftigt). Aus Mitgefühl begibt sie sich unter die Menschen, um ihr Schicksal zu erkunden. Doch sie findet „so viel Angst und Schmerz und Kummer und keine Gnade“ und stellt, ehe sie sich am Ende wieder verflüchtigt, immer wieder fest: „Es ist schade um die Menschen.“

Keine Hoffnung in Sicht

Hoffnungslosigkeit und zwanghafte Wiederholungen prägen die Atmosphäre dieses Alptraumspiels. Im Umkreis eines bedrohlichen Schlosses, das wie eine Pflanze wächst und wuchert, begegnet Agnes den Sterbenden, Verlassenen, Verwirrten, vergeblich Liebenden. Enttäuschung ist überall, auch, als Agnes wie eine gewöhnliche Frau das Glück sucht, eine Ehe mit einem deprimierten Advokaten eingeht, ein Kind bekommt. Der Versuch endet in Armseligkeit, Streiterei und Babygeschrei. Es gibt kein Glück auf Erden.

Strindberg hatte das selbst immer wieder erfahren. Die stürmische Ehe mit seiner dritten Frau Harriet, einer jungen norwegischen Schauspielerin, war ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Aparterweise spielte sie 1907 dennoch die Agnes bei der Stockholmer Erstaufführung des „Traumspiels“. In Kriegenburgs Düsseldorfer Version, die man hoffentlich bald zu sehen bekommt, ist die elfenhafte Lea Ruckpaul die Göttertochter, die aus einem textilen Kokon auf den Boden der Tatsachen fällt.

Der Schmerz der Passanten

Während die Menschen – wie in Kriegenburgs Inszenierung der „Dreigroschenoper“ – fratzenhaft geschminkt sind und manche gramvolle Masken tragen, die an Munchs Bilder erinnern, erscheint Agnes mit reinem Gesicht und weißem Kleidchen, das allerdings nicht sauber bleibt. Der Schmutz der fleischlichen Existenz überträgt sich auf das himmlische Kind. Ein jeder jammert und klagt. Es gibt keine Erlösung und keine Offenbarung. Vergeblich wartet ein Offizier jahrelang vor einem Theater auf seine Angebetete, eine Pförtnerin stickt ein halbes Leben lang an einem Schal, schwer vom Schmerz der Vorübergehenden. Hinter einer Tür, die nie geöffnet wurde, vermuten der Offizier und die Wissenschaft höhere Erkenntnis, doch da ist nichts.

Kriegenburg selbst hat das Bühnenbild gebaut, wo die verlorenen Seelen zwischen den schwankenden Bretterwänden des imaginären Schlosses umherirren und unsinnige Dinge tun wie Papiere aufkleben. Darüber verstärkt eine Projektion mit leicht veränderten Szenen den Eindruck des Alptraumhaften, und der Musiker Philipp Haagen am Klavier spielt beharrlich mit den Nerven der Zuschauer. Dass Agnes im zweiten Teil des Dramas in eine höllische Quarantänestation gerät, wo die Insassen gefangen sind und um Atem ringen, ist keineswegs aus aktuellen Gründen vom Regisseur hinzugefügt worden. Strindberg hatte diese Horrorvision schon vor fast 120 Jahren. Dagegen geht es uns noch gut. Und wir hoffen, dass wir das Virus nicht im Traum, sondern wahrhaftig besiegen.

Und wie geht es weiter?

Das Schauspielhaus wie auch Oper und Tonhalle sind bis zum 2. April geschlossen. Sollte der Betrieb dann weitergehen, kann man „Ein Traumspiel“ von Agust Strindberg in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg am 7. und 20. April sowie am 10. Mai im Großen Haus sehen. Informationen unter www.dhaus.de

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